Konzernverantwortung
Die Gallier aus dem Zurzibiet: Mellikon nimmt die KVI so deutlich an wie keine andere Aargauer Gemeinde

Mellikon nahm die Konzernverantwortungsinitiative mit dem höchsten Ja-Anteil im Aargau an und macht seinem Ruf einmal mehr alle Ehre.

Daniel Weissenbrunner
Drucken
Teilen
Mellikon ist die grüne Insel im Bezirk Zurzach. Nicht nur wegen der Natur, auch wegen der politischen Haltung.

Mellikon ist die grüne Insel im Bezirk Zurzach. Nicht nur wegen der Natur, auch wegen der politischen Haltung.

Pirmin Kramer (09.09.2018

Mellikon hat es am Wochenende erneut in die Schlagzeilen geschafft. Gemessen an seiner Grösse mit seinen etwas mehr als 200 Einwohnern, hat die Zurzibieter Gemeinde eine erstaunlich hohe Medienpräsenz. In der Berichterstattung über die drittkleinste Gemeinde im Kanton ist fast ausschliesslich von einem Sonderfall die Rede. So auch am vergangenen Sonntag. Die Stimmbürger aus dem ländlichen Dorf am Rhein nahmen die Konzernverantwortungsinitiative mit 58,4 Prozent an – dem höchsten Ja-Anteil im Aargau. Die übrigen Gemeinden, die der umkämpften Vorlagen zustimmten, kommen vornehmlich aus urbanen Zentren wie Baden oder Aarau mit einer Affinität für linke Themen.

Ganz anders Mellikon: Der beschauliche Ort im Zurzibieter Rheintal befindet sich mitten in einem traditionell bürgerlich geprägten Gebiet. Als Beleg dafür dient das sonntägliche Abstimmungsergebnis der Nachbargemeinden. Böbikon (73,3 Prozent) und Baldingen (70,8) gehören zu jenen Dörfern im Kanton, welche die Initiative mit am Deutlichsten ablehnten. Mellikon war darüber hinaus auch die einzige Gemeinde im Zurzibiet, welche die Kriegsgeschäftsinitiative mit 53,4 Prozent angenommen hatte.

Grüne Anliegen plötzlich mehrheitsfähig

Nicht zum ersten Mall eilt Mellikon der Ruf des «Gallischen Dorfs» voraus. Das Ergebnis der Abstimmung reiht sich in eine Serie, in dem der Ort aus der Reihe tanzt. Bei den Grossratswahlen diesen Oktober wählten die Melliker, als einzige Gemeinde im Bezirk, die Grünen auf den ersten Platz. Und vor einem Jahr an den eidgenössischen Wahlen war Mellikon die einzige Gemeinde im Aargau, in der die Umweltpartei die höchsten Wähleranteile erhielt.

Eine Grüne Ortspartei sucht man in der Gemeinde gleichwohl vergeblich. Wer im Dorf nach Erklärungen für die Nähe von sozialen beziehungsweise ökologischen Themen sucht, erhält im Wesentlichen zwei Antworten: Mellikon sei für seine politisch sehr offene Haltung bekannt, sagt Thomas Urfer. Die Leute würden sich nicht nur ernsthafte Gedanken, was sie den nächsten Generationen für eine Welt überlassen wollen, «sie handeln auch.» Als Melliker Ammann in den Achtziger- und Neunziger Jahren kennt er die DNA der Bürger bestens. Bei den eidgenössischen und kantonalen Wahlen habe man dem bürgerlichen Lager einen Denkzettel verpassen wollen, «weil sie zu wenig in der Klimapolitik unternommen haben», vermutet der ehemalige Präsident von Pro Natura Aargau.

Abstimmungskarte gleicht der neuen Gemeindegrenze

Thomas Urfer glaubt allerdings nicht, dass die Melliker primär den politischen Gegnern eins auswischen wollen. Man verfüge im Dorf seit längerem über einen stabilen Anteil an linken Wählern, die Umweltfragen fortschrittlich gegenüberstehen. Das sei nicht immer so gewesen, erinnert sich der 72-Jährige. «Es gab Zeiten, in denen Mellikon konservativ und SVP-lastig war.» Vor einigen Jahren habe das Pendel dann umgeschlagen.

Dass den Mellikern die Bezeichnung der unbeugsamen Kämpfern anhaftet, hat noch einen anderen Grund: Eine Mehrheit der Stimmbürger wehrte sich vor einem Jahr an der Urne erfolgreich gegen eine Fusion zur Gemeinde Zurzach. «Die Ablehnung wurde für unser Dorf zu einer Belastungsprobe», sagt Urfer. Auch deshalb, weil sie im Widerspruch zur ansonsten offenen Haltung steht.

Die künftigen Gemeindegrenzen dürften den Mellikern indes vertraut vorkommen. Sie sind vergleichbar mit jener vom Abstimmungssonntag. Mit Inkrafttreten der neuen Grossgemeinde am 1. Januar 2022 zementiert Mellikon seine Stellung als Insel und den Ruf als «Gallisches Dorf».

Aktuelle Nachrichten