Bad Zurzach
Autofahrer zahlt hohen Preis für Sekundenschlaf

Ein 35-jähriger Deutscher stand vor Gericht, weil er einen Unfall mit zwei Schwerverletzten verursacht hatte. Er wurde zu einer Geldstrafe von 300 Tagessätzen à 50 Franken und einer Busse von 2500 Franken verurteilt.

Angelo Zambelli
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Der Unfallfahrer entstieg diesem Fahrzeug unverletzt. AZ-ARCHIV/AHU

Der Unfallfahrer entstieg diesem Fahrzeug unverletzt. AZ-ARCHIV/AHU

Es war ein fürchterlicher Unfall an jenem Septembernachmittag 2012 auf der Umfahrungsstrasse Bad Zurzach: Ein damals 34-jähriger deutscher Grenzgänger mit Arbeitsort in Buchs ZH befand sich auf dem Weg zum Grenzübergang Koblenz.

Kurz vor dem östlichen Tunnelportal überfuhr er mit seinem Personenwagen auf gerader Strecke die doppelte Sicherheitslinie und kollidierte mit einem korrekt entgegenkommenden Personenwagen.

Darin befanden sich eine 61-jährige und eine 63-jährige Frau aus dem Raum Winterthur. Durch den heftigen Aufprall wurden beide Insassinnen lebensgefährlich verletzt. Der Unfallverursacher überstand den Crash wie durch ein Wunder unverletzt.

Wenig Schlaf wegen kurzer Nächte

Gestern musste sich der Lenker des Unfallfahrzeugs vor Einzelrichter Cyrill Kramer verantworten. Er war angeklagt der mehrfachen fahrlässigen schweren Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft forderte eine Geldstrafe von 300 Tagessätzen à 60 Franken, bedingt vollziehbar bei einer Probezeit von drei Jahren sowie eine Busse von 3600 Franken und die Übernahme der Untersuchungskosten.

Sie vertrat die Ansicht, dass der Unfall für den Beschuldigten voraussehbar war. Eine gesunde Person schlafe nicht einfach ein, ohne vorher Symptome von Müdigkeit oder Schläfrigkeit bemerkt zu haben.

Nachdem der Angeklagte vor dem Unfalltag mehrere «kurze Nächte» wegen der einige Wochen zuvor geborenen Tochter durchzustehen hatte – wobei er maximal drei Stunden am Stück schlafen konnte – sei es für den Angeklagten voraussehbar gewesen, dass es zu einem Sekundenschlaf und zu einem schweren Unfall kommen könnte.

Finanziell nicht auf Rosen gebettet

In der Anhörung machte der Angeklagte einen eingeschüchterten und unsicheren Eindruck. Mit leiser Stimme schilderte er seine derzeitige Lebenssituation: Die Familie ist inzwischen auf sechs Köpfe angewachsen, das neue Haus im Klettgau weist 70 Baumängel auf, weshalb er sich gezwungen sah, einen kostspieligen Rechtsstreit anzustrengen.

Kurzum: Die finanzielle Situation des Angeklagten ist alles andere als rosig. Dies veranlasste den deutschen Verteidiger, dem Gericht eine Umwandlung der Busse in einen gemeinnützigen Arbeitseinsatz zu beantragen.

Richter Cyrill Kramer folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft weitgehend und verurteilte den Angeklagten wegen mehrfacher fahrlässiger Körperverletzung, reduzierte aber das Strafmass angesichts der angespannten finanziellen Situation der Familie erheblich.

Er verurteilte den Angeklagten, der nach eigener Aussage erfolglos versucht hatte, Kontakt mit den Unfallopfern aufzunehmen, zu einer Geldstrafe von 300 Tagessätzen à 50 Franken sowie zu einer Busse von 2500 Franken, bedingt auf drei Jahre.

Den Vorschlag des Verteidigers, die Geldstrafe in gemeinnützige Arbeit umzuwandeln, lehnte der Einzelrichter Kramer mit dem Hinweis ab, durch eine Abwesenheit vom Arbeitsplatz würde das Einkommen der Familie stärker geschmälert als durch eine bedingt ausgesprochene Geldstrafe.

Kramer hielt dem Angeklagten zugute, dass beim folgenschweren Unfall kein Alkohol und keine Drogen im Spiel waren und er auch über einen guten automobilistischen Leumund verfügt.

Nachdem der Angeklagte mehrfach beteuert hatte, wie leid ihm die ganze Sache tue, sagte Richter Kramer: «Sie haben Glück gehabt, dass Sie sich heute nicht wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten müssen. Ich nehme Sie beim Wort, dass Sie sich künftig im Strassenverkehr korrekt verhalten.»