Flugzeugabsturz Würenlingen
«Es war Mord»: Warum das Verfahren zum Swissair-Anschlag wieder aufgenommen werden soll

An der Absturzstelle im Würenlinger Wald traf sich eine kleine Gruppe, um an die Opfer zu erinnern. Zurzeit laufen aber auch Bestrebungen, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden. Wegen neuer Erkenntnisse.

Louis Probst
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Flugzeugabsturz in Würenlingen (1970)
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Am 21. Februar 1970 explodierte - kurz nach dem Start - im Frachtraum einer Swissair-Maschine eine Bombe. Sie soll von palästinensischen Terroristen stammen.
Trümmerteile des Swissair-Flugzeuges liegen verstreut im Wald in der Nähe von Würenlingen.
Passanten sehen sich die Trümmer des Flugzeuges an.
Der Captain versuchte nach der Detonation zum Flughafen Kloten zurückzufliegen. Die Maschine stürzte jedoch bei Würenlingen in einen Wald ab.
Die 38 Passagiere und die 9 Besatzungsmitglieder kamen bei dem Absturz ums Leben.
Die Trümmer der Maschine.
Die Trümmer der Maschine.
Am 7. März 1971 wird an der Absturzstelle im Wald von Würenlingen eine Gedenkstätte eingeweiht. Sie besteht auch heute noch.
Ein Wegweiser führt in Würenlingen zum Denkmal bei der Absturzstelle im Wald.

Flugzeugabsturz in Würenlingen (1970)

KEYSTONE

Im Würenlinger Unterwald, vor dem Denkmal für die Opfer des Bombenanschlags auf eine Swissair-Coronado am 21. Februar 1970, hat sich eine kleine Gruppe versammelt. Anwesend sind unter anderen Marcel Gyr, Journalist und Autor des Buches «Schweizer Terrorjahre – Das geheime Abkommen mit der PLO»; der ehemalige Würenlinger Gemeindeammann Arthur Schneider, der mit seinem Buch «Goodbye everybody» die Geschehnisse des schicksalhaften Tages dokumentiert hat, sowie Nationalrat Thierry Burkart.

«Respekt, Fairness und Verantwortung stehen für die Wertehaltung des VCU», betont Louis Dreyer von der Regionalgruppe Aargau-Solothurn der Vereinigung christlicher Unternehmer der Schweiz, die den Anlass organisierte. «Wir wollen damit nicht nur an die Opfer des Anschlags erinnern. Es geht auch um staatspolitisches Verständnis.» Die Veranstaltung hatte ausserdem einen aktuellen Bezug. Zurzeit laufen Bestrebungen für die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen die mutmasslichen Attentäter, das im Jahre 2000 eingestellt worden war.

Treffen an der Absturzstelle im Würenlinger Wald.
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Arthur Schneider, ehemaliger Ammann und Buchautor: «Das Taktieren auf Verjährung ist nicht aufgegangen.»
NZZ-Journalist Marcel Gyr: «Meine Hoffnung ist, dass die Bundesanwaltschaft jetzt dort nachsucht, wo es neue Erkenntnisse gibt.»
FDP-Nationalrat Thierry Burkart: «Zu sagen, dass man keinen Zettel mehr finde und dass daher nichts gewesen sei, ist völlig naiv.»

Treffen an der Absturzstelle im Würenlinger Wald.

Louis Probst

«Fall nicht abgeschlossen»

Arthur Schneider schildert den schicksalhaften Tag, wie er ihn erlebt hatte. «Viele Fragen sind nicht beantwortet», stellt er fest. «Es gibt einem zu denken, wenn man sieht, wie alle Untersuchungen versandet sind. Ich hatte Gelegenheit, mit Angehörigen der Opfer zu sprechen. Für sie ist – mit Recht – der Fall nicht abgeschlossen, weil die Untersuchungen nicht zu Ende geführt worden sind.» Jetzt sei so viel Schub in die Sache gekommen, dass die Akten wieder auf den Tisch kämen. «Das Taktieren auf Verjährung ist nicht aufgegangen.»

Die Geschichte sei noch nicht fertig geschrieben, erklärt Marcel Gyr. Der Bericht der interdepartementalen Arbeitsgruppe, die vom Bundesrat eingesetzt worden war und zum Schluss kam, dass es ein Abkommen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) nie gegeben habe, befriedige nicht. «Ich halte an meiner These fest», betont Marcel Gyr. Er weist dabei auf eine Reihe von neuen Erkenntnissen hin. So auf den Bericht eines Swissair-Mitarbeiters aus dem Jahre 1980, oder auf einen Bericht des FBI, aus dem hervorgeht, dass die Gruppe der Attentäter unterwandert worden war.

«Es gibt verschiedene Stränge», sagt Marcel Gyr. «Inzwischen bin ich zur Erkenntnis gelangt, dass der Deal mit der PLO nicht wie ich in meinem Buch geschrieben habe, im September 1970 ausgehandelt worden ist, sondern erst im Dezember 1970 oder Januar 1971. Meine Hoffnung ist, dass die Bundesanwaltschaft jetzt dort nachsucht, wo es neue Erkenntnisse gibt.»

Treffen mit Bundesanwalt geplant

«Die These von Marcel Gyr leuchtet je länger je mehr ein», sagt Thierry Burkart. «Man muss das Thema ins damalige Umfeld einbetten. Eigentlich ist es naheliegend, dass sich der Bundesrat mit dem Thema befasst hat. Zu sagen, dass man keinen Zettel mehr finde und dass daher nichts gewesen sei, ist völlig naiv.»

Thierry Burkart will sich jetzt mit Bundesanwalt Michael Lauber treffen. Schliesslich prüft die Bundesanwaltschaft – aufgrund des Gesuches, das Arthur Schneider, gestützt auf eine Intervention von SVP-Nationalrat Maximilian Reimann, gestellt hatte – die Wiederaufnahme des Verfahrens. Thierry Burkart: «Dass die Bundesanwaltschaft der Sache nachgeht ist man den Opfern und ihren Angehörigen schuldig – aber auch dem politischen Verständnis.»

Ein gewichtiges Argument für die Wiederaufnahme des Verfahrens kommt von einem Besucher des Anlasses. «Man spricht immer vom Flugzeugabsturz bei Würenlingen.» Für ihn steht fest: «Für mich ist das Mord – 47-facher Mord.»

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