Bad Zurzach
Deshalb tanzte in Zurzach der Messe-Bär lange nicht mehr

Der musikalisch begleitete Neujahrsapéro fand im Gemeindezentrum Langwies statt. «Stargast» war Landammann Peter C. Beyeler.

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Landammann Peter C. Beyeler, Ammann Franz Nebel und Gemeinderat Reto Fuchs (von links) diskutieren die Zukunft des Fleckens. Urs Ammann

Landammann Peter C. Beyeler, Ammann Franz Nebel und Gemeinderat Reto Fuchs (von links) diskutieren die Zukunft des Fleckens. Urs Ammann

Im Gemeindezentrum Langwies konnten die Gemeindebehörden eine hochkarätige Festgemeinschaft begrüssen. Highlights waren die Ausführungen von Pfarrer Urs Zimmermann, Landammann Peter C. Beyeler, «Vision Zurzibiet»-Projektleiter Martin Hitz sowie Unternehmer Jakob Zuberbühler alias Stefan Kolb. Für die musikalische Begleitung sorgte die Musikgesellschaft Kaiserstuhl.

Leider vermag der ökumenische Gottesdienst immer noch nicht alle Eingeladenen zu mobilisieren, auch wenn es Nicole Häfeli und Urs Zimmermann immer wieder fertigbringen, die Zuhörerinnen und Zuhörer mit ihrer Predigt zu fesseln. Pfarrer Zimmermann war am Freitag durch den Flecken geschlendert und schilderte seine Überlegungen und Erfahrungen. Er beschönigte nichts, erzählte von den «bösen Buben» rund um das Bahnhofareal, thematisierte die mangelnden Pflegeplätze und fehlenden Heimplätze für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, ging aber auch auf die vielfältigen Ideen ein, die vorhanden sind, um Menschen in ihren schwierigen Situationen zu unterstützen, die aber nicht realisiert werden können, weil sich zu wenig Menschen für gemeinnützige Arbeit zur Verfügung stellen.

Gemeindeammann Franz Nebel begrüsste das Publikum, darunter die höchste Aargauerin, Patricia Schreiber-Rebmann aus Wegenstetten, und Landammann Peter C. Beyeler. Er plädierte für lösungsorientierte Kompromisse und rief dazu auf, die eigenen und die parteipolitischen Grenzen infrage zu stellen, um neue und innovative Wege zu finden. Ganz kurz ging er auf die laufende Planung rund um die Fleckenumfahrung und das Rietheimer Auenprojekt ein.

«Dynamisch und naturnah»

Projektleiter Martin Hitz stellte die «Vision Zurzibiet» vor und machte Werbung, dass die Bevölkerung bis zum 14.Januar am laufenden Vernehmlassungsverfahren teilnimmt. Das Projekt dauert vier Jahre und wird von Bund, Kanton und den Gemeinden Döttingen, Klingnau und Böttstein sowie vom Planungsverband Zurzibiet und vom Wirtschaftsforum Zurzibiet finanziert. Nach den umfangreichen Erhebungen werden Visionen und Zielsetzungen formuliert, welche die Grundlagen für die künftige Entwicklung des Zurzibiets bilden sollen.

Ins Gewissen geredet

Verschiedene Umstände führten im 19.Jahrhundert zum Niedergang der Zurzacher Messen. Zum Teil war dies den Zurzachern selber zuzuschreiben, da der Flecken ausserhalb der Messezeit in seine vorherige Ruhe zurücksank und die Bewohner sich zu stark auf ihr einziges Standbein konzentrierten. Zudem wehrten sich die Zurzacher mit Händen und Füssen gegen die Einbürgerung von Fremden, welche neue Ideen und Auftrieb in den alternden Marktflecken gebracht hätten.

Schlimme Auswirkungen hatte die Pest, die viele Kaufleute daran hinderte, nach Zurzach zu kommen. Auch als sie im 19.Jahrhundert schliesslich erlosch, erreichten die Märkte nie mehr die vorherige Bedeutung. Ein weiterer Grund war die wachsende Konkurrenz anderer Marktorte. 1856 wurde das Schicksal von Zurzach mit der Verlegung der Ledermesse nach Zürich besiegelt.

Erst der Fabrikant Jakob Zuberbühler brachte ab 1872 mit seiner Schuh- und Weisswarenindustrie wieder Leben in den Flecken. Zuberbühlers unermüdliche Bautätigkeit prägt heute noch das Bild von Zurzach. Fabrikbauten und Arbeitersiedlungen brachten den Stil der Jahrhundertwende in den mittelalterlichen Flecken. Besonders erwähnenswert ist seine Villa «Himmelrych», das heutige Schloss Zurzach. So erstaunt es nicht, dass der Patron Zuberbühler, gespielt vom Mellikoner Stefan Kolb, am Neujahrsapéro nicht eben zimperlich mit den Bad Zurzachern umging und sie dazu auf-rief, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, zum Flecken Sorge zu tragen, aufzuhören, zu jammern, zusammenzustehen, Mut zu haben und «etwas zu machen». Zuberbühler alias Kolb verteilte augenzwinkernd Schelten, nahm die eine oder andere Entscheidung, aber auch die eine oder andere Persönlichkeit aufs Korn und regte zum Denken an. Jedenfalls gab es beim folgenden Apéro viel Diskussionsstoff. (ua)