Kaiserstuhl
Die Hoffnung auf politischen Nachwuchs: «Es wäre nötig, die Jungen für eine Mitarbeit zu gewinnen»

Kaiserstuhl sorgt sich um die Vertretung seiner Jungbürger in der Politik. Darum führt die Gemeinde nun «Easyvote» ein, um Jungbürger zu politisieren – Rekingen hatte damit jedoch keinen Erfolg.

Frederic Härri
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Ruedi Weiss, Stadtammann von Kaiserstuhl: «Bei Rheintal+ wurde das geringe Interesse unserer Jungbürger an der politischen Mitwirkung deutlich.»

Ruedi Weiss, Stadtammann von Kaiserstuhl: «Bei Rheintal+ wurde das geringe Interesse unserer Jungbürger an der politischen Mitwirkung deutlich.»

Sandra Ardizzone

«Es erscheint zunehmend schwierig bis unmöglich, junge Stimmbürger für eine politische Beteiligung oder gar ein persönliches Engagement in Kommissionen oder Ämtern zu begeistern.» Das schreibt die Gemeinde Kaiserstuhl in einer Mitteilung. Gleichzeitig liege die Stimmbeteiligung bei den Jungen deutlich tiefer als bei den älteren Stimmbürgern, heisst es weiter. Es macht deutlich: Kaiserstuhl sorgt sich um die Vertretung seiner Jungbürger in der Politik.

Was auf viele Schweizer Gemeinden zutrifft, gilt also auch für das kleine Städtchen an der Grenze zu Deutschland. Aus diesem Grund hat der Kaiserstuhler Stadtrat nun beschlossen, die 18- bis 25-Jährigen in der Gemeinde mit «Easyvote» zu beliefern. Der Anbieter stellt als Ergänzung zu den regulären Abstimmungsunterlagen leicht verständliche und neutrale Broschüren für alle eidgenössischen und viele kantonale Abstimmungen und Wahlen her. «Das Wichtigste zu jeder Vorlage wird auf einer Doppelseite zusammengefasst und nach Hause geschickt», sagt Stadtammann Ruedi Weiss. Er hofft, dass dadurch Gespräche und Diskussionen über anstehende Abstimmungen am Familientisch angeregt werden.

Denn Weiss sieht dringenden Handlungsbedarf in der politischen Partizipation der jungen Kaiserstuhler. Besonders klar sei ihm das bei einem aktuellen Thema geworden: «Im Zusammenhang mit der möglichen Gemeindefusion von Rheintal+ wurde das geringe Interesse unserer Jungbürger an der politischen Mitwirkung in der Gemeinde deutlich.» An Gemeindeversammlungen zeige sich dasselbe Bild, bedauert Weiss. So sei die Altersgruppe unter 30 Jahren bei den durchschnittlich 50 bis 70 Anwesenden kaum vertreten.

33 Jungbürger betroffen

Die allgemeine Stimmbeteiligung in Kaiserstuhl sei mit rund 50 Prozent bei Urnengängen und 25 Prozent an Gemeindeversammlungen zwar vergleichsweise hoch, sagt Weiss. Der Stadtammann denkt aber bereits an die Zukunft: «Es wäre nötig, die Jungen für eine Mitarbeit zu gewinnen, ansonsten wird sich die Stimmbeteiligung in Kaiserstuhl zunehmend verschlechtern.»

Worin liegen die Gründe für die Politikverdrossenheit der Jungbürger? Abschliessend lasse sich das nicht beantworten, sagt Weiss. Er denkt aber, dass ein starker Zusammenhang zum Trend der Online-Kommunikation bestehe: «Durch einen gefilterten Newskonsum lassen sich politische Themen komplett ausblenden.» Zudem garantiere ein intensiver Austausch auf sozialen Plattformen keinen objektiven Blick auf gesellschaftliche Themen.

«Easyvote» soll nun dabei helfen, ein differenzierteres Bild der Politik zu geben. Insgesamt profitieren von der Lancierung 33 Jungbürger in der 422 Einwohner umfassenden Gemeinde. Zeitlich beschränkt sei das Projekt nicht – auch, weil die Kosten dafür überschaubar sind: «Gesamthaft werden wir jährlich 200 Franken zahlen müssen. Das Geld ist für diesen Versuch sicher gut investiert», sagt Weiss zuversichtlich.

Rekingen nicht aktiv kontaktiert

In Rekingen, rund neun Kilometer weiter östlich, hat man bereits Erfahrungen mit «Easyvote». Vor zwei Jahren ist es dort eingeführt worden. «Wir wollten die Jungen dazu animieren, am demokratischen Prozess teilzunehmen», erklärt Gemeindeammann Werner Schumacher die Beweggründe. Doch nach der anfänglichen Euphorie kehrte bald Ernüchterung ein: «Leider haben wir weder Feedbacks erhalten, noch konnten wir zusätzliche Wähler gewinnen.» Bereits nach einem Jahr wurde das Projekt wieder eingestellt.

Beim Kaiserstuhler Stadtrat habe man zwar vom Versuch in Rekingen gehört, die Gemeinde habe man im Vorfeld der eigenen «Easyvote»-Lancierung aber nicht aktiv kontaktiert, sagt Ruedi Weiss. Ungeachtet der Rückmeldungen stellt auch Weiss keine überbordenden Erwartungen an «Easyvote». Er sagt: «Es kann schon als Erfolg gewertet werden, wenn die Stimmbeteiligung auf dem heutigen Niveau gehalten werden kann.» Um jüngeren Nachwuchs für Ämter in der Kommunalpolitik zu begeistern, werde ohnehin weitere persönliche Überzeugungsarbeit notwendig sein. Der Stadtammann hofft, dass die Massnahmen auf lange Sicht Früchte tragen werden. «Ich würde mir wünschen, dass auch die Jungen ihre Ansichten und Stimmen einbringen und die Gestaltung der Zukunft nicht ganz der älteren Bevölkerung überlassen.»

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