Endingen
Der «Hirschen» hat sein Geweih wieder – aber das Wirtshaus bleibt weiterhin geschlossen

Auch wenn die Fahnen noch immer in den Fahnenkästen hangen: Das 350 Jahre alte Tavernenrecht des Endinger Wirtshauses wird nicht mehr ausgeübt.

Hubert Keller
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Von weitem sieht man schon das Hirschgeweih über dem Eingang.

Von weitem sieht man schon das Hirschgeweih über dem Eingang.

Hubert Keller

Das war Viktor und Irene Laube Grund genug, den Hirsch mit dem stolzen Geweih wieder an der Fassade über dem Eingang des ehemaligen Wirtshauses zu montieren: Präzis vor 350 Jahren wurde nämlich an der Hirschengasse 3 von Caspar Keller, Gerichtsangehöriger und «Ammann zu Endingen», ein «neüw Hauss aufgebauet».

Das im Grundbuch eingetragene «ehehafte Tavernenrecht» fusst auf dem Tavernenbrief, der am 28. Oktober 1671 durch Johann Franz Zwyer von Evibach errichtet wurde, nachdem Franz Keller «ganz untertänig» darum gebeten hatte. Zwyer war bischöflich-konstanz’scher Rat und Obervogt zu Klingnau und Zurzach sowie Gerichtsherr der St. Blasianischen Gerichte zu Endingen. Der Hirsch ist das Wappentier von St. Blasien.

Viktor Laube vor dem «Hirschen» in Endingen.

Viktor Laube vor dem «Hirschen» in Endingen.

Hubert Keller

An der alten Durchgangsstrasse zum Messeflecken Zurzach, der heutigen Hirschengasse, entstand in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine fünfgliedrige Häuserzeile städtischen Zuschnitts. Ausgangspunkt war der Gasthof Hirschen.

Die Häuserzeile hat einen städtischen Charakter

Die Nachbargebäude dürften anfangs 18. Jahrhundert angefügt worden sein, wie Viktor Laube am Donnerstagabend vor geladenen Gästen erläuterte. Die Satteldächer waren zum Schutz vor übergreifendem Feuer ehemals durch Treppengiebel voneinander getrennt, was der Häuserzeile zusätzlich einen städtischen Charakter verlieh. Noch recht gut erhalten sind die Häuser Hirschengasse 1, 3 und 5. Die Häuser 7 und 9 wurden stark umgebaut.

Das 1844 errichtete Hintergebäude mit Tanzsaal und Gaststall wurde 1864 durch einen Neubau ersetzt. Dieser enthielt im Erdgeschoss Tenn und Stall sowie im Obergeschoss einen Tanzsaal mit Laube. Nach zahlreichen Handänderungen im frühen 20. Jahrhundert kam das Gebäude in den 1930er-Jahren in den Besitz der Familie Schraner, die selber auf dem «Hirschen» wirtete.

1947 ersetzte sie das Hintergebäude durch einen grosszügigen Tanz- und Theatersaal mit Bühne, Umkleide- und Schminkraum. Die älteren Endingerinnen und Endinger erinnern sich gut: Der «Hirschen», welche der Hirschengasse den Namen gab, war als Gasthof sowie als Tanz- und Theatersaal ein wichtiger Ort für das kulturelle und gesellschaftliche Leben im Dorf.

Ab 1950 verpachteten die Schraners den «Hirschen». Die Pächter wechselten ständig, bis der Wirt Silvio Minini in den 70er-Jahren Besitzer wurde. 1984 verkaufte er die Liegenschaft der Familie Laube. Der Restaurantbetrieb wurde aufgegeben. Die Familie Laube war 1959 in Endingen zugezogen und betrieb im markanten Eckhaus an der Hirschengasse 1 das Ladengeschäft.

Noch immer hängen Fahnen in den Fahnenkästen

Ende der 1980er -Jahre baute die Familie die Liegenschaft umfassend um. Gleichzeitig kam anstelle des Hintergebäudes ein neues Wohn- und Geschäftshaus (Marktlaube, heute Volg) zu stehen. «Neubau und Renovation waren ein vernünftiger Kompromiss zwischen Heimatschutz und den Anforderungen an heutigen Wohnkomfort», sagt Viktor Laube.

Die Gaststube im gegenüber der Hirschengasse erhobenen ersten Geschoss blieb fast unverändert. Noch immer hängen alte Vereinsfahnen in den Fahnenkästen. Doch wenn nun bei älteren Jahrgängen Wehmut aufkommen sollte, Gäste wird der Hirschen nicht mehr bewirten.

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