Bezirksgericht Zurzach
«Ein grenzwertiger Fall»: Reh angefahren und zu spät gemeldet

Bad Zurzach Wer einen Wildunfall zu spät meldet, macht sich eigentlich strafbar. Ein Autofahrer wehrte sich.

Rosmarie Mehlin
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Der Mandant habe keinerlei böse Absicht gehabt und auch die Forderung der Jagdgesellschaft unverzüglich beglichen.

Der Mandant habe keinerlei böse Absicht gehabt und auch die Forderung der Jagdgesellschaft unverzüglich beglichen.

archiv

Mitte Mai dieses Jahres war F. frühmorgens um drei Uhr unterwegs zur Arbeit. Zwischen Tegerfelden und Würenlingen «spürte ich einen sehr dumpfen Schlag am Auto und sah, einen Sekundenbruchteil lang, etwas kleines Braunes», erklärte F. dem Einzelrichter Cyrill Kramer. Er sei, fuhr der 47-Jährige fort, ausgestiegen, habe an der Stossstange einen kleinen Riss entdeckt, aber sonst weit und breit nichts. «Ich ging rund um den Wagen, da war nirgends Blut, kein Gegenstand und auch kein Tier.»

Als F. nach acht Uhr morgens den kleinen Schaden seiner Versicherung meldete, wurde er darauf aufmerksam gemacht, dass er den Vorfall der Polizei melden müsse. Solches tat F. und die Strafe folgte auf dem Fuss: 20 Tagessätze Geldstrafe bedingt und 700 Franken Busse. Begründung: F. hatte sich pflichtwidrig verhalten, weil er den Unfall nicht unverzüglich, sondern erst nach fünf Stunden gemeldet hatte; zudem machte er sicht der fahrlässigen Tierquälerei schuldig. F. verstand die Welt nicht mehr.

Eintrag ins Strafregister

Aufgrund von Mitteillungen durch Drittpersonen hatte der Wildhüter ein angefahrenes Reh rund 500 Meter von der Unfallstelle entfernt gefunden gehabt. Damit hatte F. – gemäss Gesetz - dem Tier unnötiges Leiden zugefügt. Hätte er den Vorfall sofort gemeldet, hätte der Wildhüter das Tier erlösen können.

Gleicher Fall, anderes Urteil

Genau gleich wie der Angeklagte in Bad Zurzach argumentierte ein Autofahrer letzten Februar vor dem Bezirksgericht Muri. Auch er hatte ein Wildtier angefahren, auch er habe an der Unfallstelle kein Reh vorgefunden und darum vorerst nichts
gemeldet. Anders als im jüngsten Fall war der Richter in Muri weniger gnädig. Er verurteilte den Autofahrer zu einer bedingten Geldstrafe von 3400 Franken und einer Busse von 800 Franken. Dass er an der Unfallstelle kein Reh gesehen habe, entbinde ihn nicht von seiner Pflicht, die Kollision sofort zu melden, hiess es. (az)

Auf die Frage des Richters, ob F. als Chauffeur mit 20-jähriger Berufserfahrung die Vorschriften für das Verhalten bei einem Unfall nicht gekannt habe, meinte dieser: «Doch, grundsätzlich schon. Ich bin ja auch ausgestiegen, und nachdem ich keinerlei Ursache für den dumpfen Schlag ausmachen konnte, war ich überzeugt, dass die Sache harmlos war.» Heute, so versicherte F., würde er auch beim kleinsten Vorfall die Polizei anrufen.

Nach Erhalt des Strafbefehls hatte er einen Anwalt beigezogen. Dessen Einsprache war beim Staatsanwalt auf taube Ohren gestossen. Vor dem Einzelrichter plädierte er auf Freispruch, allenfalls auf das Verhängen einer Busse. «Laut Gesetz muss Fahren mit 1,2 Promille im Blut mit einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen bestraft werden», argumentierte der Anwalt. «Es kann im vorliegenden Fall doch nicht ernsthaft ein gleichwertig schweres Verschulden geltend gemacht werden. Umso mehr, als die Verhängung einer Geldstrafe automatisch den Eintrag ins Strafregister zur Folge hat, der erst nach Ablauf der Bewährungsfrist gelöscht wird.»

Sein Mandant habe keinerlei böse Absicht gehabt und auch die Forderung der Jagdgesellschaft unverzüglich beglichen. Diese hatte für die Nachsuche und das Fleisch des Tieres – das nach einem Unfall nicht mehr verwertet werden darf, 380 Franken in Rechnung gestellt, gleichzeitig aber ihr Desinteresse an einer Strafverfolgung erklärt.

Leidenszeit unvermeidbar

Richter Kramer sprach F. schuldig des pflichtwidrigen Verhaltens bei einem Unfall und belegte ihn dafür mit 400 Franken Busse: «Jeder Unfall – auch wenn der Sachschaden noch so klein ist – muss raschestmöglich der Polizei gemeldet werden.» Von der fahrlässigen Tierquälerei wurde F. dagegen freigesprochen. «Es besteht die Tendenz, dass die Staatsanwälte in solchen Fällen hart durchgreifen. Allerdings ist im vorliegenden Fall nicht nachgewiesen, dass das angefahrene Tier lange gelitten hat, und ebenso wenig festgehalten, wann und wo genau das tote Reh gefunden worden war», so Richter Kramer.

Selbst wenn F. unverzüglich die Polizei informiert und diese mitten in der Nacht den Wildhüter aufgeboten hätte, wären zwei bis drei Stunden vergangen, bis der vor Ort gewesen wäre und das Tier gefunden hätte. «So lange hätte das Tier, wäre es nicht tot gewesen, also auch in diesem Fall gelitten.» Er sei sich bewusst, dass sein Entscheid grenzwertig ist: «Es wird sich weisen, ob der Staatsanwalt, das Urteil weiterzieht», schloss Richter Kramer.