Bad Zurzach
Start-up will Erdöl durch Bio-Abfälle ersetzen – und 90 Millionen Franken im Aargau investieren

Ein neu gegründetes Biotech-Unternehmen hat mit seinen nachhaltigen Chemikalien eine Weltneuheit entdeckt. In Bad Zurzach will die Circular Industries nun ihren Forschungs- und Produktionsstandort realisieren – und an nachhaltigem Flugtreibstoff forschen.

Stefanie Garcia Lainez
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Im Sodi Industriepark befinden sich rund 30 Unternehmen mit 200 Mitarbeitenden. Bis 2023 will Circular Industries hier weitere 80 Arbeitsplätze schaffen.

Im Sodi Industriepark befinden sich rund 30 Unternehmen mit 200 Mitarbeitenden. Bis 2023 will Circular Industries hier weitere 80 Arbeitsplätze schaffen.

Foto: Alex Spichale

Ob Benzin, Nagellackentferner, Plastik oder Desinfektionsmittel: Erdöl kommt in verschiedenen Produkten vor. Nur: Der fossile Energieträger ist umweltschädlich und nicht ewig abbaubar. Ein neu gegründetes Biotech-Unternehmen hat nun eine nachhaltige Chemikalie entwickelt, die jene auf Erdöl-Basis ersetzen soll.

Mit ihrer Weltneuheit will Circular Innovations AG mit Sitz in Bad Zurzach den Weltmarkt erobern. Dafür investiert das Unternehmen in einer ersten Phase 25 Millionen Franken in ein neues Labor und eine neue Produktionsstätte im Sodi Industriepark. Für das ganze Projekt will das Unternehmen rund 90 Millionen Franken aufwenden. Bis 2023 sollen rund 80 Arbeitsplätze entstehen.

Das Unternehmen fokussiert sich anfänglich auf zwei Stoffe: Isopropanol und Azeton für die pharmazeutische sowie die Halbleiter- und die Mikrochip-Industrie. «Wir leisten damit einen wichtigen Beitrag für eine CO2-neutrale Zukunft», sagt Robert Jeker, Geschäftsführer und Mitgründer der Circular Innovations AG.

Robert Jeker, Geschäftsführer der Circular Innovations AG.

Robert Jeker, Geschäftsführer der Circular Innovations AG.

Foto: zvg/Michel Jaussi

«Nachhaltiges Isopropanol existiert bis jetzt noch nicht.» Ihre Innovation hat das Unternehmen deshalb beim Patentamt angemeldet. Bio-Azeton werde zwar bereits hergestellt, aber ineffizient und in kleinen Mengen. «Wir erreichen eine viel höhere Produktivitätsrate mit unserem Herstellungsprozess», sagt Robert Jeker, der Recht an der Uni Zürich studierte und mehrere Jahre in der Finanzbranche tätig war.

Das Biotech-Unternehmen recycelt biologische Fettabfälle wie gebrauchtes Speise- und Frittieröl, beispielsweise von McDonald's-Lokalen. Die wenigen Firmen, die Bio-Azeton bereits herstellen, verwenden dafür Zucker.

Weshalb der frühere Chemiestandort so ideal ist

Für Robert Jeker spricht viel für den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Schweiz:

«Die Schweiz verfügt über hochqualifizierte Arbeitskräfte und sehr attraktive wirtschaftliche Rahmenbedingungen.»

Dass das Biotech-Unternehmen aber ausgerechnet Bad Zurzach als künftige Produktionsstätte ausgewählt hat, war eher eine zufällige Entscheidung: «Wir traten mit der Wirtschaftsförderung des Kantons in Kontakt, die uns wiederum an die Sodi Industriepark AG weiterverwies.» Der frühere Chemiestandort sei ideal, insbesondere auch wegen des Bahnanschlusses, der eine wichtige Rolle beim Vertrieb spielen wird.

Nach dem 100-Jahre-Jubiläum 2014 verkaufte die Solvay (Schweiz) AG das Areal an die Sodi Industriepark AG.

Nach dem 100-Jahre-Jubiläum 2014 verkaufte die Solvay (Schweiz) AG das Areal an die Sodi Industriepark AG.

Foto: Alex Spichale

Auf dem Sodi-Areal hat das Unternehmen bereites eine rund 20'000 Quadratmeter grosse Fläche reserviert. Das Baugesuch für mehrere neue Gebäude soll bald folgen. «Wir planen eine moderne, energieeffiziente Chemieanlage, die sich gut ins Landschaftsbild einpassen soll.»

Nachhaltiger Treibstoff für Flugzeuge soll folgen

Bis 2023 will die Circular Industries Gruppe ihren ersten Produktionsstandort in Bad Zurzach realisieren. Ein zweiter soll in Singapur folgen, wo die Gruppe ihren Sitz hat und wo Mitbegründer Ralf Lange seit über 30 Jahren lebt. Der Chemiker und Unternehmer baute weltweit bereits über 120 Chemieanlagen.

Der Sodi Industriepark von oben – rechts fliesst der Rhein.

Der Sodi Industriepark von oben – rechts fliesst der Rhein.

Foto: zvg/Michel Jaussi

Die Tochtergesellschaft Circular Innovations AG widmet sich im Bezirkshauptort der Forschung und Entwicklung von Bio-Chemikalien. Die Circular Industries Switzerland AG, auch mit Sitz in Bad Zurzach, übernimmt deren Produktion und Verkauf.

In naher Zukunft will das Unternehmen weitere umweltfreundliche Substanzen entwickeln, beispielsweise nachhaltigen Flugtreibstoff und sogenannte Bio-Monomore für Nylon-Anwendungen.

Die Solvay (Schweiz) AG feierte 2014 ihr 100-jähriges Bestehen. Gegründet wurde die Firma als Schweizerische Sodafabrik, im Volksmund «Sodi» genannt. So sah das Areal 1940 aus.

Die Solvay (Schweiz) AG feierte 2014 ihr 100-jähriges Bestehen. Gegründet wurde die Firma als Schweizerische Sodafabrik, im Volksmund «Sodi» genannt. So sah das Areal 1940 aus.

Foto: zvg

Die Pläne von Circular Industries sind unabhängig von einem weiteren Projekt, das bald auf dem Sodi-Areal umgesetzt werden könnte, sagt Michael Odenwald, CEO der Sodi Industriepark AG, auf Anfrage. Zurzeit liegt ein Baugesuch über 8,25 Millionen Franken für den Wiederaufbau einer grossen Halle auf.

Diese diente dem Lausanne Hockey Club zwei Jahre lang als temporäres Eisstadion. Die Halle soll gemäss Baugesuch unterteilt werden und danach zwei Mietern zur Verfügung stehen. Welche diese sind, dürfe noch nicht bekanntgegeben werden.

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