Bezirk
Energie-Label: Gemeinden im Sparmodus

Nur noch fünf der 22 Gemeinden setzen auf das Zertifkat «Energiestadt». Eine Arbeitsgruppe traf sich nun zu einer Aussprache. Grund: Ein weiterer Ort droht abzuspringen.

Daniel Weissenbrunner
Merken
Drucken
Teilen
Das Energie-Tal: Die Surbtaler Gemeinden Lengnau, Endingen und Tegerfelden bekennen sich als einige von wenigen Gemeinden im Zurzibiet zur «Energiestadt».

Das Energie-Tal: Die Surbtaler Gemeinden Lengnau, Endingen und Tegerfelden bekennen sich als einige von wenigen Gemeinden im Zurzibiet zur «Energiestadt».

dws

Dass das Zurzibiet vor Energie strotzt, ist nachweislich belegbar: Vier Kernkraftwerke mit fünf Reaktorblöcken und einer Bruttogesamtleistung von 3372 Megawatt sind in der Schweiz am Netz. Ihr Anteil an der Gesamtstromerzeugung des Landes beträgt rund 40 Prozent. Drei der fünf Atommeiler stehen im Bezirk (Beznau 1 und 2 sowie Leibstadt.)

Nimmt man das Programm «Energiestadt Schweiz» als Massstab, entwickelt sich das Gebiet mit seinen Gemeinden weit weniger dynamisch. Am vom damaligen Bundesrat Adolf Ogi in den Neunzigerjahren lancierten Konzept, beteiligen sich aktuell gerade fünf von 22 Gemeinden. Schweizweit sind es über 430.

Marcel Elsässer ist Leiter der Arbeitsgruppe «Energie» des Gemeindeverbandes Zurzibiet Regio. Die Hauptaufgabe des Gremiums besteht in der Wissensvermittlung, der Kommunikation sowie im Technologie- und Innovationstransfer. Elsässer hält den Gemeinden trotz des schwachen Engagements zugute, dass sie in diesen Bereichen einiges unternehmen würden. Aber nicht unter dem Dach eines Zertifikats. «Die Gemeinden sind offensichtlich keine Labelfans», sagt Elsässer.

«Die Atomenergie besitzt nach wie vor eine grosse Zustimmung.» Marcel Elsässer, Leiter Arbeitsgruppe «Energie»

«Die Atomenergie besitzt nach wie vor eine grosse Zustimmung.» Marcel Elsässer, Leiter Arbeitsgruppe «Energie»

SEVERIN BIGLER

Jüngstes Beispiel ist Schneisingen, das vor kurzem das Zertifikat zurückgegeben hat. Für die Arbeitsgruppe um Marcel Elsässer Anlass, um sich zu einer Aussprache zu treffen. Nicht zuletzt deshalb, weil man auch in Döttingen über einen Austritt nachdenkt, nachdem die Stimmbürger im November das Budget zurückgewiesen hatten. Das Programm steht nun auf dem Prüfstand. Im Verlauf des Jahres wird über diesen Posten nochmals befunden. Spareffekt: Ganze 1300 Franken. Sollte die Gemeinde ebenfalls aussteigen, blieben im Bezirk noch Bad Zurzach, Lengnau sowie die Energiestadt Surbtal übrig. Dass kurzfristig neue Gemeinden dazustossen, ist eher unwahrscheinlich, wie eine Umfrage bei den Gemeinden zeigt. Dennoch sieht die Arbeitsgruppe «Energie» keinen Grund, den eingeschlagenen Weg zu verlassen.
Marcel Elsässer würde ein Ausscheiden von Döttingen aber bedauern. «Wir sind der Überzeugung, dass die Vorteile des Labels klar überwiegen.» Darin würden die Anstrengungen klar gefasst und strukturiert. Erfahrungen zeigten, dass die Projekte in finanzieller Hinsicht den Aufwand auf der Budgetseite klar übersteigen, so Elsässer.

Fehlende Sensibilität

Trotz der vermeintlichen Vorteile fehlt im Zurzibiet die Bereitschaft, sich fürs Programm zu begeistern. Woran es liegt, kann Marcel Elsässer nur mutmassen. «Vielleicht mangelt es an der nötigen Sensibilität.» Schneisingen begründete seinen Rückzug damit, dass Nachhaltigkeitsprojekte sich auch ohne Label umsetzen liessen. Marcel Elsässer stimmt dem zu. Er räumt allerdings ein, dass man als Mitglied von «Energiestadt» Teil eines zukunftsgeführten Prozesses sei.

Dem zugrunde liegt die verabschiedete Energiestrategie 2050. Das Massnahmenpaket, welches 2017 in einer Volksabstimmung angenommen wurde, soll vor dem Hintergrund des geplanten Atomausstieges der langfristigen Versorgung des Landes mit elektrischer Energie dienen. Es umfasst unter anderem die Erhöhung der Energieeffizienz, die Senkung von CO2-Emissionen und die Förderung erneuerbarer Energien. Das formulierte Ziel lautet, die Abhängigkeit der Schweiz von importierten fossilen Energien zu reduzieren. Im Paket enthalten ist auch ein Bewilligungsverbot für neue Kernkraftwerke.

«Energie»-Gipfel im Mai

Dieser Punkt dürfte die Zurückhaltung mancher Zurzibieter Gemeinden gegenüber dem Energiestadt-Label erklären. «Die Atomenergie besitzt nach wie vor eine grosse Zustimmung», sagt Marcel Elsässer. Zum Ausdruck kommt die Haltung wiederholt bei Abstimmungen. Im Aargau verwarf der Bezirk das Energiegesetz vor zwei Jahren mit 64 Prozent am deutlichsten. Leibstadt lehnte die Vorlage mit 82 Prozent schweizweit sogar am klarsten ab. Deren Gemeindeschreiber Peter Keller erklärt, dass ein Beitritt zur «Energiestadt» nicht zur Diskussion stehe.

Marcel Elsässer, der in Lengnau für die SP im Gemeinderat sitzt, hat die Erfahrung gemacht, dass das Interesse zwar grundsätzlich vorhanden sei, dass es aber oft an Wissen fehle und vieles auf Fehlinformationen beruhe. Mit Beratungsprogrammen und Veranstaltungen sollen Gemeinden dazu ermuntert werden, energiepolitische Massnahmen und Projekte einfacher, besser und kosteneffizienter umzusetzen.

Die nächste Gelegenheit bietet sich Mitte Mai: In Bad Zurzach findet ein Anlass statt, der die Chancen für die Region aufzeigen soll. ETH-Professor Anton Gunzinger wird an einem Vortrag aufzeigen, wie die Energiewende zu schaffen sein könnte.