Blick ins Zurzibiet
Raus auf die Strasse

Susanne Holthuizen
Susanne Holthuizen
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Susanne Holthuizen.

Susanne Holthuizen.

Bild: Matthias Moser

Die Flasche Wodka landete in meinem Garten. Das mitternächtliche Gekicher vor meinem Haus war wohl wegen des Stimmungsbeschleunigers so enthemmt. Die Flockenpracht des Vorabends hatte die angrenzende Wiese in ein kleines Schlittelparadies verwandelt, wo tagsüber schon eine rutschige Bahn mit Schanze von den Nachbarskindern stundenlang präpariert worden war. Die Grossen wagten sich erst am Abend vor die Tür, der vermeintliche Kinderkram war anscheinend nur zur fortgeschrittenen Stunde angesagt.

Ich lag im Bett. Die Jugendlichen draussen rutschten unaufhörlich rauf und runter. Dazwischen Gekreische und Gelächter. Ich schloss die Augen oder versuchte es zumindest. Bumm. Stille. Dann ein Geht’s? Unverständliches Gemurmel dicht gefolgt vom nächsten Losprusten. Währenddessen wurde das Treiben noch mit paar Sound Beats unterlegt. Sie hatten ihren Spass, offensichtlich. Mich wunderte bloss, dass noch keine Nachbarn aufmüpfig wurden, und hoffte insgeheim, sie möchten ihren Ruhe-Ruf doch bitte bei sich behalten: Die Freude und Ausgelassenheit der Jungen war hörbar wohltuend.

Dumpf ist es sonst geworden um uns herum. Das verordnete Daheimbleiben nagt gewaltig an unserem Nervenkostüm und das Leben fühlt sich eben mal an wie in einer überdimensionalen Käseglocke – eine Abgeschirmtheit, die einem ganz pandemisch die Luft zum Atmen klaut. Ich ertappe mich schon selbst, mehrmals täglich einen Vorwand suchend meine vier Wände zu verlassen: Briefe zur Post bringen kurz vor sechs ist das probate Mittel geworden und verspricht erst noch klitzekleinbisschen Nestwärme – wenigstens auf Distanz.

Übrigens bin ich da nicht die Einzige, die den fast eingemotteten Dorfplatz und die altbewährte Strassenecke gerade wieder als Quassel-Zone entdeckt: Beim Eindunkeln bilden sich derzeit zunehmend Grüppchen, die sich wohldosiert in Fünfer-Packungen übers ganze Dorfzentrum verteilen. Sie stehen da draussen im schummrigen Licht, schemenhafte Wesen, die kurz aus ihrem Aquarium auftauchen und an die Oberfläche driften, um sich am Lebensgeist zu stillen – Menschen, die einander aufsuchen, um sich einfach wieder menschlich zu fühlen.

Wenn die Läden schliessen und überhaupt die Gründe schwinden, sich nach draussen zu begeben, wird es schwierig, so zufällig absichtlich zu sein. Die Jungen und gewisse Nachtfalter unter uns nutzen seit neustem den öffentlichen Verkehr; der Busstopp ist zum allgemeingültigen Verweil- und Treffpunkt geworden. Wie ein Bienenschwarm versammeln sie sich jeweils auf der Haltestelle, um im nächsten Augenblick schon wieder völlig aufgelöst auszuschwärmen und den nächsten Ort anzupeilen.

Für mich, die zu später Stunde von einer Hausflucht zurückkehrend aus dem Bus stieg, war diese spontane Ansammlung keine virulente Bedrohung – im Gegenteil, etwas Unverzagtes umhüllte die Szenerie. Junge Menschen können unmöglich eingesperrt den ganzen Tag in ihrem häuslichen Umfeld ihre Lebendigkeit testen. Sie müssen sich doch irgendwo treffen und austauschen können, im Unruhezustand bleiben, auch wenn die Bewegungsmöglichkeiten derzeit erheblich gekappt sind. Raus auf die Strasse scheint momentan so ziemlich alternativlos die einzige Begegnungsgelegenheit mit Frischluftgarantie zu sein – dort, wo man eben noch öffentlich miteinander verkehren kann.

Susanne Holthuizen: Die Kommunikationsdesignerin lebt mit ihrer Familie in Lengnau.