Bad Zurzach
Der Hüter über Sagen und Märchen aus dem Atelier «Mundgerecht»

Im April hat Geschichtenerzähler Jürg Steigmeier sein Atelier «Mundgerecht» im Bad Zurzacher Gasthof zur Waag bezogen. Sein Atelier ist offen für alle, vor allem Alleinreisende nächtigen im ehemaligen Messehof.

Ursula Burgherr
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Steckt voller Ideen: Jürg Steigmeier im «Mundgerecht». ubu

Steckt voller Ideen: Jürg Steigmeier im «Mundgerecht». ubu

Ursula Burgherr

Der ehemalige Messehof, den man durchschreitet, um in Jürg Steigmeiers Atelier zu gelangen, ist punkto Idylle unübertreffbar. Alltagsgeräusche verschwinden und werden vom Brunnen übertönt, der seit Jahrhunderten vor sich hinplätschert.

Den Eingang zu Steigmeiers Reich umflort eine wilde Rebe, deren Blätter sich sanft wiegen im lauen Sommerwind. Ein idealer Platz für Ruhesuchende, um Einhalt zu machen.

Viele Alleinreisende nächtigen hier

Seit im Restaurant zur Waag die Türen geschlossen werden mussten, hat das ortsansässige Park Hotel die Räumlichkeiten übernommen und betreibt dort ein Bed & Breakfast sowie Trink- und Eventlokal mit einheimischen Produkten.

Hotel-Direktor Ralph Möller unterstützt seit Jahren das von Jürg Steigmeier organisierte Mundart-Festival in Bad Zurzach und bot ihm ein Atelier im historischen Gebäude zur Miete an.

Der Geschichtenerzähler schlug zu und stellt sich in seiner neuen Umgebung zur Prämisse: «Jeder, der möchte, darf bei mir reinkommen». «Bis jetzt haben mehr Frauen mein Angebot angenommen», erzählt Steigmeier.

«Oft sind es Alleinreisende, die hier nächtigen und das Gespräch suchen. Kürzlich holte eine Dame spontan ihre Handorgel vom Zimmer runter und brachte ein Ständchen.»

Andere Besucher des «Mundgerecht»-Ateliers haben spezifische Wünsche und wollen ihr Wissen erweitern. Jürg Steigmeier ist bekannt für seine umfangreiche Sammlung an Sagen, Märchen und Mythen.

Wer eine Geschichte braucht, wie die diesjährige Badener 1.-August-Rednerin Corin Curschellas, wird bei ihm fündig. Für die az-Sommeraktion zu sagenumwobenen Orten im Aargau lieferte er Legenden, die sonst in Vergessenheit geraten wären.

Zum Lehrmittel für Hörverstehen der Fachhochschule Liestal steuerte Steigmeier selbst erzählte Märchen und Sagen bei und fördert in einem speziellen Programm die Dialektforschung.

«Ich bin froh, dass man sich wieder mehr der einheimischen Sprache bewusst wird», meint er dazu. Über tausend Bücher hat er in seinem Fundus, die je nach Bedarf verliehen werden können.

Stubete mindestens alle 2 Monate

Die «Stubete», welche er mit dem Verein Mundart im Gasthof zur Waag veranstaltet, ist künftig regelmässiger – mindestens alle zwei Monate – geplant. Aber jedes Projekt soll mit Bedacht wachsen.

Steigmeier: «Ich will keine Luftblase kreieren und nachher Schulden machen oder nur einen Bruchteil davon realisieren können». Als Kontrapunkt zum schnelllebigen und windigen Alltag zelebriert er das langsame und qualitative Wachstum – bleibt aber trotzdem spielerisch.

An seinem neuen Begegnungsort könnte er sich auch Schlaraffenland-Nachmittage vorstellen, für Kinder, die zu seinen Geschichten Menüs für ihre Eltern kreieren.

Infos auf: www.erzaehler.ch