Klingnauer Stausee
Der Kanton steht vor einem Umwelt-Dilemma am Klingnauer Stausee

Fischer verlangen eine Deponierung von ausgebaggerten Sedimenten. Der Kanton wollte via eine Rohrleitung das Material in den Rhein spülen. Die verlangte Deponierung würde 3000 zusätzliche Lastwagen-Fahrten bedeuten. Was ist schlimmer?

Hans Lüthi
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Der Blick über den Klingnauer Stausee von Döttingen her.

Der Blick über den Klingnauer Stausee von Döttingen her.

Hans Lüthi

Die Ausbaggerung einer Rinne am linken Ufer des Klingnauer Stausees bleibt ein politisch heisses Eisen: Der Aargauische Fischerverband hat seine Ankündigung wahr gemacht. In der Einsprache gegen das Projekt des Kantons verlangen die Fischer, sämtliche ausgebaggerten Sedimente müssten in einer Deponie entsorgt werden. Der Kanton wollte ursprünglich 40 000 Kubikmeter ausbaggern und via eine Rohrleitung bei der Aaremündung in den Rhein spülen. In einem Kompromiss zeigte sich das Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) bereit, die 8000 am stärksten belasteten Kubikmeter Material aus dem verlandeten See in eine Deponie zu führen und 20 000 Kubikmeter dem Fluss zurück zu geben.

Der Grosse Rat hat für das Projekt mit Ausbaggerung und Einleitung bereits 2,44 Millionen Franken bewilligt. Aber die Deponierung der mit polychlorierten Biphenylen (PCB) und anderen Stoffen belasteten Sedimente würde zusätzlich 1,3 Millionen verschlingen.

«Wir wehren uns weiterhin gegen jede Einleitung in den Rhein, weil Abfälle grundsätzlich entsorgt werden müssen», sagt Hans Brauchli, Präsident des Aargauischen Fischereiverbandes (AFV). Wenn die Regierung die Einsprache oder Eingabe ablehnt, wollen die Fischer nicht nur die Protestrute schwingen. Dank einem Kampffonds haben sie das nötige Geld für einen Weiterzug ans Aargauische Verwaltungsgericht, später allenfalls bis ans Bundesgericht. «Zuerst aber warten wir auf ein Gespräch mit dem Kanton und das Resultat der Verhandlungen», tönt Brauchli kompromissbereit. Aber nur für eine Lösung ohne Einleitung. Weniger Ausbaggern, alles entsorgen, lautet seine Idee.

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Millionen Kubikmeter Sedimente haben sich im Klingnauer Stausee in den vergangenen 80 Jahren abgelagert. Die Regierung will 28 000 Kubikmeter davon ausbaggern, aber 20 000 Kubikmeter davon in den Rhein zurückleiten und nur 8000 Kubikmeter des am stärksten mit Schadstoffen belasteten Materials in eine Deponie führen.

Deutlich unter Grenzwerten

Ein heikler Präjudizfall ist das Projekt für die Fischer, den Kanton und einen weiteren Umweltverband, der eine zweite Einsprache eingereicht hat. Alle Stauseen sind massiv verlandet. In den vergangenen 80 Jahren seit dem Bau des Klingnauer Stausees haben sich hier fünf Millionen Kubikmeter Sedimente abgelagert. Mit einer 25 Meter breiten Rinne, die in der Mitte zwei Meter tief ist, erhoffen sich die Wasserbau-Spezialisten einen Mitnahmeeffekt des Flusses.

Denn die Schilfgürtel werden immer grösser, die Verlandung ist schlecht bei Hochwasser. «Wir halten die Grenzwerte der internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) ein», versichert Patrick Rötheli. Der Sektionsleiter der Abteilung Landschaft und Gewässer im BVU betont, die mittlere Belastung sei deutlich tiefer: «Wir dürften alles einleiten». Dank 152 Proben im See kenne man die Belastung und sei bereit, Abschnitte mit erhöhten Werten abzuführen.

Alle Umweltfolgen klären

Der Kanton möchte den schwimmenden Saugbagger, mit GPS gesteuert, am liebsten schon im Sommer 2015 einsetzen und das Projekt bei genügend Wasser in Aare und Rhein zügig realisieren. Ein nicht zu unterschätzender Umweltaspekt ist der Abtransport von so viel Material. Zuerst müssen die Sedimente auf dem Leuggemer Feld getrocknet werden. Der Transport der 8000 Kubikmeter in die Inertstoffdeponien nach Frick oder Seon verursache 1230 Lastwagenfahrten. Auch das belaste die Umwelt, gibt Rötheli zu bedenken. «Die Gemeinden Böttstein und Klingnau sind besorgt wegen des zusätzlichen Verkehrs», erklärt Patrick Rötheli.

Es gibt keine Ideallösung

Wollte man die Wünsche der Fischer erfüllen, hiesse das zusätzlich rund 3000 Fahrten mit Lastwagen voller Sedimente für den Abtransport. Diesen Zusatzverkehr während der Bauzeit könnten die Strassen der Region nicht verkraften. «Die Super-Lösung gibt es nicht, wir stecken in einem Dilemma», meint der Projektleiter zu den Auswirkungen auf die Umwelt. Soll man die Sedimente im Gewässer belassen können, so wie es die Anrainerstaaten für den Schutz des Rheins vorgesehen haben? Oder mit Verkehr und Luftverschmutzung das Material in Deponien verfrachten, wo sie für Jahrzehnte sicher gelagert werden müssen? «Der Fluss hat es gebracht, also soll er es auch wieder mitnehmen», ist eine oft gehörte Meinung zum Problem. Klar ist nur eines: Gar nichts unternehmen, wäre die schlechteste Lösung.