Bad Zurzach
Dieb mit Messer muss ins Gefängnis – im Sommer will er seine Lehre beginnen

Ein 23-jähriger Lette stand wegen (räuberischen) Diebstahls und Sachbeschädigung vor dem Bezirksgericht. Sprach er über eine Zukunft, stiegen ihm immer wieder Tränen in die Augen. Schuldig gesprochen wurde er aber nicht in allen Punkten.

Stefanie Suter
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Symbolbild: Der Angeklagte soll einen Marihuana-Dealer mit einem Messer verletzt haben.

Symbolbild: Der Angeklagte soll einen Marihuana-Dealer mit einem Messer verletzt haben.

AZ Archiv

Als der Angeklagte die Treppe zum Gerichtssaal in Bad Zurzach hinauf steigt, bleibt er einen Moment stehen: Eine Schulklasse ist gekommen, um die Verhandlung mitzuverfolgen. «So viele Leute?», fragt der 23-jährige Lette seinen Verteidiger schockiert.

Dem schlaksigen und schüchtern wirkenden jungen Mann würde man nicht zutrauen, dass er vorbestraft ist und sich erneut wegen mehrerer Vergehen vor Gericht verantworten muss: 2012 stieg Juris (Name geändert) mit einem Freund in zwei Kellerabteile ein und klaute unter anderem Alkohol, Lebensmittel und ein Luftgewehr.

Mit dem Gewehr schossen sie später in Weiach auf eine Telefon-Kabine, auf einen Imbissstand und auf parkierte Autos. Einen Monat später brachen sie in einen Schopf ein und liessen erneut Alkohol und Lebensmittel mitgehen. Zudem soll Juris laut Anklage einem Marihuana-Dealer in Kaiserstuhl das Handy weggenommen und ihn mit einem Messer am Arm verletzt haben.

Vorstrafe wegen häuslicher Gewalt

Juris muss sich mitten im Saal auf einen Stuhl setzen, um sich den Fragen von Gerichtspräsident Cyrill Kramer zu stellen – der zweite Schock nach dem Anblick der Schulklasse. Er spricht derart leise, dass seine Antworten kaum zu hören sind. «Reden Sie lauter, Sie sind ja schliesslich nicht zum ersten Mal vor Gericht», fordert Richter Kramer den jungen Letten auf.

Bereits 2011 musste Juris vor einem Zürcher Gericht antraben. Er soll seine damalige Frau – eine zehn Jahre ältere Ukrainerin – geohrfeigt, auf den Boden geworfen und gewürgt haben. Juris wurde wegen häuslicher Gewalt zu 14 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. 7 Monate verbrachte er in Untersuchungshaft, die anderen 7 Monate wurden auf Bewährung ausgesetzt. «Seit der Zeit im Knast hat sich mein Leben verändert», sagt Juris mit brüchiger Stimme. Mit seinem Leben sei es bergab gegangen.

Trotz Probezeit wurde Juris 2012 wieder straffällig. Die Diebstähle und Sachbeschädigungen gibt er während der Verhandlung zu: «Das war falsch und dumm. Aber wir handelten aus Not.» Er und sein Kumpel hätten Hunger gelitten, da sie das Sozialamt auf die Strasse gestellt habe. Dies sei eine Verletzung der Menschenrechte gewesen, beklagt er sich. «Wir wollten, dass die Polizei uns schnappt. Wir dachten, die hilft uns.»

Hingegen bestreitet Juris, dem Dealer das Handy gestohlen zu haben. Mit dem Messer habe er sich nur verteidigt, als es zum Streit kam. Er habe es bei sich getragen, um Äpfel zu schälen – und zur Verteidigung.

Mehrmals betont Juris, der mit 13 Jahren in die Schweiz kam und ohne Vater aufwuchs, dass er sich gebessert habe. Im Sommer wolle er eine Lehre als Heizungsmonteur beginnen. Sein grosses Ziel sei, Informatiker zu werden. Während er über seine Zukunft spricht, steigen ihm immer wieder Tränen in die Augen.

Staatsanwältin fordert 2,5 Jahre

Für die Staatsanwältin ist klar, dass Juris den Dealer bestohlen und Gewalt angewendet hat. Und sie betont: «Seine Taten sind an Sinnlosigkeit kaum zu überbieten.» Gestohlen habe er wohl kaum aus purer Not. Schliesslich sei Geld für Marihuana vorhanden gewesen. Sie fordert 2,5 Jahre Freiheitsstrafe unbedingt.

Der Verteidiger macht geltend, dass die Art der Schnittverletzung darauf hinweise, dass Juris nicht angegriffen habe. «Deshalb ist mein Mandant vom Vorwurf des räuberischen Diebstahls freizusprechen.» Er spricht sich für eine bedingte Freiheitsstrafe von einem Jahr aus.

Richter Kramer verurteilt Juris wegen mehrfachen Diebstahls, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruchs zu einem Jahr Gefängnis. Die sieben Monate Freiheitsstrafe aus dem letzten Verfahren muss er nicht absitzen. Freigesprochen wird er vom räuberischen Diebstahl.

«Der Tathergang bleibt diffus», begründet Kramer diesen Entscheid. Auch von der qualifizierten Sachbeschädigung wird Juris freigesprochen. «Der Schaden liegt vermutlich unter der Grenze von 10 000 Franken», erklärt der Richter. Dank des Teilvollzugs der Freiheitsstrafe kann Juris die Lehre im Sommer beginnen.