Region
Den Ärger über den Einkaufstourismus gab es schon vor 92 Jahren

Einkaufstourismus ist keine Erscheinung der letzten Jahre. Ein Blick ins Archiv zeigt: Schweizer reisten schon vor einem Jahrhundert nach Deutschland, um sich rasieren und die Haare schneiden zu lassen.

Angelo Zambelli
Merken
Drucken
Teilen
Die Schweizerinnen und Schweizer kaufen jährlich für mehrere Milliarden im Ausland ein. AZ-Archiv/Martin Töngi

Die Schweizerinnen und Schweizer kaufen jährlich für mehrere Milliarden im Ausland ein. AZ-Archiv/Martin Töngi

Seit Jahren wird in der Politik, in Gewerbekreisen und in der Bevölkerung über Sinn und Unsinn des Einkaufens im nahen Ausland diskutiert und lamentiert. Während die eine Seite die Meinung vertritt, die Schweizer Preise für Lebensmittel, Elektronik und Autos seien in der Schweiz schlicht zu hoch, verweisen Gewerbetreibende entlang der Grenze immer wieder darauf, dass sie sehr stark unter dem Einkaufstourismus leiden und dass damit Arbeitsplätze und Lehrstellen gefährdet werden.

Einen Höhepunkt erreichte die teils heftige Auseinandersetzung vor rund zwei Jahren, als die Stiftung für Konsumentenschutz den Ratgeber «Zölle, Steuern & Co» herausgab. Für rote Köpfe sorgte der Satz «Wer die Hochpreisinsel Schweiz verlässt und im Ausland einkauft, profitiert von deutlich tieferen Preisen.»

Diese indirekte Empfehlung zum Kauf im Ausland rief die Bosse von Migros und Coop auf den Plan. Migros-Chef Herbert Bolliger sagte in einem Interview mit der az, den Menschen sei zu wenig bewusst, welche Auswirkungen der Einkaufstourismus auf Arbeitsplätze, Landwirtshaft und Gewerbe habe.

«In ein paar Jahren wird das grosse Wehklagen losgehen», prophezeite Bolliger. Coop-Präsident Hansueli Loosli appellierte an die Solidarität der Konsumenten: «Wer ennet der Grenze einkauft, profitiert persönlich und gefährdet Arbeitsplätze in der Schweiz». Der ehemalige Denner-Chef Philippe Gaydoul bezeichnete Einkaufen im Ausland als «unpatriotisch».

Das Problem ist altbekannt

Ein Blick ins Archiv zeigt: Die Frage, ob Einkaufen in Waldshut, Konstanz, Laufenburg oder auch entlang der Grenze zu Österreich, Frankreich und Italien unmoralisch ist oder nicht, beschäftigt die Schweizerinnen und Schweizer seit über einem Jahrhundert. Am 15. November 1921 veröffentlichte das «Aargauer Tagblatt» einen Leitartikel unter dem Titel «Die Übelstände im kleinen Grenzverkehr». Die darin enthaltenen Gedanken sind zwar über 92 Jahre alt, haben aber an Aktualität nichts eingebüsst.

Möbelhaus: Sonderkurs und Prämie

In den Geschäften im Landkreis Waldshut-Tiengen klingeln die Kassen. Das kommt nicht von ungefähr: Die Geschäfte entlang des Rheins locken die Schweizer Kundschaft mit Angeboten, die es Schweizer Anbietern schwer bis unmöglich machen, mitzuhalten.

Dazu ein aktuelles Beispiel: In einem Flyer bietet ein grosses Möbelhaus in Dogern Schweizer Kunden aus Anlass des 125-Jahr-Jubiläums einen Euro-Franken-Sonderkurs von 1.15 an. Der reguläre Kurs liegt derzeit bei 1.23. Das Möbelhaus geht aber noch bedeutend weiter mit seinem verlockenden Angebot an die Schweizer Kundinnen und Kunden während der Aktionszeit: Zusätzlich werden ein Verzollungs-Service und die volle Rückerstattung der Mehrwertsteuer von 19 Prozent offeriert.

Gratis sind auch Lieferung und Montage ab einem Einkaufswert von 500 Euro sowie die kostenlose Entsorgung der Altmöbel. Mit eingeschlossen im Jubiläumspaket sind ausserdem eine 0,00-Prozent-Finanzierung sowie die volle Weitergabe der Jubiläumsprämie der Möbelhaus-Lieferanten an die Kunden. (ZA)

«Die Verhältnisse an der Nordgrenze unseres Kantons wie überhaupt die Zustände an der deutsch-schweizerischen und deutschösterreichischen Grenze geben seit einiger Zeit hinsichtlich des ‹kleinen Grenzverkehrs›, das heisst des Verkehrs der Grenzanwohner untereinander, zu schweren Besorgnissen Anlass», schrieb das «Aargauer Tagblatt».

Das Gewerbesekretariat und der Kantonalvorstand des Gewerbeverbandes fanden es angezeigt, die Öffentlichkeit eingehend über diese Zustände zu orientieren, die – Zitat – «allen Begriffen über den Schutz nationaler Arbeit und Produktion Hohn sprechen».

Die üblen Folgen des kleinen Grenzverkehrs treffe ganze Berufszweige, schreibt das «Aargauer Tagblatt» weiter, «unter anderem die Coiffeure, deren Läden an der Grenze leer stehen, weil es vorteilhafter ist, sich in Deutschland rasieren oder haarschneiden zu lassen.» Ähnlich verhalte es sich mit den Leuten, welche die Grenze überschreiten, um jenseits des Rheins billigen kulinarischen Genüssen zu frönen, während die einheimischen Wirtshäuser leer stehen.

Umstrittene Arbeitsvergaben

Als «ruinös» bezeichnet das Tagblatt die Schäden, welche durch die ausländischen Gewerbetreibenden «infolge Ausführung von Arbeiten auf schweizerischem Gebiet eintreten. Es ist unglaublich aber wahr, dass bei Bauten, die mit Subvention von Bund, Kanton und Gemeinden erstellt werden, illoyalerweise Arbeiten an deutsche Unternehmer, welche ihre Arbeitslöhne und Materialien in Mark bezahlen und deshalb billiger als der schweizerische Konkurrent arbeiten, vergeben werden, während gerade das Bauhandwerk in der Schweiz brachliegt und an Arbeitslosigkeit leidet.»

Thematisiert werden auch die Schäden, die durch Import deutscher Waren entstehen. Allein in den ersten drei Oktobertagen seien für über 15 000 Franken Herrenkleider verzollt und eingeführt worden, teilt das «Aargauer Tagblatt» seiner Leserschaft mit. «So begreift man, wie berechtigt die Reklamation des aargauischen Schneidermeisterverbandes ist, der sich als einer der ersten Berufsverbände gegen die Zustände im kleinen Grenzverkehr aufgelehnt hat.»

Gegeisselt wird auch der Schaden, den Gelegenheitsimporteure anrichten: «Es gibt Leute, die nicht bloss für sich, sondern für Dritte importieren, ohne irgendwelche Berufs- oder Branchenkenntnisse zu besitzen. Es sind Beispiele des Gelegenheitshandels bekannt, wonach Bauernsöhne oder Festbesoldete – angeblich auch Lehrer – für Drittpersonen Waren mitbringen.»

Den Schaden haben in erster Linie das einheimische Gewerbe und der Handel zu tragen, aber auch der Konsument, der oft minderwertige Ware erhält, die, bloss scheinbar billig, die Qualität nicht hat und viel zu teuer bezahlt worden ist.»