Böttstein
Das wohl grösste Wasserrad Europas soll sich wieder drehen: Nun kommt das Projekt vor die Wintergmeind

Ein Zurzibieter Verein möchte das Grundstück in Böttstein mit der Unteren Mühle kaufen und damit gleich mehrere kulturhistorische Schätze für die Nachwelt retten. Sagt die Gmeind Ja zum Kreditantrag über 150'000 Franken, fehlen noch 140'000 Franken Eigenmittel.

Stefanie Garcia Lainez
Drucken
Teilen
Der Verein Kultur am Mühlebach will das Grundstück mit der Mühle Böttstein und dem grossen Wasserrad kaufen. Präsident Peter Ming (links) und Vorstandsmitglied Edi Wiederkehr setzen sich dafür ein.

Der Verein Kultur am Mühlebach will das Grundstück mit der Mühle Böttstein und dem grossen Wasserrad kaufen. Präsident Peter Ming (links) und Vorstandsmitglied Edi Wiederkehr setzen sich dafür ein.

Alex Spichale/Archiv

Die Ambitionen sind gross: Der Verein «Kultur am Mühlebach Böttstein» möchte nicht nur das imposante Wasserrad der Mühle Böttstein mit einem Durchmesser von zehn Metern vor dem Zerfall retten und wieder zum Laufen bringen, sondern die angrenzende Mühle und später auch die Bäckerei neben an wieder in Betrieb nehmen. Dabei sollen die historischen Schätze in einem überregionalen Kulturzentrum erlebbar sein.

Doch dafür braucht es Geld: 1,04 Millionen Franken, um das Kaufrecht für das Grundstück mit den Gebäuden auszuüben, und rund 600'000 Franken für Erneuerungen sowie Renovationen. «Noch fehlen 140'000 Franken an Eigenmitteln», sagen Vereinspräsident Peter Ming und Vorstandsmitglied Edi Wiederkehr.

Insgesamt 300'000 Franken werden als Eigenmittel benötigt, um die Finanzierung des Liegenschaftkaufs mittels Hypothek sicherstellen zu können. Der Verein sucht nun eifrig nach Gönnern – und hat dazu auch bei Böttstein und den umliegenden Gemeinden angeklopft. Und das mit Erfolg: Der Erwerb des 5000 Quadratmeter grossen Grundstücks in unmittelbarer Nähe zum Schloss Böttstein wird zum Traktandum an der Einwohnergemeindeversammlung in Böttstein.

Kreditantrag über 150'000 Franken an Wintergmeind

«Unser Ziel ist es, dieses wertvolle Grundstück der Spekulation zu entziehen und es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen», sagt Peter Ming. Der Verein hat deshalb einen Budgetantrag beim Gemeinderat gestellt. «Damit stiessen wir auf offene Ohren, das ist nicht selbstverständlich.» Der Gemeinderat wird nun der Gmeind einen Antrag für eine Unterstützung von 150'000 Franken vorlegen als Beitrag an die Gesamtfinanzierung des Projektes.

Diese Unterstützung ist geknüpft an ein Vorkaufsrecht für die Gemeinde und dass die jeweiligen anderen Geldmittel von Kreditgebern und Kulturförderprogrammen wie dem Swisslos-Fonds in entsprechender Höhe gesprochen werden.

Dennoch: Auch wenn die Böttsteinerinnen und Böttsteiner den Antrag an der Wintergmeind genehmigen, fehlen nach wie vor rund 140'000 Franken an Eigenmitteln. «Dies zusammenzukriegen, ist sicher die grösste Herausforderung», sagt Peter Ming. «Wir sind aber optimistisch, dass wir das schaffen.» Gerade in den vergangenen Wochen hätten mehrere Privatpersonen ihre Unterstützung zugesagt.

«Wir möchten ein überregionales Kulturzentrum aufbauen mit nationaler Ausstrahlung», sagt Edi Wiederkehr. Deshalb hofft der Verein, dass die kürzlich angeschriebenen Gemeinden in der Region so positiv auf ihre Anfrage reagieren wie Böttstein.

Das Wasserrad steht seit 1973 still

Das Wasserrad, das die 1607 erbaute Mühle Böttstein zum Laufen brachte, dürfte das grösste seiner Art in Europa sein: aus Holz, eingebaut in einem Gebäude und oberschlächtig, also durch von oben herabfallendes Wasser angetrieben. Seit 1973 steht die Mühle und somit auch das Rad mit zehn Metern Durchmesser still.

Das sind die grössten Wasserräder

Das Wasserrad in Böttstein

Mit einem Durchmesser von zehn Metern ist das Wasserrad in Böttstein das grösste Rad aus Holz und innerhalb eines Gebäudes stehend in ganz Europa, das oberschlächtig, also durch Wasser von oben herab, angetrieben wird.

