Bezirksgericht Zurzach
Betrunkener E-Bike-Fahrer ruft Polizei um Hilfe – und kassiert hohe Busse

Ein 65-jähriger E-Biker stand am Donnerstag wegen Fahrens mit vielen Promillen im Blut vor dem Einzelrichter des Bezirksgerichts Zurzach. Der schwere Alkoholiker wehrte sich gegen die Busse. Er habe gar nicht mehr aufs Velo steigen können.

Rosmarie Mehlin
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Polizisten den Angeklagten nach seinem Hilferuf bei einer Bank - neben seinem Elektrobike. (Symbolbild)

Polizisten den Angeklagten nach seinem Hilferuf bei einer Bank - neben seinem Elektrobike. (Symbolbild)

Keystone

Grauer Haarkranz, kariertes Hemd, Manchesterhose – in einem Monat bekommt Bruno (Name geändert) seine erste AHV. Anfang 2014 war er frühzeitig pensioniert worden, hatte nach 31 Jahren im selben Betrieb eine Abfindung von 27'000 Franken bekommen. «Ich bi de scho in es Loch inegheit», sagte er vor Einzelrichter Cyrill Kramer. Dort sass Bruno, weil er Einsprache erhoben hatte gegen einen Strafbefehl wegen «Führens eines motorisierten Fahrzeugs in fahrunfähigem Zustand».

Zugetragen hatte es sich an einem Mittwochabend im November letzten Jahres. Bruno hatte die Polizei angerufen und um Hilfe gebeten. «Ich ha gmerkt, dass es nümme goht», sagte er vor Gericht.

Die Beamten fanden Bruno auf einer Bank an der Aare in Kleindöttingen, neben sich sein E-Bike, hinten drauf einen Korb voller Einkäufe. Die Polizisten fuhren mit Bruno ins Spital Leuggern, wo ein Arzt eine Blutalkoholkonzentration von 2,8 Promille feststellte.

Die Beamten nahmen Brunos Aussagen zu Protokoll, in denen er sich allerdings widersprach. Jedenfalls ging nicht klar daraus hervor, ob Bruno nun zum Bänkli an der Aare gefahren war, oder eben nicht. Der Staatsanwalt aber ging von Ersterem aus und stellte einen Strafbefehl mit einer Busse in Höhe von 1800 Franken aus.

Vier Klinikaufenthalte

Bei der Befragung von Bruno durch den Richter taten sich menschliche Abgründe auf. Bruno, der gerne auf Reisen geht, bastelt, fotografiert, mit Kollegen wandert; Bruno, der aussieht wie ein durchschnittlicher, gut genährter Büezer, ist schwerer Alkoholiker.

Nach dem Vorfall war er stationär in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Es war bereits sein vierter Aufenthalt dort. «Angefangen hatte es vor 20 Jahren wegen Problemen mit unseren pubertierenden Kindern», erzählte er.

Im jüngsten Bericht der Klinik sind Brunos aktuellen Probleme – Zukunftsängste und Perspektivlosigkeit – aufgeführt. Wie es ihm denn jetzt gehe, nachdem er vor einigen Wochen aus der Klinik entlassen wurde, wollte Richter Kramer wissen. «Manchmal geht’s ganz gut, zwischendurch aber gibt es Rückfälle», antwortete Bruno. Nein, er trinke nie in einer Beiz, immer daheim oder irgendwo draussen.

Wein und Whisky auf Parkplatz

Und an jenem Novemberabend? «Ich war ganz schlecht drauf, total deprimiert.» Mit dem E-Bike sei er nach Kleindöttingen gefahren, habe bei Otto’s eingekauft – auch Alkohol. «Den habe ich gleich dort auf dem Parkplatz konsumiert – etwa sieben Dezi Rotwein und zwei Dezi Whisky.»

Und anschliessend war er mit dem Bike über die Brücke bis zum Bänkli gefahren? «Nein. Das konnte ich überhaupt nicht mehr. Schon als ich aufs Velo steigen wollte, bin ich umgefallen.»

Er habe das Velo bis zu dem Bänkli gestossen, sich dort hingelegt und dann – eben – die Polizei angerufen. «Ich habe Hilfe erwartet, keine Busse – und schon gar nicht eine so hohe. 50 Franken wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit oder so hätte ich ja bezahlt.»

Cyrill Kramer sprach Bruno von Schuld und Strafe frei. «Die Anklage stützt sich auf das handschriftliche Polizeiprotokoll über die Befragung während der Blutentnahme. Einerseits waren die Schilderungen des Beschuldigten hier vor Gericht insgesamt glaubhaft. Andererseits ist zu wenig eindeutig nachgewiesen, dass er tatsächlich mit dem Bike vom Otto’s Parkplatz bis zum Bänkli gefahren war», so die Urteilsbegründung.