Vogelsang
"Erzwingli" - Ein Theater um Verlust und Chance

Die Freilichtbühne Surbtal führt ihre neue Produktion «Erzwingli» auf – nach einer erzwungenen Absage.

Frederic Härri
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Die Darsteller der Freilichtbühne Surbtal proben seit März dreimal in der Woche. Marie Kempe (l.) und Marion Bach spielen im Stück zwei Mägde.

Die Darsteller der Freilichtbühne Surbtal proben seit März dreimal in der Woche. Marie Kempe (l.) und Marion Bach spielen im Stück zwei Mägde.

Im 15. und 16. Jahrhundert lebte in der Schweiz der Theologe Huldrych Zwingli, der mit seinen Reformideen den Lauf des Schweizer Christentums nachhaltig veränderte. Nun nimmt sich – knapp 500 Jahre nach dem Tod Zwinglis – die Freilichtbühne Surbtal dem Leben und Wirken des einflussreichen Reformators mit einem eigenen Theaterstück an. Autor und Regisseur Gallus Ottiger wählt eine ganz spezielle Herangehensweise: «Das Stück setzt nach dem Tod von Huldrych Zwingli ein und zeigt, wie seine Familie über ihn gedacht und in ihrem direkten Umfeld unter seinen Reformen gelitten hat.»

Gleichzeitig werde veranschaulicht, wie das Leben für die Angehörigen auch nach Zwinglis Tod weiterging – und der Verlust als Chance genutzt wurde. Ottiger sagt, er wolle mit diesem Ansatz Gefühlswelten vermitteln und möglichst nahe am Mensch dran sein. Politische Dispute auf einer höheren gesellschaftlichen Ebene seien darum bewusst ausgelassen worden.

Der Titel des Stücks sei zum einen als Wortspiel zu verstehen und gehe zugleich auf eine Aussage Luthers zurück, der Zwingli einst als «Erzwängler» bezeichnete. «Ich mag kurze und knappe Titel sehr gern, deswegen hat das hier perfekt gepasst», sagt Ottiger. Das Stück habe er in einer persönlichen Rekordzeit von nur neun Wochen geschrieben. Kein Wunder, denn «ich trage die Idee schon ziemlich lange mit mir herum».

Dass «Erzwingli» zustande kam, ist auch einem gescheiterten Theaterprojekt der Freilichtbühne Surbtal geschuldet. Denn ursprünglich plante Ottiger, anlässlich des Reformationsjubiläums ein Stück in den Kirchen in Lengnau, Endingen und Tegerfelden aufzuführen. Weil die Theatergruppe dabei den Altar als Bühne einbeziehen wollte, lehnte der Kirchen-Vorstand von Lengnau-Freienwil die Durchführung des Stücks jedoch ab.

Auch wenn sich Ottiger von dieser Absage zunächst enttäuscht zeigte, habe er den Entscheid akzeptiert. Damit sei das Thema für ihn nun abgehakt. «Es liegt mir fern, in irgendeiner Form nachzukarten und einen Streit mit dem Kirchen-Vorstand zu suchen.»

Ob Ottiger einen neuen Versuch starten und das Theaterstück irgendwann spielen lassen wird? «Das ist sicher eine Option, aber nicht in den nächsten zehn Jahren.» Wenn, dann werde er es an einem anderen Ort, und vielleicht in einem anderen Kanton, realisieren. In einem katholischen Haushalt aufgewachsen, liege ihm das Reformationsthema nach wie vor sehr am Herzen. «Ich habe mit dem Stück aufzeigen wollen, dass die katholische Kirche mit der Reformation enorm dazugewonnen hat», sagt er.

Nichtsdestotrotz ist der Lengnauer reichlich stolz auf «Erzwingli» als Alternativprojekt. Er ist der Meinung, dass das Stück wahrscheinlich noch realistischer geraten sei als das Ursprungsprojekt. Unvorhergesehene Veränderungen seien eben von Zeit zu Zeit unausweichlich und können auch befreiend wirken. Insofern geht es Ottiger wohl ähnlich wie seinen Figuren im Theaterstück. Denn im Verlust steckt auch immer eine Chance.

Theaterstück «Erzwingli»: Vogelsang, 15. und 16., 21. bis 23. September, jeweils um 20 Uhr, Abendkasse ab 19 Uhr.

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