Endingen
Ein Jahr nach der Fusion: «Wir wurden nicht geschluckt»

Endingens Vizeammann Peter Keller erzählt im Interview, was sich mit der Fusion vor einem Jahr geändert hat,warum er noch immer Unterendinger ist und ob die Steuern so tief bleiben, wie sie sind.

Samuel Buchmann
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Peter Keller wohnt in Unterendingen, das politisch seit einem Jahr zu Endingen gehört.

Peter Keller wohnt in Unterendingen, das politisch seit einem Jahr zu Endingen gehört.

Samuel Buchmann

Ein Jahr ist seit der Fusion von Unterendingen und Endingen vergangen. Peter Keller wurde damals vom Unterendinger Gemeinderat zum Vizeammann der neuen Gemeinde.

Herr Keller, wo wohnen Sie?

Peter Keller: Ich wohne immer noch in Unterendingen. Die Fusion hat nicht dazu geführt, dass die alten Identitäten und Bezeichnungen komplett verschwunden sind. Diese Strukturen bestehen noch immer, sind aber in das neue Gebilde hineingewachsen. Die amtsdeutsch korrekte Antwort auf die Frage wäre wohl: «Ich wohne in Endingen, im Ortsteil Unterendingen.»

Glauben Sie, es hat sich trotzdem etwas geändert in den Köpfen der Einwohner?

Kaum. Der Fusionsprozess hat schon mit dem gemeinsamen Jubiläumsfest 1998 angefangen. Die zwei selbstständigen Gemeinden entschieden sich damals, gemeinsam zu feiern.

Die Fusion im Geiste ist also bereits vorher passiert.

Ja, das ist auch historisch bedingt. Wir hatten immer viele Berührungspunkte. Die Kirchgemeinden waren zum Beispiel schon immer gemeindeübergreifend: Oberendingen hat die Synagoge, Unterendingen die katholische Kirche und Tegerfelden die reformierte. Auch das Vereinsleben ist seit Generationen grösstenteils gemeindeübergreifend organisiert.

Unterendingen wurde als Kleinstgemeinde quasi vom grossen Endingen geschluckt. Führte das zu Problemen?

Wir wurden nicht geschluckt! Dieses Risiko bestand natürlich, dessen waren wir uns aber bewusst. Der neue Gemeinderat besteht deshalb aus drei Endingern und zwei Unterendingern. Unser Ortsteil ist damit überproportional gut vertreten.

Dass es eine Fusion und keine Übernahme war, zeigt sich auch an kleinen Dingen wie dem neuen Wappen: Man hat nicht einfach das der grösseren Gemeinde übernommen, sondern beide Wappen zu einem neuen verschmolzen – konkret wuchsen die beiden halben Lilien zu einer ganzen zusammen.

Unterendingen hat immer noch seine eigene Postleitzahl. Anerkennt die Post die Fusion nicht?

Es ist ihr egal. Es war schlicht die einfachste Lösung, die postalischen Adressen nicht zu verändern.

Auch auf der Ortstafel steht weiterhin Unterendingen. Ändern sich diese Dinge irgendwann noch?

Nein, zumindest nicht ohne dass eine künftige Generation dies aktiv veranlasst. Es sind wichtige Symbole der alten Identität – gerade für Leute, die dem Fusionsprozess kritisch gegenüberstanden.

Weg von den Emotionen, hin zum Konkreten: Was hat sich im Alltag geändert für die Unterendinger?

Die neue Verwaltung ist leistungsfähiger und professioneller. Dafür sind die Wege zu den Behörden nicht mehr so kurz und informell. In der Kleinstgemeinde kannte praktisch jeder jeden. Das ist in der neuen, mittelgrossen Gemeinde anders.

Vermissen Sie diesen persönlichen Bezug?

Klar, die kleine Gemeinde hatte Vorteile, wir hatten einen direkteren Kontakt zu den Einwohnern. Nun bin ich etwas weiter entfernt. Man mag das bedauern, aber diese Kleinstgemeindestrukturen sind langfristig nicht mehr überlebensfähig. Die administrativen Anforderungen durch den Kanton steigen enorm. Es wurde ausserdem immer schwieriger, all die kleinen «Ämtli» zu besetzen, die auch in einer kleinen Gemeinde anfallen.

Wenn aus zwei Gemeinderäten einer wird, sprechen Befürworter von Fusionen meist von Synergien, Gegner von Überlastung. Was stimmt?

Nichts von beidem. Die Synergien halten sich in Grenzen, denn die Anzahl Sachgeschäfte bleibt die gleiche. Sie verteilt sich natürlich auf weniger Schultern, ich persönlich habe sicher mehr Sitzungen als vor der Fusion – zu einer Überlastung führt das aber nicht.

Endingen hat den tieferen Steuerfuss von Unterendingen übernommen – 108 statt 114 Prozent. In den ersten beiden Jahren budgetierte der Gemeinderat aber einen Verlust. Haben Sie sich verschätzt?

Die Budgets beruhten auf dem Ergebnis 2013, als die Steuereinnahmen ungewöhnlich tief waren. Das Jahr 2014 wird die neue, fusionierte Gemeinde voraussichtlich mit einer schwarzen Null abschliessen – deutlich besser als budgetiert. Wir können den tiefen Steuerfuss vorerst beibehalten.

Laut der neusten Statistik hat die Gemeinde die zweithöchste Pro-Kopf-Verschuldung des Zurzibiets. Mit einer schwarzen Null baut man keine Schulden ab.

Diese Schulden haben einen Gegenwert: Wir haben viel investiert, beispielsweise in die Schulhäuser und insGemeindehaus. Wir sind auf gutem Weg, in Zukunft diese Schulden wieder abzubauen, vorausgesetzt die Rahmenbedingungen ändern sich nicht. Die finanzielle Situation der Gemeinde ist keineswegs alarmierend.

Die Endinger Fusion scheint ein Lehrstück zu sein. Was empfehlen Sie anderen Gemeinden, die sich einen Zusammenschluss überlegen?

Ein Patentrezept gibt es nicht. Zentral ist der richtige Zeitpunkt: Es ist einfacher, unbeschwert und freiwillig in einen Fusionsprozess zu gehen, als wenn man bereits mit dem Rücken zur Wand steht.

Wenn alles so gut funktioniert, warum nicht gleich weitermachen und das ganze Surbtal zusammenschliessen?

Das Surbtal ist im Moment gut strukturiert. Es besteht kein akuter Druck oder gar Zwang, eine einzige riesige Gemeinde zu gründen.

Sie sagten gerade, Fusionen starte man am besten, wenn man noch nicht muss.

Stimmt. Trotzdem brauchen wir nun eine Pause und suchen nicht gleich weitere Partner. Aber wenn diese Diskussion in Zukunft wieder aufkommt, sind wir natürlich offen.