Lengnau
Bauer Rohner: Weg mit den Kühen, her mit den Alpakas

In einer losen Serie stellt Ihnen die az Bauern aus dem Zurzibiet vor, die nicht mehr alleine auf die traditionelle Viehhaltung setzen. Den Anfang macht Martin Rohner mit seinen Alpakas.

Nadja Rohner
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Klein Fritz tobt über die Weide
8 Bilder
Eines der Alpakas von Martin Rohner aus Lengnau
Alpakazucht Lengnau
Flieg, Alpaka, flieg
Die Alpakas wälzen sich häufig, deshalb ist ihr Fell auch oft ein bisschen schmutzig
Das Kraftfutter im gelben Kessel schmeckt den Alpakas ausgezeichnet
Das Fell eines Alpakas ist mehrere Zentimeter dick
Besonders die Jungtiere geniessen den Auslauf auf der Weide

Klein Fritz tobt über die Weide

Nadja Rohner

«Komische Kühe», mag mancher Autofahrer denken, der zwischen Lengnau und Freienwil unterwegs ist. Auf den ersten Blick könnte man die grosse Herde, die da beim Lengnauer Weiler Husen grast, tatsächlich für normales Vieh halten.

Wer aber zweimal hinschaut, erkennt: Es handelt sich um Alpakas. 65 Stück – davon 15 Hengste – leben auf dem Hof von Martin Rohner. Und sie verdrängen langsam, aber sicher die Milchwirtschaft: «Wir haben noch sechs Kühe, früher waren es zwölf», erzählt Rohner, der hauptberuflich als Fahrlehrer arbeitet.

Martin Rohner mit Alpaka «Fritz».

Martin Rohner mit Alpaka «Fritz».

Nadja Rohner

Künftig will er nur noch Alpakas halten: «Die Kühe machen zu viel Arbeit. Mit unseren 10 Hektaren Land können wir sowieso nicht so viele halten, dass man damit seinen Lebensunterhalt verdienen könnte.» Kühe, und seien es noch so wenige, müssen zweimal pro Tag zur selben Zeit gemolken werden. Die Alpakas seien da viel unkomplizierter: «Zwar schaue ich auch zweimal pro Tag rein, ob alle gesund sind. Darüber hinaus machen sie aber kaum Arbeit.»

Auf Rohners Hof fressen die zierlichen Tiere hauptsächlich Gras und Heu. «Ich habe aber auch noch ein paar Kraftfutterpellets», sagt Rohner und holt den gelben Kessel. «Die brauche ich aber nur, um sie anzulocken und zu belohnen.»

Tatsächlich: Kaum schüttelt er den Kessel, kommen die Stuten mit ihren Jungtieren herbei. Die anfängliche Zurückhaltung – immerhin steht da eine Fremde im Auslauf – ist schnell abgelegt. Alles wird beschnuppert, ein vorwitziges Tier schlabbert an der Kamera herum. Spucken die? «Manchmal», sagt Rohner, «aber eher gegeneinander als gegen Menschen.»

Vor drei Jahren hat sich Rohner nach einem Tier umgesehen, «das noch nicht jeder hat – ich wollte etwas anderes machen». Schliesslich kaufte er sich 40 Alpakas. Damit ist er nicht der Einzige: Das Bundesamt für Landwirtschaft verzeichnete in Betrieben, die Direktzahlungen erhalten haben, per 2013 insgesamt 2170 Alpakas und 2648 Lamas. Bei beiden Tierarten ist die Gesamtzahl in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen.

Wie verdient man denn mit Alpakas Geld? «Gelegentlich mache ich Trekkings, aber am meisten verdient man durch Zucht», erklärt Rohner. Er bestellt nicht den «Köfferlimuni» – also den Besamer –, sondern lässt den Dingen ihren Lauf: Von April bis September stellt er einen der Hengste mit bis zu 30 Stuten auf eine Weide – et voilà, 9 bis 13 Monate später stehen Dutzende Alpakafohlen auf wackligen Beinchen neben ihren Müttern.

Eine Alpaka-Stute wird für rund 5000 Franken gehandelt. Die männlichen Alpakas sind meist billiger: «Einen Hobby-Hengst mit Fehlern gibt es schon ab 1000 Franken», sagt Rohner, und erklärt: «Ein Fehler wäre zum Beispiel eine krumme Fussstellung. Richtig gute Zuchthengste können aber auch mehr als 10'000 Franken kosten.»

Die jungen Alpakas werden also verkauft, auf dem Hof zur Zucht eingesetzt – oder geschlachtet. Alpakafleisch ist cholesterinarm und zart, sagt Rohner. Die Nachfrage sei noch nicht besonders gross, steige aber in letzter Zeit: «Dieses Jahr konnte ich schon fünf Tiere schlachten.»

Viele der Kunden hätten das Fleisch, das dem Wild nicht unähnlich ist, in den Ferien in Südamerika probiert und wollen es auch in der Schweiz essen. Allerdings: Man mag sich die verspielten Alpakas gar nicht so recht auf einem Teller vorstellen.

Martin Rohner hat trotzdem keine Mühe, die Tiere zum Schlachter zu bringen: «Ich bin damit aufgewachsen, dass man Kälber schlachtet. Das ist bei den Alpakas nicht viel anders.» Er kenne auch nicht alle seine Tiere beim Namen, obwohl sie welche hätten – gespeichert auf Datenchips, die sich unter der Haut ihrer Hälse befinden.

Einer, den Rohner aber gut kennt, ist Fritz. Fritz ist der Kleinste der Herde. Nicht nur, weil er ein Jungtier ist, sondern auch, weil seine Mutter sich nicht um ihn gekümmert hat und Rohner ihn mit der Flasche aufziehen musste.

Der Kleine ist deshalb sehr zutraulich und lässt sich fürs Foto breitwillig von Rohner das Kinn kraulen. Wie seine Artgenossen ist er extrem flauschig. «Das Fell ist mehrere Zentimeter dick und hält die Tiere auch bei Regen und Schnee absolut trocken», sagt Rohner. Das sei wichtig, weil Alpakas im Gegensatz zu Schafen keine Fettschicht hätten, die zusätzlich wärmen könnte.

Deshalb darf man Alpakas auch erst vom Winterfell befreien, wenn es wirklich nicht mehr kalt wird. Dann schert Rohner bis zu 4 Kilogramm Fell von einem Tier herunter – neuerdings kann er dieses einem Spinnerei-Verband abtreten. Wenn Rohner die Tiere schert, schneidet er ihnen gleich noch die Zehennägel zurecht. Generell haben Alpakas sehr weiche Füsse, «fast wie Hundepfoten», sagt Rohner.

Deshalb verursachen sie im Gegensatz zu Schafen oder Ziegen auch keine Schäden am Boden. Weil sie aber in der Schweiz auf weicherem Boden herumlaufen als in ihrer südamerikanischen Heimat, müssen die Zehennägel ab und zu von Hand gekürzt werden. Gleich verhält es sich mit den Zähnen – auch sie werden gekürzt, wenn sie durch die eher weiche Kost zu lang werden. Pro Tier brauche er einmal im Jahr 10 Minuten für Schur, Zahn- und Zehenpflege, sagt Rohner.

Mit Alpakas hat man also nicht besonders viel Arbeit – dafür umso mehr Freude dabei, sie zu beobachten. Das sehe man deutlich, wenn sich an schönen Sonntagen die Spaziergänger am Weiderand versammeln, sagt Rohner.