Medizin
Das Zurzibiet verliert seinen Arzt des Vertrauens

Der langjährige Leiter der Röntgenabteilung des Asana-Spitals Leuggern geht in Pension. Im Gespräch mit der az lässt Mike Mattuglia seine Jahre als Arzt noch einmal Revue passieren.

Pirmin Kramer
Drucken
der Arzt des Vertrauens

der Arzt des Vertrauens

Aargauer Zeitung

«Hier sieht man die Verletzung am Knie», sagt Mike Mattuglia (64) und zeigt auf den Bildschirm seines Handys. Während manche Menschen Ferienfotos in ihrem Mobiltelefon ablegen, hat Mattuglia dort Röntgenbilder gespeichert, die ihm Mitarbeiter des Spitals Leuggern nachts zur Begutachtung geschickt haben. Wenn er über diese Bilder spricht, klingt seine Stimme stark und fröhlich.

Leiser spricht er, wenn es um seine Pensionierung geht. Nach dreissig Jahren als Leiter der Röntgenabteilung endet am 30. September Mattuglias Zeit im Spital Leuggern. Etwas nachdenklich sagt er: «Ich bin immer gerne arbeiten gegangen, und ich werde den Job schon ein wenig vermissen.»

Wer sich in den letzten drei Jahrzehnten in Leuggern röntgen lassen musste, dürfte Mattuglia kennen: Während mehr als zehn Jahren leitete er die Abteilung alleine, viele weitere Jahre teilte er sich die Arbeit mit einem Kollegen. Er habe keinen einzigen Arbeitstag verpasst, sagt er: «Ich war nie krank oder verletzt - vielleicht auch, weil es mir hier so gut gefallen hat.»

Über Österreich nach Leuggern

Mattuglia sitzt in der Cafeteria des Spitals, und alle fünf Minuten wird er angesprochen - von Ärzten, Krankenschwestern und Mitarbeitern. «Das ist das Einzigartige an unserem Spital: Die Atmosphäre ist sehr familiär.» Das komme auch den Patienten zugute: «Ich glaube, hier in Leuggern nehmen sich die Angestellten mehr Zeit für die Patienten als in anderen Spitälern.» Auch er habe stets versucht, mit den Patienten ins Gespräch zu kommen - dies sei wohl seine grösste Stärke: «Ich denke, ich habe das Gespür dafür, wann ich mit den Menschen Witze machen kann und wann ich sie trösten muss.»

Seine Ausbildung zum «Fachmann für medizinisch-technische Radiologie» hat Mattuglia in seinem Heimatland Kroatien absolviert. Nach einigen Jahren in Österreich und am Triemlispital in Zürich entdeckte er in einem Inserat seine Traumstelle - am Spital Leuggern. «Es war immer mein Ziel, in der Diagnostik zu arbeiten. In Leuggern erhielt ich die Chance, genau das zu tun.» Das Faszinierende an seiner Arbeit sei es, aufgrund des Bildes die richtige Diagnose zu stellen. «Inzwischen kann ich Bilder in einfachen Fällen in nur zehn Sekunden beurteilen.»

Rund 20 Röntgenbilder schoss Mattuglia Tag für Tag, Jahr für Jahr. Das ergibt eine Gesamtsumme von rund 100000 Röntgenbildern. Seine Arbeit habe sich in den dreissig Jahren verändert, sagt Mattuglia. «Als ich angefangen habe, dauerte die Belichtungszeit für ein Röntgenbild rund drei Sekunden.» Das war erstens ungesund für die Patienten und erschwerte zweitens eine präzise Diagnose. «Wenn sich die Patienten während dieser drei Sekunden auch nur ein wenig bewegt haben, hat man auf dem Bild anschliessend fast gar nichts mehr erkannt. Alles war verwackelt.» Heute dauere es zum Glück nur mehr den Bruchteil einer Sekunde, ehe ein Röntgenbild geschossen ist. «Eine grosse Herausforderung liegt aber auch heute noch darin, den Patienten so auf den Apparat zu legen, dass er keine zusätzlichen Schmerzen erleidet.»

«Patienten kennen Schicksal»

Einen Patienten wird Mattuglia nie vergessen. Auf seinem Röntgenapparat lag ein 27-jähriger, frisch verheirateter Mann, der einen Autounfall hatte und schwer verletzt war. «Er hat immer wieder gesagt: ‹Ich werde sterben, ich werde sterben.› Und dann hat er es tatsächlich nicht geschafft.» Seither wisse er: «Die Patienten kennen ihr Schicksal instinktiv».

An die meisten Patienten hat Mattuglia angenehme Erinnerungen: «Vor allem mit Kindern habe ich immer sehr gerne gearbeitet. Es hat mich riesig gefreut, wenn sie mir nach ihrem Aufenthalt Karten und Zeichnungen geschickt haben. Das werde ich vermissen.» Er werde jetzt mehr Zeit für seine Frau, seine drei Kinder und für seine fünfjährige Enkelin haben. Ausserdem habe er kürzlich mit dem Windsurfen begonnen, sagt Mattuglia. Er freue sich auf seine Zeit als Rentner, sagt er, wieder leise. Richtig kräftig wird seine Stimme erst wieder, als es um seine Leidenschaft geht - er werde auch weiterhin ab und zu Röntgenbilder schiessen. «Ich habe mit dem Spital abgemacht, dass ich bei Engpässen als Aushilfe zur Verfügung stehe.»

Aktuelle Nachrichten