Zukunftsorientiert
Dank Pionierprojekt: Zurzibiet erhält digitalen Schub

Moderne Heimarbeit, geteilte Werkstätten: Das Zurzibiet ist Teil eines Pilotprojekts, das Bund und namhafte Experten unterstützen.

Stefanie Garcia Lainez
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In Bad Zurzach trafen sich kürzlich zahlreiche Experten – wegen Corona virtuell.

In Bad Zurzach trafen sich kürzlich zahlreiche Experten – wegen Corona virtuell.

zvg/Bad Zurzach Tourismus

Fehlende Hausärzte, Lädelisterben, stagnierende Schülerzahlen und vereinzelte Abwanderung: Das Zurzibiet kämpft mit einer unterdurchschnittlichen Entwicklung – mit Folgen für die Bildung, das Sozialwesen, den Detailhandel und die Gesundheit. Zwar lebt man im Zurzibiet idyllisch, mit hoher Lebensqualität und günstig, der Arbeitsplatz befindet sich aber oft ausserhalb des Bezirks.

Das möchte der Gemeindeverband Zurzibiet Regio nun ändern. Und nimmt dafür gleich eine digitale Pionierrolle ein: Der Bund hat das Zurzibieter Projekt schweizweit als eines von fünf Modellvorhaben im Bereich Digitalisierung ausgewählt – dies nebst Vorhaben aus dem Tessin, Zürich und dem Oberwallis. Dabei soll untersucht werden, wie der Bezirk die Digitalisierung als neue Lagequalität nutzen kann und welche digitalen Errungenschaften helfen, das Zurzibiet für die Bevölkerung und das Gewerbe interessanter zu machen. Vor kurzem haben sich zahlreiche Experten virtuell zu einem ersten sogenannten Future-Lab getroffen, um Ideen zu analysieren.

Die Zurzibieter Wirtschaft und Politik waren durch das Wirtschaftsforum und den Organisator Zurzibiet Regio vertreten. Ende Jahr und 2022 finden die nächsten Future-Labs statt. Spätestens bis 2024 liegen konkrete Ergebnisse vor.

Projekt wurde durch Pandemie beflügelt

«Gerade ländliche Regionen profitieren enorm von der Digitalisierung und der Vorteile, welche die vierte industrielle Revolution mit sich bringt», sagt Reto S. Fuchs, Vizepräsident von Zurzibiet Regio und Leiter der Arbeitsgruppe Digitalisierung. Wenn Arbeitsschritte online erledigt werden könnten, wirke dies der Konzentration auf die Zentren etwas entgegen. Zwar erschwere Corona die Arbeit am Projekt, gleichzeitig wurde es durch die Pandemie beflügelt. «Viele wissen nun um die Vorteile der Digitalisierung», sagt Fuchs.

Bereits vor einem Jahr begannen die Vorarbeiten am Projekt. Gemeinsam mit dem Bund entschied sich Zurzibiet Regio, sich auf die drei Bereiche Arbeit, Bildung und Gemeinschaft zu konzentrieren. «Dabei geht es beispielsweise darum, welche digitalen Trends in Bezug auf die Arbeit vorhanden sind, wie beispielsweise der 3D-Drucker», erklärt Reto S. Fuchs. «Oder wie das Gewerbe siedlungsverträglich produzieren kann.» Also leise genug, dass auch mitten im Wohngebiet Produkte hergestellt werden könnten. «Fast so, wie vor 150 Jahren bei der Heimarbeit, als die Frauen in ihrer Stube für die Textilindustrie gestrickt haben», sagt Fuchs. Und vielleicht gebe es nebst den sogenannten «Shared Offices» bald auch «Shared Workshops», also gemeinsam genutzte Werkstätten. Dank der günstigen Bodenpreise habe das Zurzibiet eine gute Ausgangslage.

Im Bereich Bildung geht es darum, wie man im Zurzibiet den Anteil von hochqualifizierten Arbeitskräften steigern und ein zukunftsweisendes Netzwerk aufbauen kann. Der Kanton weise bereits einen unterdurchschnittlichen Wert aus, im Zurzibiet sei dies noch stärker der Fall, so Fuchs. Abhilfe schaffen könne beispielsweise, wenn Arbeitskräfte zu jeder Zeit von überall her auf Know-how zugegriffen könnten. «Eine weitere Idee ist ein Mentoring in Form eines Stipendiums», sagt er. «Ein Spezialist eines bestimmtes Bereiches könnte 100 Stunden seiner Arbeitskraft zur Verfügung stellen, um mit jungen Leuten seine Arbeitserfahrung und sein Wissen zu teilen.» Dabei stehe die Frage im Zentrum, wie die Digitalisierung diese Experten mit dem Nachwuchs zusammenbringen könne.

Der dritte Bereich, die Gemeinschaft, sei in ländlichen Gebieten wie dem Zurzibiet nach wie vor sehr stark, sagt Fuchs. Zwar würden die Jüngeren häufig im virtuellen Raum der sozialen Medien kommunizieren. «Trotzdem wird vieles noch gemeinsam gestemmt, man trifft sich immer noch ­physisch, was auch weiterhin einem grossen Bedürfnis entsprechen wird.»

Vereine kaum untereinander vernetzt

Was er aber festgestellt habe: «Die zahlreichen Zurzibieter Vereine sind untereinander kaum vernetzt. Auch dann nicht, wenn sie die gleiche Ausrichtung haben.» Die Frage stelle sich hier, wie der Austausch untereinander mit Hilfe der digitalen Technologien gefördert werden könne. «Eine Datenbank für Festbänke könnte beispielsweise bei der Organisation von Veranstaltungen helfen», sagt Fuchs. Eine solche Datenbank über das gesamte Zurzibiet könnte zahlreiche verschiedene Informationen enthalten.

PSI, Unis, Fachhochschulen und Unternehmen an Board

«Das sind natürlich alles erst Ideen», sagt Fuchs. «Noch stehen wir am Anfang unseres Projektes.» Zusammen mit Experten werden diese Ansätze ergänzt, als Thesen formuliert und Stolperstellen ermittelt. «Für diesen Gedankenaustausch haben wir zahlreiche Institutionen gewinnen können», sagt Fuchs. Die Liste der Anwesenden am ersten Future-Lab vergangene Woche liess sich sehen: Vertreter der Uni Zürich, des Paul-Scherrer-Instituts (PSI), der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, der Fachhochschule Nordwestschweiz, der Denkfabrik Avenir Suisse, des Bundes und des Kantons, des weltweit zu den führenden Datenspezialisten gehörende Unternehmen Splunk, des digitalen Dorfplatzes Crossiety und des Arbeitsplatzentwicklers Getdiversitiy.