Sammlung
Die grosse Welt auf einer kleinen Papierbühne

Adolf Baldinger aus Rekingen präsentiert seine Papiertheater-Sammlung im Dorfmuseum. Dabei erlebt der Besucher manche Überraschung.

Elisabeth Feller
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Dieses mannigfach schillernde Grün überwuchert alles – nicht eine Lücke offenbart der Dschungel. Gleichwohl muss es irgendwo eine geben, denn in der Mitte haben sich zwei Männer in Positur geworfen: der eine ein verwegen aussehender Mann mit schwerem Gepäck; der andere ein muskulöser brauner Mann – fast unbekleidet. «Das ist Freitag», sagt der Rekinger Adolf Baldinger und deutet auf den «Wilden»: «Trüge er Kleider, sähe er viel zu brav aus.»

Baldinger lacht verschmitzt, er hat das Erstaunen der beiden Dorfmuseum-Besucher wohl bemerkt. Denen geht nun ein Licht auf: Handelt es sich bei den beiden etwa um Freitag und Robinson Crusoe? «Exakt», sagt Baldinger und schon ist er mitten in seinem Thema – dem Papiertheater.

Nicht nur für Adlige

Man sieht solche Theater ringsum stehen – 14 hat der «vergiftete Sammler» dem Ortsmuseum Lengnau temporär zur Verfügung gestellt. «Papiertheater sind das Fernsehen des 19. Jahrhunderts», bringt Baldinger die «Aufgabe» der Miniaturbühnen auf den Punkt.

Weshalb es diese überhaupt gibt, erklärt der Rekinger so: «Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Theater vornehmlich in England einen enormen Aufschwung genommen. Theater war nicht mehr länger bloss für Adlige, sondern auch für Bürgerliche da. Erfolgsstücke wurden damals samt Bühnenbildern und Kostümen als Ausschneidebogen produziert und verlegt.»

Baldinger macht eine kurze Pause. «Gehen wir in die erste Etage?» Gern. Dort, erneut umgeben von einer Vielzahl prächtiger Bühnchen, setzt der eloquente, sympathische Mann seine Geschichte fort. «Strömten die Besucher damals aus dem Saal ins Foyer, konnten sie die Aufführung als Ausschnittbogen kaufen und die einzelnen Teile zu Hause zusammenkleben.»

Robinson Crusoe

In den eigenen vier Wänden wurden die (oft auf 45 Minuten) gekürzten Stücke dann nachgespielt – egal, ob es sich um eine abenteuerliche Geschichte um den Suezkanal, um Robinson Crusoe, die Opern «Der Freischütz», «Fidelio», «Die Zauberflöte» oder die Shakespeare-Tragödie «Othello» handelte. «Im 19. Jahrhundert hat man sich eben die Bilder ins Haus geholt», sagt Baldinger und verweist ausser auf den bildungsbürgerlichen auf einen weiteren wichtigen, nämlich sozialen Aspekt: «Für die Theateraufführungen wurden die Familie und die Verwandtschaft eingespannt, und das liess die Menschen auch im übertragenen Sinne näher zueinanderrücken.»

Adolf Baldingers Wangen haben inzwischen eine kräftige Farbe angenommen. Der Mann spricht mit ansteckender Begeisterung von einem Hobby, das ihm weit mehr ist: Lebenselixier.

Wie hatte alles begonnen? Als der junge Adolf Baldinger Bühnenbilder für eine Studentenbühne entwarf. Eines Tages lenkte ihn der Zufall in ein Antiquariat, wo er ein Papiertheater entdeckte – und prompt dessen bestrickender Ausstrahlung erlag.

Seither sammelt Baldinger Papiertheater und erweitert seine eh schon schwindelerregenden Kenntnisse stetig. In London, der einstigen Hochburg des Papiertheaters, passiere heute nichts mehr, sagt er mit leisem Bedauern.

Dafür passiert in Preetz viel. In der deutschen Kleinstadt (Bundesland Schleswig-Holstein) treffen sich seit 1988 Papiertheaterfreunde aus Europa, den USA und Mexiko, um Märchen, Dramen, Erzählungen und andere Theatergenres zu spielen.

Premiere in Preetz

Bis 2009 hat Stammgast Adolf Baldinger lediglich zugeschaut, doch dann hat er selbst eine Produktion vorgestellt: «Die Geschichte vom Soldaten», deren Text der Schweizer Ferdinand Ramuz und deren Musik Igor Strawinsky geschrieben haben.

Wie, ein solch ambitioniertes Werk? «O ja.» Baldingers Augen leuchten. Während dreier Jahre hat der Rekinger sämtliche Kulissen und Figuren selbst entworfen und hergestellt, wobei ihm sein Beruf als Goldschmied bei kniffligen Arbeiten zupasskam. In Preetz hat «Baldis Papiertheater» mit der «Geschichte vom Soldaten» (in der Version von Peter W. Loosli) seine Feuertaufe bestanden – nun wird es in Lengnau ein Heimspiel erleben.

«Die ganze Welt ist eine Bühne»

Adolf Baldinger spricht augenzwinkernd von einer «heillosen Koordinationsaufgabe für alle Mitwirkenden». Hört man aus diesen Worten ein Quäntchen Lampenfieber, hört man richtig. Morgen Sonntag wird sich der Vorhang öffnen: Baldis Papiertheater wird agieren und damit diesen Worten Shakespeares Rechnung tragen: «Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frau’n und Männer blosse Spieler.» Was möchte Adolf Baldinger noch spielen? «Den ‹Freischütz›, eine verrückte, poppige Oper.» Darauf freuen wir uns.