Bezirksgericht Zurzach
Eine folgenschwere Nacht auf dem Sofa: 46-Jähriger stand wegen Schändung seiner Stieftochter vor Gericht

Ein 46-Jähriger musste sich wegen Schändung seiner Stieftochter vor dem Bezirksgericht Zurzach verantworten. Die Anklage forderte eine auf zwei Jahre bedingt erlassene Freiheitsstrafe von zwei Jahren, 2000 Franken Busse und zehn Jahre Landesverweisung.

Rosmarie Mehlin
Merken
Drucken
Teilen
Das Gericht in Bad Zurzach. (Symbolbild)

Das Gericht in Bad Zurzach. (Symbolbild)

ho

In einer Nacht im Frühling 2018 war das langjährige Vertrauensverhältnis zwischen Timo (alle Namen geändert) und seiner Stieftochter Yasmin in seinen Grundfesten erschüttert worden. An einem nicht exakt bekannten Wochenende zwischen März und Mai hatte die damals 16-jährige Yasmin, nachdem sie von ihrer Mutter aus der Wohnung geworfen worden war, zusammen mit einem Kollegen bei Timo Unterschlupf gefunden.

Der Kollege übernachtete im Schlafzimmer, Yasmin und Timo auf dem grossen Sofa im Wohnzimmer. Laut Anklageschrift zog der Beschuldigte dem schlafenden Mädchen Hose und Unterhose aus, berührte es unsittlich und verging sich mit der Zunge an ihr im Intimbereich. Beschuldigt der Schändung, musste sich der 46-Jährige vor dem Bezirksgericht Zurzach verantworten.

Stiefvater war vor dem Vorfall engster Vertrauter

Während der Befragung der heute knapp 19-Jährigen muss Timo den coronabedingt in die Propstei verlegten Gerichtssaal verlassen. Yasmin sitzt im Mantel und mit hängenden Schultern vor den drei Richterinnen, dem Richter und Präsident Cyrill Kramer. Aus Yasmins Befragung entsteht das Bild einer verpfuschten Jugend: Mit 14 konsumierte sie erstmals Drogen, ein Jahr später hatte sie den ersten Geschlechtsverkehr. Mehrere Lehren brach sie ab. «Jetzt habe ich die richtige gefunden und nehme keine Drogen und trinke keinen Alkohol mehr.» Sie lebt mit ihrem Freund und bezieht Sozialhilfe.

Timo und Yasmins Mutter heirateten 2010 und leben seit drei Jahren getrennt, aber in derselben Ortschaft. Das Verhältnis zur Mutter sei, so Yasmin vor Gericht, damals sehr schlecht gewesen, jenes zum Stiefvater hingegen ausgezeichnet: «Er war mein engster Vertrauter.» Umso stärker die Erschütterung, als sie in jener Nacht mit seiner Hand an ihrer nackten Brust aufwachte. Im Mai 2018 rückte Yasmin wegen des Vorfalls in die Psychiatrie PDAG Königsfelden ein.

Erst mehr als ein Jahr nach jener Nacht erzählte Yasmin ihrem leiblichen Vater vom Vorfall, worauf dieser mit ihr bei der Polizei Anzeige erstattete. Nach ihren Erinnerungen gefragt, tut Yasmin sich vor Gericht schwer. Unter Tränen schildert sie stockend, dass Timo «sexuell erregt gewesen» sei. Mehr als zehn Jahre lebte sie mit ihm unter einem Dach, «ohne die geringsten Anzeichen, dass er in mir etwas anderes als eine Tochter sehen könnte».

Timo – schlank, gross, das blonde Haar von grauen Fäden durchzogen – kam 2006 aus seiner Heimat Sachsen in die Schweiz und fand auf Anhieb Arbeit in seinem Handwerksberuf. Seit über zehn Jahren arbeitet er bei derselben Firma und «seit zweieinhalb Jahren lebe ich abstinent». Zuvor war Timo Alkoholiker. Und Alkohol war auch in jener verhängnisvollen Nacht im Spiel. Eigenen Angaben zufolge hatte Timo gegen zehn Liter Bier getrunken gehabt und sei dann auf dem Sofa eingeschlafen, während Yasmin noch Fernsehen geschaut habe. «Ich erinnere mich nur, dass meine Hand auf ihrer nackten Brust lag, als ich aufwachte, dass ich darüber sehr erschrocken war und mich schämte. An etwas Anderes kann ich mich nicht erinnern.» Der Vorfall habe ihn in der Folge so beschäftigt, dass er Suizidgedanken hatte und im August 2018 seinerseits die PDAG Königsfelden aufsuchte. «Dort habe ich dann den Entzug gemacht.»

In seinem Plädoyer betont der Staatsanwalt, «eine unschuldige Person würde sich erinnern, überdies hat Yasmin kein Motiv, ihn fälschlich zu beschuldigen». Timo habe wissentlich und willentlich gehandelt. Auch sei ihm bewusst gewesen, dass die Minderjährige schlief, weshalb er wegen Schändung zu verurteilen sei. Eine auf zwei Jahre bedingt erlassene Freiheitsstrafe von zwei Jahren, 2000 Franken Busse und zehn Jahre Landesverweisung, so der Antrag des Anklägers. Yasmins Anwältin machte eine Genugtuung von 5000 Franken geltend sowie Schadenersatz für sämtliche, auch in Zukunft erforderlichen Therapien, welche die Krankenkasse nicht übernimmt.

Timos Verteidigerin fordert einen Freispruch. Sie moniert, dass die Anklage vollständig auf die Aussagen des Opfers abstelle, dass dieses sich mehrfach nicht an Details habe erinnern können und sich selbst widersprochen habe. Dass etwas passiert war, sei unbestritten, «aber was genau»? Mit rund drei Promille intus habe Timo zweifelsfrei nicht wissentlich und willentlich gehandelt. Auch seien Yasmins Aussagen wenig glaubwürdig.

Die Zweifel überwiegen: Kein einstimmiges Urteil

In einem Mehrheitsentscheid sprach das Gericht Timo von Schuld und Strafe frei. «Die Frage war, ob das, was dem Beschuldigten vorgeworfen wird, durch die Akten und unsere Befragungen, erstellt ist», so Präsident Kramer. Eine Mehrheit sei zum Schluss gekommen, dass dies nicht rechtsgenüglich nachgewiesen sei. Die Zweifel überwiegen, weshalb das Urteil nach dem Grundsatz «in dubio pro reo» erfolgt.