Lengnau
CVP-Gemeinderätin Holthuizen: Die Susanne Hochuli aus dem Surbtal

Was die CVP-Gemeinderätin Susanne Holthuizen mit der grünen Frau Landammann verbindet.

Daniel weissenbrunner (Text und Foto)
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Susanne Holthuizen am Asylweg: «Gerade Lengnaus Geschichte beweist, dass man sich mit anderen Kulturen und Religionen arrangieren kann.»

Susanne Holthuizen am Asylweg: «Gerade Lengnaus Geschichte beweist, dass man sich mit anderen Kulturen und Religionen arrangieren kann.»

Susanne Holthuizen reagiert verblüfft: Den Vergleich mit Susanne Hochuli hört sie zum ersten Mal. Wir treffen die Lengnauer Gemeinderätin gleich neben ihrem Haus am Asylweg. Womit wir schon mitten im Thema und beim gemeinsamen Berührungspunkt mit der aktuellen Frau Landammann wären. 4100 Flüchtlinge lebten im März im Aargau, 2642 davon in kantonalen Zentren, die restlichen in Gemeindeunterkünften – oder in Familien. Wie bei Susanne Holthuizen und Susanne Hochuli. Die Vorsteherin des Departements Gesundheit und Soziales hat Asylbewerber bei sich einquartiert. Eine Mutter und zwei Kinder aus Angola. Die Lengnauer Gemeinderätin beherbergt ihrerseits seit einem halben Jahr ein Pflegekind aus Eritrea.

Viel mehr will sie über das neue Familienmitglied aus dem nordost-afrikanischen Land nicht verraten. Höchstens, dass es 15 Jahre alt ist, eine Integrationsschule besucht und die Verständigung mittlerweile auf Deutsch ganz passabel klappt. Nicht einmal das Geschlecht will Holthuizen in der Öffentlichkeit preisgeben. Sie will keine Nabelschau, obschon sie eine Person ist, die sich ansonsten leidenschaftlich exponiert. Sei es im Gemeinderat, als Mitglied bei den Zurzibieter Frauen oder im Beruf. Die 47-jährige Kommunikationsfachfrau beherrscht – wie Susanne Hochuli – den Auftritt. «Hier geht es aber nicht um mich.»

Worum geht es? Wir laufen den Asylweg hoch, Dorf auswärts. «Es gibt gewisse Dinge, die man trotz Zweifel tun muss, weil man sich sonst für den Rest seines Lebens fragt: Was wäre gewesen, wenn ich anders entschieden hätte?» Als eine ihrer beiden Töchter ausgezogen war, hatte Susanne Holthuizen in ihrem Haus ein Zimmer frei. Die Geschichten rund um Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und aus Afrika berührten sie und führten sie zum Entschluss. Mit ihrem Mann wollte sie nicht einfach zuschauen, sondern einen Beitrag leisten. Sie meldeten sich bei Familynetwork, einer Organisation, die für den Kanton Aargau Pflegeplätze vermittelt und Familien dafür prüft. Die Holthuizens erfüllten die Anforderungen. Mit der Aufnahme eines Flüchtlingskinds wollten sie ein Zeichen setzen.

Ihr Engagement kommt nicht von ungefähr. Susanne Holthuizen ist durch ihre familiäre DNA geprägt. Die Grossmutter nahm in Holland nach dem zweiten Weltkrieg mehrere Pflegekinder auf. «Das hat mich beeindruckt.» Bis ins hohe Alter habe sie erzählt, wie das Schicksal wildfremde Personen zu einer Familie zusammenführte. Sie wurde 102 Jahre alt.

Nicht in den Grossrat

Dass sich in der Schweiz Gräben aufgetan haben, hat auch Holthuizen bemerkt. Das gesellschaftliche und politische Gleichgewicht wird auf eine Probe gestellt. Die Angst vor einer Überfremdung ist nicht sichtbar, aber spürbar. Susanne Holthuizen sieht sich in diesem sensiblen Thema als Brückenbauerin, als Vermittlerin. 26 Asylsuchende sind derzeit auf die Surbtaler Gemeinden verteilt, 12 davon sind in Lengnau untergebracht. «Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass es keine negativen Reaktionen gäbe», sagt die Sozialvorsteherin. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf die Leute zuzugehen, und versucht ihnen die Bedenken zu nehmen. «Gerade Lengnaus Geschichte beweist, dass man sich mit anderen Kulturen und Religionen arrangieren kann», sagt Holthuizen. Bis 1866 hatten jüdische Mitbürger in der Schweiz offiziell nur in Lengnau und Endingen das Aufenthaltsrecht. Von den 3000 Einwohnern waren bis zur Hälfte Juden. «Die aktuelle Asylsituation ist gemessen an den angespannten Verhältnissen von damals doch überschaubarer.»

Holthuizens soziale und politische Umtriebigkeit blieb auch bei der CVP Bezirk Zurzach nicht unbemerkt. Sie wurde von der Partei als Kandidatin für die Grossratswahlen im Herbst angefragt. «Ich fühlte mich geehrt.» Aber sie lehnte ab. Weil sie ihre Arbeit lieber im Kleinen verrichten will. Kommt hinzu, dass Susanne Holthuizen kaum dem wertkonservativen Kurs des künftigen Präsidenten Gerhard Pfister entspricht. Die Lengnauerin zählt sich zum liberalen Flügel und ist – was in einer Partei mit christlichem Fundament erstaunen mag – Agnostikerin. Durchaus eine weitere Parallele zur konfessionslosen Susanne Hochuli.