Endingen
Das Schnittmuster diktiert das Kleidungsstück

Die Designerin Rahel Tschofen wurde für ihren radikalen Ansatz bei ihrer Masterarbeit an der Hochschule Luzern im Designprozess ausgezeichnet. Die Endingerin kreierte Kleidungsstücke, deren Herstellung keinen Stoffabfall hinterlassen.

Corinne Rufli
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Rahel Tschofen inmitten ihrer selbst designten Oberteile – den Förderpreis bekam sie für ihren Mut, neue Wege zu gehen. zvg

Rahel Tschofen inmitten ihrer selbst designten Oberteile – den Förderpreis bekam sie für ihren Mut, neue Wege zu gehen. zvg

Die Sache ist komplex. Die junge Designerin Rahel Tschofen erklärt, was hinter ihrer Masterarbeit an der Hochschule für Design & Kunst in Luzern steckt: «Die Grundlage meiner Arbeit basiert auf der Entwicklung eines Schnittmustersystems, welches für die industrielle Herstellung von Bekleidung ohne Reste konzipiert ist.»

Gleichzeitig verfolgt die Endingen Nachwuchsdesignerin den Aspekt der Nachhaltigkeit im Sinne der Zero-Waste-Bewegung. Sie hinterfragt in ihrer Arbeit den Stoffverbrauch bei der Massenproduktion von Kleidern.

«Gerade die sogenannte Fast-Fashion, wie sie H&M oder Zara produzieren, generiert grosse Abfallberge an Stoffresten. Das will Tschofen verhindern.

Gegen die Normen

«Ich widersetze mich in meinem Projekt den alteingesessenen und normierten Abläufen bei der Massenproduktion von Kleidern», sagt Tschofen, die in Endingen aufgewachsen ist und heute zwischen Zürich und Endingen pendelt.

Durch die Normen in der Industrie werde über viele Probleme hinweggeschaut. Es sei billiger, Stoffreste einfach zu entsorgen, als für eine Wiederverwertung zu lagern. «Die Industrie passt sich ganz dem Kundenbedürfnis an.

Dabei müsste man sich den Ressourcen anpassen», ist die 27-Jährige überzeugt. Immer mehr Menschen wünschten sich Transparenz. «Sie wollen wissen, unter welchen Bedingungen ein T-Shirt hergestellt wird», sagt die Hochschulabsolventin.

Gleichzeitig gebe es aber auch eine grosse Masse an Kunden, die lieber wöchentlich ein neues Billig-Shirt kaufe.

Ästhetik ohne Abfall

Tschofen hat für ihre Abschlussarbeit Oberteile, wie Jacken und Mäntel, kreiert, deren Herstellung keinen Abfall an Stoffresten hinterlässt.

Das ist nur möglich, wenn man den ganzen Denkprozess der Kleiderkreation umkehrt: «Nicht das Kleidungsstück designt das Schnittmuster, sondern das Schnittmuster designt das Kleidungsstück», ist Tschofens Haltung im Designprozess.

«Ich konnte gleichzeitig aber auch zeigen, dass diese Umkehrung keinen negativen Einfluss auf die Ästhetik der Kleidungsstücke hat.» Sie verfolgt damit einen radikalen und nachhaltigen Ansatz, welcher innovativ und forschungsorientiert ist und eine neue Bekleidungsform hervor bringt.

Förderpreis für Mut

Rahel Tschofens Masterarbeit heisst «Kleider» und wurde ausgezeichnet: Die junge Designerin bekam den Förderpreis «Master of Arts in Design der Hochschule Luzern – Design & Kunst».

Der Preis soll ausgezeichnete Absolvierende bei ihrem Start ins Berufsleben unterstützen und ist mit 5000 Franken dotiert. Die Jury honoriert in ihrem Bericht Tschofens Mut, neue Perspektiven in einen schwierigen, herausfordernden Markt zu bringen.

«Ich war überrascht und sehr erfreut über diesen Preis», sagt die Designerin. «Ich hatte viele Zweifel und habe immer wieder probiert und getestet, bis meine Idee auch wirklich funktionierte.»

Spagat: Design und Technik

Rahel Tschofen studierte Textiltechnologie, kommt aber aus der Praxis: Sie machte vorher eine Lehre als Haute-Couture-Schneiderin. Bei «Kleider» gelingt ihr der Spagat zwischen Design und Technik.

«Meine Schnittmuster lassen Individualität zu, ermöglichen trotzdem die Produktion von grossen Mengen und sind somit auch in der heutigen Massenproduktion einsetzbar.» Im Moment kann sie sich gut vorstellen, weiter in diesem Bereich zu forschen: «Mein Ziel ist, diese Schnittmuster marktfähig zu machen.»