Full
Dieses Dampflok-Unikat findet in Full eine neue Bleibe

Am Wochenende spielt sich auf den Eisenbahnstrecken von Full nach Basel sowie von Basel nach Biel (via Lenzburg und Solothurn) Spektakuläres ab. Die letzte erhalten gebliebene «Tabaklok» wird auf das Areal der ehemaligen Chemiefabrik gefahren.

Angelo Zambelli
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Diese Dampflokomotive 241.A.65 wird die nicht mehr fahrtüchtige «Tabaklok» am Sonntag bis nach Full ziehen. Fotos: Hans Schär

Diese Dampflokomotive 241.A.65 wird die nicht mehr fahrtüchtige «Tabaklok» am Sonntag bis nach Full ziehen. Fotos: Hans Schär

Die grösste handbefeuerte Dampflokomotive Europas – im Fachjargon 241.A.65 genannt – fährt am Samstag nach Biel, um tags darauf im 40-Stundenkilometer-Tempo die grösste je in der Schweiz gebaute Dampflok – die «Tabaklok» 01.22 – an ihren neuen Standort auf dem Gelände der ehemaligen Chemiefabrik Uitikon zu schieben oder zu ziehen.

Kurioser Handel mit Bulgarien

Die Tabaklok hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich: 1935 von der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur (SLM) gebaut, kam sie im damaligen Königreich Bulgarien zum Einsatz. Den Namen verdankt sie dem Umstand, dass sie Teil eines aus heutiger Sicht kurios anmutenden Tauschgeschäfts waren. Nach der Weltwirtschaftskrise Ende der Zwanzigerjahre waren viele Schweizer ohne Arbeit.

Das von der Schweizerischen Zentrale für Handelsförderung organisierte Geschäft mit Bulgarien kam einem Lichtblick gleich: Die Schweiz lieferte sechs Dampflokomotiven und konnte dadurch Arbeitsplätze sichern. Bulgarien verpflichtete sich, die Schuld mit Tabaklieferungen zu begleichen. Um den Verkauf des Tabaks respektive das Ummünzen in Bares sicherzustellen, wurden 1935 in Schweizer Tabakläden Plakate mit der Aufforderung aufgehängt: «Raucher – bevorzugt Zigaretten aus Orient-Tabaken. Ihr unterstützt damit die einheimische Industrie!» Nach Aussagen von Zeitzeugen sollen die Lieferungen aus Bulgarien nur selten oder gar nie in der Schweiz eingetroffen sein.

Tierarzt als Dampflok-Retter

Im Herbst 1944 verunglückte die «Tabaklok» mit der Nummer 01.22 auf der Fahrt an die Kriegsfront. Beim schweren Unfall verloren drei Menschen ihr Leben.

2005 kaufte ein Tierarzt aus dem Fricktal, der nicht namentlich genannt sein möchte, die letzte verfügbare Dampflokomotive dieses Typs samt Tender (Kohlewagen) aus dem Bestand der Bulgarischen Staatsbahn. «Ich habe ein Flair für Oldtimer-Autos. Vor sieben Jahren habe ich meine Sammlung um eine Oldtimer-Dampflok erweitert», scherzt der Fricktaler Eisenbahnfreund. Ein Jahr stand die Dampflok im Verkehrshaus in Luzern, danach wurde sie in St-Sulpice im Val de Travers (Kanton Neuenburg) auf dem Gelände eines Eisenbahnmuseums abgestellt. Nun beansprucht der für das Museum zuständige Verein «Vapeur Val-de-Travers» den Unterstand für eigene Zwecke.

Die Tabaklok ist nicht fahrtüchtig. Eine Restauration würde Kosten zwischen einer halben und einer ganzen Million Franken verursachen. Geldgeber für diese Grossinvestition sind laut Auskunft des Besitzers nicht in Sicht.

Für die Hinfahrt der 241.A.65 am Samstag und deren Rückfahrt mit der «Tabaklok» im Schlepptau können Plätze reserviert werden.

Anmeldung und Auskünfte zu Fahrzeiten und Fahrroute: vreni.holliger@241a65.ch oder www.241a65.ch