Leibstadt
Bauern müssen sich mit Ernte sputen – Silos füllen sich im Minutentakt

Nach dem Regen ist vor dem Regen: Spätestens heute müssen die Landwirte ihr trockenes Getreide ernten und bei den Mühlen abliefern. Bei der Knecht-Mühle in Leibstadt, der grössten im Kanton, wird fast im 24-Stunden-Betrieb gearbeitet.

Mario Fuchs
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Weizen statt Gartenbeizen: Seit gestern läuft die Knecht-Mühle in Leibstadt – die grösste Mühle im Kanton Aargau – praktisch im 24-Stunden-Betrieb.

Weizen statt Gartenbeizen: Seit gestern läuft die Knecht-Mühle in Leibstadt – die grösste Mühle im Kanton Aargau – praktisch im 24-Stunden-Betrieb.

Mario Fuchs

Eigentlich heisst ihr Chef Petrus. Die Mitarbeiter in der Annahmestelle der Knecht-Mühle haben es nicht einfach: Letzte Woche, als das Nass von oben kam, hatten sie frei, mussten sie kompensieren – jetzt, da das Nass zum Hineinspringen einlädt, arbeiten sie Überstunden.

Nach den kalten, verregneten Tagen müssen die Bauern im Aargau jetzt ihre Getreideernte einbringen. Was sonst mehrere Wochen lang möglich ist, muss heuer in wenigen Tagen geschehen. Betriebsleiter Hansjörg Knecht erklärt es so: «Wir haben momentan einfach keine stabile Wetterlage.»

Hansjörg Knecht Betriebsleiter Knecht-Mühle, Leibstadt: «Letzte Nacht habe ich eine Stunde geschlafen.»

Hansjörg Knecht Betriebsleiter Knecht-Mühle, Leibstadt: «Letzte Nacht habe ich eine Stunde geschlafen.»

Sandra Ardizzone

Konkret heisst das: Nach dem Regen ist vor dem Regen. Endlich ist das Getreide genug trocken, um geerntet zu werden – doch schon morgen werden die nächsten Schauer erwartet.

Am Donnerstag lieferten die ersten Bauern an, seit gestern läuft die Mühle praktisch im 24-Stunden-Betrieb.

Geerntet wird jetzt vor allem Weizen und Raps. Bis zu 150 Fuhren werden pro Tag angenommen – das sind 2300 Tonnen Getreide. «Letzte Nacht habe ich eine Stunde geschlafen», sagt Hansjörg Knecht.

Jetzt sind alle gefordert

Die magische Zahl ist 14,5. Hat eine Getreidelieferung mehr Wassergehalt als 14,5 Prozent, muss sie nachgetrocknet werden. Denn: Was zu feucht geerntet und eingelagert wird, kann verderben.

Den Bauern kostet das im schlimmsten Fall viel Wert. Hat das Korn einen zu hohen Wassergehalt, wird seine Qualität
herabgestuft. Dann wird möglicherweise kein Mehl mehr daraus, sondern Tiernahrung.

Ueli Wanzenried aus Möhlin ist auf der sicheren Seite. Die Zahl, die ihn beruhigt: 12,2. Der Landwirt hat an diesem Freitagmorgen soeben zwei Anhänger «Simano»-Weizen in die Annahme gekippt.

Während die Ladung ins Silo transportiert wird, werden einige Körner zur Prüfung direkt ins Büro geleitet. Dieser Tage, sagt Knecht, seien alle gefordert: Mähdrescher, Landwirte und Müller. «Da kann die Qualität leider schon mal drunter leiden.»

Grosses Einzugsgebiet

Die Knecht-Mühle in Leibstadt ist die grösste Mühle im Kanton Aargau und die siebtgrösste in der Schweiz. Das Getreide, das sie annimmt, wächst direkt vor dem Silo – aber nicht nur: Die Landwirte stammen aus dem Fricktal und dem oberen Baselbiet, aus dem Zurzibiet und dem angrenzenden Zürcher Unterland.

Gebaut wurde die Anlage schrittweise 1982, 1986 und 1994 vom Schweizer Weltmarkführer Bühler AG. Zuletzt modernisiert haben die Eigentümer 2009.

Laut Hansjörg Knecht gehört sie damit zu den modernsten Mühlen der Welt: Delegationen aus 150 Ländern reisten schon für eine Besichtigung nach Leibstadt.

Bis Sonntagmorgen ausgebucht

Ueli Wanzenrieds Lieferung ist inzwischen im System erfasst. Am Schalter wartet der Landwirt auf die Prüfergebnisse. Die Fahrt hat sich für ihn gelohnt: 25 171 Kilogramm reines Getreide hat die Waage gezählt – pro Kilo zahlt die Knecht-Mühle 50 Rappen.

Das sei ein «guter Preis», sind sich Bauer Wanzenried und Betriebsleiter Knecht einig. Möglich sei dies, weil die Getreideannahme nur der eine Teil des Betriebs sei.

Am zweiten Standort im Dorfzentrum von Leibstadt wird das Korn zu Mehl verarbeitet und verkauft. «Mit den Landwirten müssen wir deshalb keine Verträge abschliessen. Wir können alles annehmen, was sie uns bringen. Das können nicht alle Betriebe.»

Bis zu 20 000 Tonnen Getreide kommen so pro Jahr zusammen. 2013 hat die Knecht-Mühle die Lagerkapazität nochmals um vier zusätzliche Blechsilos erweitert.

Ueli Wanzenried erhält seinen Empfangsschein, das Geld aber noch nicht. Abgerechnet wird Mitte August. In der Annahme fährt der nächste Landwirt mit zwei vollen Anhängern vor.

Wer anliefern will, muss sich einige Stunden im Voraus anmelden. Die Termine sind dieser Tage rar: Bis Sonntagmorgen ist die Mühle Leibstadt ausgebucht. Bis dann werden es die Mitarbeiter streng haben. Dann lässt es ihr oberster Chef vielleicht schon wieder regnen.