Zurzibiet
Erleichterung in der Atomkraft-Hochburg – eine Gemeinde verwarf den Ausstieg mit 90 Prozent

Nach dem Nein zur Ausstiegsinitiative herrscht in der Hochburg der Atomkraft in fast allen Lagern Erleichterung. Die AKW-Gemeinde Leibstadt schmetterte die Initiative mit einem Ja-Anteil von nur 10 Prozent am deutlichsten ab.

Andreas Fretz
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Den Blick auf das AKW Leibstadt ist man in der Region so gewohnt wie den Blick auf den Rhein. Im Bild: Full, Nachbarort von Leibstadt.

Den Blick auf das AKW Leibstadt ist man in der Region so gewohnt wie den Blick auf den Rhein. Im Bild: Full, Nachbarort von Leibstadt.

Philipp Zimmermann

Monika Stadelmann hatte in den letzten Tagen einen schweren Stand. Die einzige SP-Grossrätin des Bezirks Zurzach machte sich für die Atomausstiegsinitiative stark. Mitten in der Hochburg der Atomkraft. «Natürlich bin ich über den Ausgang der Abstimmung enttäuscht», sagt sie, «aber im Innersten habe ich mit einem Nein gerechnet, obwohl die Umfragen einen anderen Ausgang nahegelegt haben.» Ihren Humor hat sie auch am Tag danach nicht verloren: «Es ist ein schöner Tag, die Sonne scheint. Das Zurzibiet strahlt.»

In der Region, in der drei der fünf Schweizer Reaktoren stehen, sagten nur 24,5 Prozent der Stimmenden Ja zur Ausstiegsinitiative. Im Aargau waren es 37, in der Schweiz 46 Prozent. «Ich war mir im Vorfeld der Abstimmung keineswegs sicher, ob die Initiative abgelehnt würde. Die Umfragen liessen einen anderen Schluss zu», sagt Markus Birchmeier, Unternehmer aus Döttingen und Präsident des Wirtschaftsforums Zurzibiet. Wäre die Initiative angenommen worden, hätten sich Birchmeier und die Wirtschaft mit einer Menge Fragen beschäftigen müssen. «Was geschieht mit den betroffenen Jobs? Was mit den Zulieferern? Was mit den leeren Wohnungen, wenn die Arbeitskräfte wegziehen?» Über 1000 Arbeitsplätze hängen in der Region an der Atomindustrie. «Ein Ja wäre ein Faustschlag gegen das Zurzibiet gewesen», sagt Birchmeier, «wir hätten uns schleunigst mit all diesen Fragen befassen müssen. Die Privatwirtschaft wäre gefordert gewesen.»

Die Schweizer Atomkraftwerke Beznau I ist eines der ältesten kommerziell betriebenen AKW der Welt. 1969 nahm es nach vier Jahren Bauzeit seinen Betrieb auf.
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Blick auf das Kernkraftwerk Beznau, welches aus zwei identischen Blöcken (Beznau I und II) besteht. Beznau II ist seit 1971 in Betrieb. Die Atomausstiegsinitiative der Grünen verlangt, dass AKWs nach einer Laufzeit von 45 Jahren abgestellt werden. Für Beznau I und II würde dies ein Ende im Jahr 2017 bedeuten.
Das Atomkraftwerk Mühleberg ging 1971 in Betrieb und soll nach der Forderung der Grünen ebenfalls 2017 vom Netz gehen.
Der Betrieb des Kernkraftwerks Gösgen wurde 1979 aufgenommen. Gemäss der Initiative der Grünen soll es bis 2029 abgestellt werden.
In Leibstadt steht das jüngste Kernkraftwerk der Schweiz. Es wurde 1984 in Betrieb genommen und soll gemäss der Initiative 2029 vom Netz genommen werden.

Die Schweizer Atomkraftwerke Beznau I ist eines der ältesten kommerziell betriebenen AKW der Welt. 1969 nahm es nach vier Jahren Bauzeit seinen Betrieb auf.

Keystone/GAETAN BALLY

Stadelmann kommt zum Schluss: «Im Bezirk Zurzach war das Argument der Arbeitsplätze entscheidend. Es wurde ständig wiederholt, es wurden Zahlen herumgereicht, die Leute hatten Angst.» Vier der fünf Gemeinden mit dem tiefsten Ja-Anteil stammen aus dem Zurzibiet, Mandach liegt gleich daneben. Auch Birchmeier hat im Vorfeld der Abstimmung eine eigentümliche Stimmung wahrgenommen: «Die Gefühlslage war angespannt. Das zeigen die vielen Leserbriefe in der Lokalpresse, die zum Teil in einem sehr forschen Ton formuliert waren.»

Betont lässig geben sich die AKW-Betreiber nach dem Nein. Die Beznau-Eigentümerin Axpo nahm das Resultat der Abstimmung zur Kenntnis. «Für die sichere Stromversorgung der Schweiz ist das ein sehr guter Entscheid», hiess es auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Die Alpiq, Aktionärin des Atomkraftwerkes Leibstadt (32,4 Prozent), begrüsst das Nein aus betriebswirtschaftlicher Sicht, richtet den Blick aber bereits in die Zukunft und fordert neue, stabile Rahmenbedingungen, «welche einen wirtschaftlichen Betrieb der Atomkraftwerke ermöglichen».

Daran sind auch die AKW-Standortgemeinden Döttingen (Beznau) und Leibstadt interessiert. Für sie ist ein wirtschaftlicher Betrieb gleichbedeutend mit Steuereinnahmen. «Wir haben zwar nicht ausgelassen gefeiert, aber die Erleichterung, vor allem wegen der Arbeitsplätze, ist gross», sagt Leibstadts Ammann Hanspeter Erne. Seine Gemeinde schmetterte die Initiative mit einem Ja-Anteil von nur 10,3 Prozent am deutlichsten ab. «Ich bin stolz auf unsere Stimmbürger und ihr Bekenntnis zum AKW», sagt Erne, fügt dann aber an: «Eigentlich hätte ich ein noch klareres Resultat erwartet.» 2003, bei der Initiative «Strom ohne Atom», sagten nur gerade 4,2 Prozent der Leibstädter Ja. «Vielleicht glaubt doch der eine oder andere, dass man sich über einen frühzeitigen Ausstieg Gedanken machen muss», sagt der Ammann. Auch in Döttingen stimmten mehr der Initiative zu als noch 2003. Warum, darüber kann Ammann Peter Hirt nur rätseln. «Wir haben viele Neuzuzüger. Vielleicht haben sie sich noch nicht an die Nähe zum AKW gewöhnt.» Hirt war immer guten Mutes, dass die Initiative abgelehnt würde. «Die Schweiz ist nicht das Land der abrupten Lösungen», sagt er.

Dass von den drei Aargauer Gemeinden, welche die Initiative angenommen haben, ausgerechnet eine aus dem Zurzibiet zuoberst steht, verwundert nur auf den ersten Blick. Kaiserstuhl, das Städtchen am Rhein mit Ausrichtung nach Zürich und vielen Künstlern und Kunsthandwerkern, stimmt gewohnt links-liberal. «Die Menschen hier ticken urban», oft würden sie ganz anders abstimmen als in der übrigen Region oder im Kanton, stellte der «Tages-Anzeiger» schon lange vor der Abstimmung fest.