Bad Zurzach
Ehepaar vor Gericht: Mann habe Kater Barsik als Munition missbraucht

Der Balkonsturz eines Katers hat für ein abgrundtief verfeindetes (Noch)-Ehepaar vor dem Strafrichter geendet: Eine Frau zeigte ihren Mann wegen Tierquälerei an – er musste vor Gericht antraben.

Rosmarie Mehlin
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Der Kater hatte sich am Bein verletzt. Wie? Das konnte vor Gericht nicht abschliessend geklärt werden.

Der Kater hatte sich am Bein verletzt. Wie? Das konnte vor Gericht nicht abschliessend geklärt werden.

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Nach 21 Ehejahren hatten der 49-jährige Boris (Namen geändert) und die sechs Jahre jüngere Jelena 2011 das Kriegsbeil ausgegraben. Seither bleiben sie sich nichts schuldig, wenn es darum geht, den jeweils anderen in möglichst schlechtem Licht dastehen zu lassen.

Dabei wird nicht mit dem Florett gefochten, sondern mit dem Schwert. Seit nunmehr vier Jahren wird ständig neues schweres Geschütz aufgefahren. Auch Barsik, der Kater der Familie, geriet zwischen die Fronten und wurde als Munition verwendet, was Boris und Jelena für einmal nicht zivil-, sondern nunmehr strafrechtlich vor Gericht brachte. Dorthin hatte Einzelrichter Cyrill Kramer die beiden Kampfhähne – respektive Kampfhuhn und -hahn – einzeln beordert. Ganz nach dem Motto: Vorsicht ist besser als blutige Köpfe im Gerichtssaal.

Zwei Jahre gewartet

Jelena, die eigenen Angaben zufolge in Zürich als Massagetherapeutin arbeitet, hatte längst keine Lust mehr, ihren (Noch-)Ehemann zu massieren, geschweige denn zu therapieren. Vielmehr hatte sie im vergangenen Oktober Knall auf Fall Strafanzeige gegen Boris eingereicht: Der habe im Dezember 2012 den Familienkater Barsik vom Balkon der damals noch gemeinsamen Wohnung im dritten Stock geworfen. Auf die Frage des Richters, warum sie zwei Jahre mit dieser Anzeige gewartet habe, zuckte die schniefende Jelena die Schulter: Sie habe anderes zu tun gehabt.

Dem (Noch-)Gatten war ein Strafbefehl wegen Tierquälerei ins Haus geflattert, gegen den Boris, der inzwischen mit den zwei gemeinsamen Kindern getrennt von seiner (Noch-)Gattin lebt, Einsprache machte. Er sei, gab er dem Richter Bescheid, momentan arbeitslos, habe aber auf den 1. Juni eine neue Stelle. Bei welcher Firma? Es gehe irgendwie um Immobilien und Hauswartungen, an den Namen der Firma könne er sich grad nicht erinnern. Sehr wohl aber daran, dass er Barsik nie und nimmer vom Balkon geworfen habe, dass der Kater aber des Öftern auf dem Balkongeländer herumgeturnt sei.

Zweifel und offene Fragen

Tatsache ist, dass der junge Maudi an jenem Dezemberabend verletzt am Boden unter dem Balkon gefunden worden war. Jelena hatte ihn zur Tierärztin gebracht, die einen Beinbruch diagnostizierte und Barsik Schmerzmittel und Antibiotika verschrieb. Nachdem zwei Jahre später Jelenas Strafanzeige gegen Boris eingegangen war, forschte die Polizei nach. Die betreffende Tierärztin meinte, sich zu erinnern, dass sie Jelena damals empfohlen hatte, wegen des Bruchs auch noch einen Fachtierarzt, aufzusuchen.

Solches hatte Jelena aber nicht getan, weshalb auch sie einen Strafbefehl wegen Tierquälerei in Empfang nehmen musste. Auch sie machte dagegen Einsprache. Boris sass vormittags vor dem Einzelrichter, Jelena am Nachmittag. Boris war mit seinem Scheidungs-Anwalt und mit der 18-jährigen Tochter als Zeugin erschienen. Die Tochter konnte sich an so gut wie gar nichts erinnern, selbst nur mit Mühe, dass sie eine Woche zuvor volljährig geworden war.

Der Anwalt plädierte auf Freispruch nach dem Grundsatz «in dubio pro reo». Dem folgte Cyrill Kramer ganz klar: «Bei der Menge an Zweifeln und offenen Fragen rund um den Balkonsturz ist ein Freispruch zwingend.»

Leerlauf für Justizia

Jelena war solo erschienen. Sie schniefte zwar ständig, gab sich aber zugleich selbstbewusst. Als Massagetherapeutin arbeite sie ohne Angestellte, vermiete aber Zimmer an andere freischaffende Therapeutinnen. Jemand müsse ja Geld verdienen, damit das Wohneigentum von Boris und ihr nicht eines Tages zwangsversteigert würde. Was Boris behaupte, dass sie erotische Massagen mache, stimme mitnichten.

Was Barsik nach seinem Sturz betreffe, so habe sie alles befolgt, wozu die Tierärztin ihr geraten habe – von einem Spezialisten sei nie die Rede gewesen. Sie habe, so Jelena, eine neue Katze. Wo Barsik denn jetzt sei, fragte Kramer. «Spurlos verschwunden. Total mysteriös. Ich weiss nicht, ob Boris ihn fremdplatziert hat oder umgebracht», tönte es grimmig.

Auch Jelena wurde freigesprochen. «Es gibt keine Unterlagen, gar nichts, das beweisen würde, dass sie den Kater unnötig hatten leiden lassen», so die Begründung. Forsch schritt Jelena von dannen.

21⁄2 Stunden hatten der Richter und die Gerichtsschreiberin sich mit ihr und mit Boris allein im Gerichtssaal beschäftigt, Aktenstudium nicht eingerechnet. Dazu gesellt sich der Aufwand von Polizei und Staatsanwaltschaft. Die Kosten gehen zulasten des Staates.

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