NAB-Studie
Der Wirtschaftsraum Zurzibiet ist stärker als sein Ruf

Eine neue NAB-Studie zeigt, wie sich der Wirtschaftsraum Zurzibiet im Vergleich zur Schweiz und den anderen Aargauer Regionen schlägt.

Andreas Fretz
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Die Industrie dominiert im Zurzibiet – im Bild das Solvay-Areal in Bad Zurzach.

Die Industrie dominiert im Zurzibiet – im Bild das Solvay-Areal in Bad Zurzach.

Samuel Buchmann

Es war eine Premiere gestern in Schloss Böttstein, als Simon Hurst ans Rednerpult trat. Erstmals wurde eine Studie der Neuen Aargauer Bank (NAB) ausschliesslich zum Wirtschaftsraum Zurzibiet präsentiert. Die früheren Erhebungen fassten jeweils die Bezirke Brugg und Zurzach zusammen. «Nicht zur Freude der Brugger. Die meinen, das Zurzibiet ziehe ihre Werte nach unten», sagte Hurst am Anlass des Wirtschaftsforums Zurzibiet – und löste damit im vollen Saal ein Raunen aus.

Punkto Standortqualität lässt sich sagen: Die Schweiz liegt auf Rang zwei der Welt, der Aargau auf Rang drei aller Schweizer Kantone und das Zurzibiet auf Rang sieben der elf Aargauer Bezirke. Hurst, der für die Credit Suisse im Bereich Swiss Regional Research arbeitet, fasste zusammen: «Im Vergleich zur Schweiz ist die Standortqualität im Zurzibiet gut, im Vergleich mit dem Aargau liegt sie unter dem Durchschnitt.» Ihm sei bewusst, so Hurst, dass sich die Zurzibieter nicht mit der Schweiz, sondern lieber mit den Nachbarsbezirken messen. Und da sei die Konkurrenz eben sehr stark.

Das Haushaltseinkommen wächst

33 585 Einwohner (Rang 10) zählt der Bezirk und 11 978 Beschäftigte (Rang 8). Das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt 2017 bei geschätzten 56 900 Franken (Netto). In den Gemeinden Baldingen und Böbikon bleibt am meisten vom Einkommen übrig (Indikator frei verfügbares Einkommen). Bemerkenswert: Im Zurzibiet wächst das Haushaltseinkommen am stärksten an. Stärker als in der Schweiz, im Aargau und den anderen Bezirken. Bevölkerungs- und Beschäftigungswachstum liegen hingegen am anderen Ende der Skala. Aber auch in diesem Bereich gibt es eine positive Meldung: Erstmals seit 2001 sind mehr Personen aus der Schweiz in den Bezirk Zurzach eingewandert als ausgewandert (+200). Die Zuzüger kommen vor allem aus den Zürcher Bezirken Dielsdorf, Bülach und Uster. Leicht rückläufig, aber immer noch positiv, ist die Nettozuwanderung aus dem Ausland (+300).

Bei den sieben Faktoren der Standortqualität liegt der Bezirk Zurzach in sechs Bereichen über dem Schweizer Mittel. Einzig bei der Verfügbarkeit von Hochqualifizierten tut sich der Bezirk, aber auch der Kanton Aargau als Ganzes, schwer. «Diese wandern in Zentren wie Zürich oder Basel ab», sagt Hurst. Beim Faktor steuerliche Attraktivität für natürliche Personen sieht die Zukunft für den Bezirk Zurzach ebenfalls nicht rosig aus. Nach der Annahme des neuen Finanz- und Lastenausgleichs per 2018 drohen teils massive Steuererhöhungen.

7 Faktoren der Standortqualität im Bezirk Zurzach

7 Faktoren der Standortqualität im Bezirk Zurzach

Bundesamt für Statistik/Credit Suisse

Das Zurzibiet ist eine Hochburg der Industrie. 42 Prozent der Angestellten arbeiten in diesem Sektor. Baugewerbe und Energiebranche sind stark vertreten. Allerdings liegt die Wertschöpfung im Industriesektor hinter dem Dienstleistungssektor zurück. Zudem stellt die Atomindustrie (Stichwort Energiestrategie 2050) ein Klumpenrisiko dar. Überproportional hoch ist auch die Zahl der Beschäftigten im Gesundheitswesen. Die Aussichten der Branche werden aber als sehr gut bewertet. Erfreulich für den Berufszweig: Im Zurzibiet leben überdurchschnittlich viele über 50-Jährige, also potenzielle Kunden. «Allerdings wird die Demografie für den Bezirk eine Herausforderung. Es fehlen die 20- bis 40-Jährigen», sagt Hurst. Er gibt dem Zurzibiet sechs Strategien mit auf den Weg:

  • Rahmenbedingungen verbessern: Erreichbarkeit und Steuerattraktivität erhöhen.
  • Raum- und Verkehrsplanung abwägen: Hohe Qualität von Natur und Landschaft erhalten.
  • Auf Dienstleistungen fokussieren: Innovations- und Beratungskompetenz im Energiesektor stärken.
  • Etablierte Berufstätige ansprechen: Exil-Zurzibieter könnten zurückkehren.
  • Attraktive Rahmenbedingungen für neue Firmen: Gewisse Zuzüge («Coups») gelingen dank rascher Reaktion.
  • Vermögende Steuerzahler anziehen: Wohlstand kann importiert werden.