Surbtal
Der Bevölkerung ist nicht klar, welche Konsequenzen der Fluglärm hat

Im beschaulichen Örtchen Lengnau im Aargauer Surbtal durchdringen einzig singende Vögel die Stille – und hin und wieder donnert ein Flugzeug hoch über den Wolken. Längst haben die Surbtaler den Fluglärm, der tagsüber vom Himmel fällt, verinnerlicht.

Sabina Galbiati
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Lukas Keller, Gemeindeammann von Endingen
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Sonnenblumenfeld bei Schneisigen
Paul Hediger, Praesident Gewerbeverein Surbtal und Inhaber des Gartencenters Lengnau
Fluglärm-Staatsvertrag: Was kommt auf das Surbtal zu?
Die Synagoge in Lengnau

Lukas Keller, Gemeindeammann von Endingen

Emanuel Freudiger

«Nur wenn sie kreisen, die Flugzeuge, fällt uns auf, dass sie da sind», erzählen zwei Surbtalerinnen. Doch hat Doris Leuthard den Staatsvertrag zum Fluglärm erst einmal unterschrieben, droht der Beschaulichkeit das Ende. Gleich zwei neue Flugrouten werden dann den Himmel über dem Surbtal kreuzen: Der gekröpfte Nordanflug wird zusätzlich Lärm von 6 Uhr bis 7 Uhr bescheren.

Die Aargauer als duldsames Volk

Die Abflugroute Surbtal–Bötzberg sorgt zwischen 22 Uhr und 00.30 Uhr für weitere Lärmbelastung. Wer vor Unterzeichnung des Staatsvertrages in der Surbtaler Bevölkerung nach empörten Stimmen sucht, findet sie nicht. Schliesslich seien die Aargauer ein duldsames Volk, heisst es. Und «Frau Leuthard hat sicher ihr Möglichstes getan», so der Tenor. Zu guter Letzt «schmunzeln wir eher, wenn Politiker und Medien wieder mal den Fluglärm aufbauschen», gestehen die beiden Surbtalerinnen. Bis sich nach einem verhaltenen Lächeln doch noch Resignation in ihre Worte schleicht: «Unsere Region ist so klein, wir können ohnehin nichts machen», sagen sie, das hätten die an der Goldküste in der Hand. Auch in Schneisingen, der Nachbarsgemeinde Lengnaus, fühlt man sich machtlos gegen das Diktat von oben. «Irgendwer muss immer einstecken», ist man im Dörfchen überzeugt.

Was sich wirklich zusammenbraut am Himmel über dem Surbtal, wissen nur die Politiker. «Für die Bevölkerung ist das Problem viel zu komplex, daher ist es verständlich, wenn sie die Lage nicht einschätzen können», erklärt Lukas Keller, Gemeindeammann von Endingen. Es ist, als würde man Lämmer zur Schlachtbank führen. «Tatsächlich hätten die beiden neuen Flugrouten für das Surbtal immense Folgen», holt Keller aus: «Unsere Region lebt von der guten Wohnqualität. Wir haben deshalb im Rahmen der ‹Vision Zurzibiet› sogar den Richtplan geändert und voll auf die Entwicklung als Wohngebiet gesetzt.»

«Lärm nicht an unseren Himmel verfrachten»

Der nächtliche Fluglärm streicht dem Richtplan nun die Rechnung. «Weil der Grenzwert für die nächtliche Lärmbelastung künftig überschritten wird, können wir keine Baugebietseinzonungen mehr vornehmen», erklärt Kurt Schmid, Gemeindeammann in Lengnau und Präsident des Aargauer Gewerbeverbandes. Gemeinden wie Lengnau oder Schneisingen werden sich nicht weiterentwickeln können. «Auf den Industrie- oder Tourismuszweig kann das Surbtal nicht ausweichen. Das wäre irrational», sind sich Keller und Schmid einig. Einigkeit herrscht auch darüber, dass das Surbtal nicht zum Bauernopfer werden darf, sollte Zürich aufgrund des Staatsvertrages die Pistenverlängerung durchwinken. «Wir werden sämtliche Hebel in Bewegung setzen. Es geht nicht an, den ganzen Lärm an unseren Himmel zu verfrachten!» insistiert Schmid.