Das Great Laxey Wheel auf der Isle of Man

Das grösste Wasserrad auf der Welt steht auf der Isle of Man zwischen England und Irland. Das Great Laxey Wheel oder Lady Isabella, wie das Rad auch genannt wird, hat etwa einen Durchmesser von 22 Metern – ist also mehr als doppelt so gross wie das Böttsteiner Wasserrad. Wie das Rad im Zurzibiet wird jenes auf der Insel oberschlächtig angetrieben, besteht aber nicht aus Holz, sondern mehrheitlich aus Stahl.

Das Wasserrad der Unteren Mühle im Schleiftal

Als grösstes Wasserrad Europas wird oft auch jenes der Unteren Mühle im Schleiftal bei Calw-Stammheim in Deutschland genannt. Es ist aus Holz, hat einen Durchmesser von 11,5 Metern und wird ebenfalls oberschlächtig angetrieben, steht aber im Gegensatz zum Böttsteiner Rad ausserhalb eines Gebäudes.

In einer ersten Etappe will der 2017 gegründete Verein das Wasserrad erneuern, die Mühle wieder einbauen und das Backhaus renovieren.

In einer ersten Etappe soll das altershalbe, sehr desolate Wasserrad im kommenden Jahr originalgetreu nachgebaut werden.
9 Bilder
Mit einem Generator will der Verein Kultur am Mühlebach Böttstein in Zukunft zudem Strom erzeugen.
Vereinspräsident Peter Ming und Vorstandsmitglied Edi Wiederkehr stehen neben dem imposanten Wasserrad mit zehn Metern Durchmesser.
Die Holztüre rechts führt hinunter zum Wasserrad. Links befand sich früher die Mahlstube, die über eine kleine Tür mit dem Wasserrad verbunden ist. Darüber sind zwei Wohnungen. Die heute umgenutzte Mahlstube möchte der Verein wieder zum Leben erwecken.
In einer zweiten Etappe sollen Stall, Scheune und Heustock im Ökonomiegebäude Wohnungen, Ateliers und Werkräumen weichen.
Peter Ming (rechts) sagt: «Wir haben dort die grosse Chance, einen Kulturraum zu schaffen.» Ein bewilligungsfähiges Vorprojekt erstellte der Verein bereits. Als Kurslokal dienen soll zu einem späteren Zeitpunkt auch das sogenannte Wochenendhaus, in dem ein naher Verwandte der Besitzerin während einiger Jahrzehnte die Wochenenden mit seiner Familie verbrachte.
Die dritte Etappe umfasst die Sanierung und Umnutzung des Backhauses zu einer «Schau-Bio-Bäckerei». Auch die Bäckerei gehörte ursprünglich zum Schloss, später wohnten dort Gehilfen des Müllers. Der Grossvater der heutigen Besitzerin übernahm die Mühle samt Backhaus und Stall um 1900. Der intakte Gewölbekeller könnte künftig als Informationsraum genutzt werden. «Backen mit Mehl, das mit Wasserkraft frisch gemahlen wurde, ist eine weitere Vision», sagt Edi Wiederkehr.
Der rund 800 Jahre alte, künstlich angelegte Mühlebach versorgt gleich drei Wasserräder mit Wasser.
Die Obere Mühle mit dem obersten Wasserrad existiert nicht mehr. Das zweite Wasserrad mit einem Durchmesser von fünf Metern treibt die Ölmühle und die sogenannte Gattersäge an. Danach fliesst das Wasser durch einen Kanal (im Bild) zum nächsten Gebäude – der Unteren Mühle (Hauptgebäude mit dem Wasserrad, der Mahlstube und zwei Wohnungen).

In einer ersten Etappe soll das altershalbe, sehr desolate Wasserrad im kommenden Jahr originalgetreu nachgebaut werden.

Alex Spichale

«Auch möchten wir Führungen, Workshops, Kurse und Tagungsräume anbieten», sagt Edi Wiederkehr. Beispielsweise für Schulen und die umliegenden Unternehmen.

Rückzugsort für Forscher und Kunstschaffende

Auch steht seit kurzem das Betriebskonzept. Die vielfältige Nutzung teilt sich in vier Bereiche auf. «Diese orientieren sich an unserer Vision ‹Zusammen lebendige Räume schaffen – heute für morgen›», sagt Peter Ming.

  • Als «Kulturraum» soll das Areal Platz bieten für Ausstellungen und Anlässe in verschiedensten Facetten, etwa mit Bildern oder Skulpturen, für Musik und Theater im Innern oder als Freiluftanlässe.
  • Als «Kreativraum» will der Verein für Kunstschaffende oder Forscher im Backhaus und im sogenannten Wochenendhaus Rückzugsorte schaffen und Tagungsräume anbieten.
  • Unter dem Punkt «Begegnungsraum» hat sich der Verein das Ziel gesetzt, Gruppen jeglichen Alters und Interesse Wissen zu vermitteln, auch mit Thementagen.
  • Mit «Wohnraum» will der Verein die Wohnungen in der Mühle günstig vermieten.

Aktuelle Nachrichten