Einkaufstourismus
Erhöhen Mehrwertsteuer-Automaten den Druck auf das lokale Gewerbe?

Wegen der neuen Mehrwertsteuer-Automaten sorgen sich die Gewerbeverbände um die grenznahe Detaillisten. Die Gebühr für den Dienst von bis zu vier Prozent des Einkaufsbetrags sorgt derweil bei Lesern für Kritik.

Samuel Buchmann
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Der Mehrwertsteuer-Automat in Waldshut scannt zwar schon Belege und speichert sie. Richtig ans Netz geht er aber erst am Wochenende.

Der Mehrwertsteuer-Automat in Waldshut scannt zwar schon Belege und speichert sie. Richtig ans Netz geht er aber erst am Wochenende.

Patrick Hersiczky

Seit gestern stehen sie an den Grenzübergängen Waldshut, Ramsen und Thayngen: die Mehrwertsteuer-Automaten. Gegen eine Gebühr übernimmt die Betreiberfirma Refund Suisse die Administration der grünen Ausfuhrscheine und erstattet die deutsche Mehrwertsteuer zurück (die az berichtete).

Was für Einkaufstouristen eine Vereinfachung ist, bedeutet für das grenznahe Gewerbe zusätzlichen Druck. «Eine Automatisierung mit dem Ziel, den Einkaufstourismus nach Deutschland zu fördern, können wir von unserer Warte aus nicht gutheissen», sagt Stefan Haus, Präsident des Gewerbevereins Rheintal-Studenland.

Wie sehr die Automaten den Einkaufstourismus fördern, könne er nicht abschätzen. «Es wird sicher nicht besser – zumindest, solange Automaten und Zollbüros parallel betrieben werden.»

Eine leichte Entspannung der Situation würde er hingegen erwarten, wenn auch im Zollbüro eine Gebühr für das Stempeln der Ausfuhrscheine eingeführt würde. «Damit ist vorläufig aber vermutlich nicht zu rechnen», so Haus.

Er appelliert trotz der administrativen Vereinfachung durch die Automaten an die Konsumenten: «Preislich können wir südlich des Rheins sowieso nicht mithalten. Aber Service, kompetente Beratung und die persönliche Beziehung sollten dem Kunden wieder etwas wert sein.» Der Auslandeinkauf schade im Endeffekt der gesamten Schweiz.

Der Aargauische Gewerbeverband (AGV) zeigt ein gewisses Verständnis für den Konsumenten, was die neuen Automaten angeht. Präsident Kurt Schmid: «Grundsätzlich unterstützen wir alles, was administrative Hemmungen abschafft. Viele Einkaufstouristen verzichteten bisher wegen des Aufwands auf die Rückerstattung. Ich finde: Wenn Schweizer schon in Deutschland einkaufen, sollen sie die Mehrwertsteuer möglichst einfach zurückerhalten.»

Schmid glaubt nicht, dass die Automaten dem Einkaufstourismus einen weiteren grossen Schub geben. Doch die Aussichten seien für grenznahe Detaillisten ohnehin schlecht. «Sie stehen wegen des starken Frankens unter grossem Druck. Sowohl Absatzmenge als auch Marge nehmen ab. Alles zusammen wird dazu führen, dass weitere Dorfläden sterben.»

Diese Situation müsse man wohl oder übel akzeptieren. «Allerdings nimmt auch die Lebensqualität in den Gemeinden ab, wenn der Dorfladen verschwindet. Das trifft nicht unbedingt die jungen, mobilen Einwohner, aber die älteren. Für diese Bevölkerungsgruppe sind die Geschäfte auch ein wertvoller sozialer Treffpunkt.»

Leser kritisieren die Gebühren

Wie stark die neuen Automaten dazu beitragen werden, bleibt abzuwarten. Viele Leser kritisierten in ihren Onlinekommentaren die Gebühren, die bei einer Rückerstattung von Refund Suisse anfallen – bis zu vier Prozent des Einkaufsbetrags. Das ist mehr als ein Fünftel der deutschen Mehrwertsteuer, die man als Schweizer zurückerhält.

«Gerade bei hohen Beträgen ist das tatsächlich viel», sagt Philippe Bartscherer, Geschäftsführer von Refund Suisse. «Aber der Aufwand ist nicht zu unterschätzen. Wir glauben, das ist ein fairer Preis für unsere Dienstleistung.»

Er weist zudem darauf hin, dass die Gebühr bei Partnergeschäften auf 2,95 Prozent sinkt. Davon gebe es in Waldshut bereits 20 Stück.

Das langfristige Ziel sei jedoch, möglichst viele Händler für das Label-System von Refund Suisse zu gewinnen, so Bartscherer. Dabei ersetzt ein kleiner Sticker auf dem Kassenzettel den Ausfuhrschein, die Daten werden digital erfasst.

Eine Rückerstattung für den Einkauf bei einem Label-Partner kostet denn auch nur 85 Cent – egal wie hoch der Einkaufsbetrag ist.

In Konstanz sind die Automaten bereits seit drei Monaten in Betrieb. Laut Bartscherer wurden in dieser Zeit bereits 10'000 Ausfuhrscheine erfasst.