Kleinwuchs
«Der Herrgott macht schlimmere Sachen, als Kleinwuchs zu verteilen»

Kurze Arme, kurze Beine – wacher Geist: Der kleinwüchsige Andreas Graf meistert das Leben auf seine ganz eigene Art. Er hat gelernt, mit dem Kleinwuchs umzugehen.

Angelo Zambelli
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Andreas Graf ist 124 Zentimeter gross, wiegt 40 Kilo, wird am 24. Januar nächsten Jahres 42 Jahre alt und ist mit seinem Leben ganz zufrieden.

Obwohl: Manchmal nervt es ihn schon, wenn Kinder rufen: «Mami, Mami, schau: ein ganz kleiner Mann.» Doch mit diesen Situationen hat Graf umzugehen gelernt, und er findet es sogar lustig, wenn ein kleines Kind in der Eisenbahn oder im Bus laut weint und bei seinem Anblick urplötzlich still wird. In diesen Momenten wird ihm jeweils bewusst, dass er mit seinem Kleinwuchs auffällt «wie ein bunter Hund».

«Ich bin so, wie ich bin»

Ist er dem Herrgott böse, dass er ihn beim Verteilen der Körpergrösse übergangen hat? «O nein», sagt Graf im Brustton der Überzeugung. «Der Herrgott macht schlimmere Sachen, als Kleinwuchs zu verteilen. Ich bin so, wie ich bin, und habe auch nicht den Eindruck, dass Kleinwüchsige in der Schweiz – von wenigen Ausnahmen abgesehen – abschätzig behandelt werden.»

Zu kämpfen hat Andreas Graf weniger mit der Einstellung der Gesellschaft zu Kleinwüchsigen als mit den gesundheitlichen Auswirkungen seines, wie er selber sagt, «Geburtsschadens».

Schlecht ausgebildete Hüftgelenke und jahrelange Fehlhaltung haben zu massiven Rückenproblemen geführt. Der eingeklemmte Ischiasnerv führe dazu, dass er nach längeren Spaziergängen das Gefühl habe, «der Arsch sei eingeschlafen».

Die gesundheitlichen Schwierigkeiten hindern ihn nicht daran, ein mehr oder weniger selbstständiges Leben zu führen. Seine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Gippingen sei ganz normal eingerichtet. «Nur die obersten Regale in der Küche sind nicht eingeräumt. Beim Kochen kommt mir meine Geschicklichkeit zugute, die ich mir schon als kleines Kind angeeignet habe», sagt Andreas Graf.

Vor Jahren hat er mit dem Skifahren aufgehört, weil die Knie zu stark beansprucht wurden. Heute verschafft er sich Bewegung, indem er zusammen mit einem Kollegen in einem Kajak die Aare und den Rhein hinunterpaddelt und indem er seinen nicht ganz rassenreinen Staffordshire-Terrier Lucky Gassi führt.

Den Hund hat er vor drei Jahren von einer Wohnungsnachbarin zum Hüten übernommen. Inzwischen ist eine starke Bindung zwischen den beiden entstanden.

Früher ist Andreas Graf oft und gerne unter die Leute gegangen. Heute fühlt er sich in seinem Zuhause wohler. «Ich interessiere mich vor allem für Dokumentarfilme und für Nachrichten», erzählt Graf.

Hosen und Hemden passen nie

Als weitaus belastender als die gesundheitlichen Probleme oder den hürdenreichen Kleiderkauf («Hosen und Hemden passen nie. Die muss ich mir von Bekannten zurechtschneidern lassen») empfindet er den Umstand, dass er als gelernter Technischer Zeichner seit rund sechs Jahren arbeitslos ist.

Noch mehr beschäftigt ihn, dass er bis jetzt keine Frau gefunden hat. «Vielleicht habe ich mir damit auch eine Menge Ärger erspart», sagt Graf, doch sein Blick verrät, dass ihm die Nähe eines geliebten und eines ihn liebenden Menschen mehr fehlt, als er selber zugeben will.

Doch er findet seinen Humor schnell wieder und sagt mit verschmitztem Lachen: «Es könnte ja sein, dass meine Traumfrau diesen Zeitungsartikel liest und sich bei mir meldet.»