Rietheim
Aus dieser erschreckenden Dreckwüste am Rhein wird eine Auenlandschaft

Das Auenprojekt «Chly Rhy» wird langsam sichtbar – einigen Zurzibietern bereitet der Anblick aber noch Mühe. «Massaker an einem Mischwald» sagen Kritiker etwa dazu.

Nadja Rohner
Drucken
Teilen
Auenlandschaft Chly Rhy in Rietheim
9 Bilder
In der Aue Rietheim wurde im Rahmen des Auenprojekts "Chly Rhy" ein grosser Teil des Waldes abgeholzt.
Rund 2000 Bäume mussten weichen. Einzelne Bauminseln mit wertvollem, einheimischem Bestand wurden stehen gelassen.
In der Aue Rietheim wurde im Rahmen des Auenprojekts "Chly Rhy" ein grosser Teil des Waldes abgeholzt.
In der Aue Rietheim wurde im Rahmen des Auenprojekts "Chly Rhy" ein grosser Teil des Waldes abgeholzt.
In der Aue Rietheim wurde im Rahmen des Auenprojekts "Chly Rhy" ein grosser Teil des Waldes abgeholzt.
In der Aue Rietheim wurde im Rahmen des Auenprojekts "Chly Rhy" ein grosser Teil des Waldes abgeholzt.
In der Aue Rietheim wurde im Rahmen des Auenprojekts "Chly Rhy" ein grosser Teil des Waldes abgeholzt.

Auenlandschaft Chly Rhy in Rietheim

Nadja Rohner

Der Einzige, der an den Holzerarbeiten in der Rietheimer Aue seine helle Freude hat, ist der Biber – wie an einem Snackbuffet kann er sich an den herumliegenden Ästen und Stämmen bedienen. Weniger begeistert sind die Zweibeiner:

Im Dorfgespräch und in Online-Foren zeigt sich mancher entsetzt, dass im Zuge der Auen-Renaturierung «Chly Rhy» ein grosses Stück Wald abgeholzt werden musste. Von «Massaker an einem Mischwald» wird gesprochen. «Das Bild, das sich einem beim Vorbeifahren mit dem Zug bietet, ist grauenvoll», meint eine Facebook-Userin. Man fürchtet, dass im Sommer Touristen ausbleiben könnten, und dass die Vögel unter dem Verlust von Brutplätzen leiden würden.

Diese Tiere und Pflanzen profitieren vom Auenprojekt

Die Rheinaue wird nach der Renaturierung vielen seltenen Tieren und Pflanzen eine Lebensgrundlage bieten. Im langsam fliessenden Rhein-Seitenarm werden sich die flache Teichmuschel und der stark gefährdete Bitterling, eine Fischart, wohlfühlen. Die geplanten Teiche dienen der Gelbbauchunke als Laichgewässer. Für die Grünpflege sorgen Wasserbüffel auf den Auenweiden. In den Baumkronen kann man den seltenen Pirol beobachten, an den Auenufern den stark gefährdeten Flussuferläufer. Der Eisvogel findet an Steilufern entlang des «Chly Rhy» Möglichkeiten zum Nisten. Und der Biber wird mit seiner regen Bautätigkeit dafür sorgen, dass sich die Aue laufend verändert. Auch seltene Pflanzen wie die Tamariske oder Orchideenarten wird man in Rietheim finden. (AZ)

Ein Augenschein vor Ort

Und tatsächlich: Obwohl der geteerte Spazierweg mittlerweile weitgehend vom Dreck befreit wurde, bietet sich in der Aue ein Bild, das im ersten Moment erschrecken mag. Baumstrünke, aufgetürmte Stämme am Wegrand, abgeschlagene Äste, und überall Matsch, durch den sich die Furchen der Forstmaschinen ziehen. Nein, ein schöner Anblick ist das nicht – da stimmen auch Erik Olbrecht und Ulysses Witzig zu. Der Projektleiter bei der kantonalen Sektion für Natur und Landschaft, und der Geschäftsführer der creaNatira, Tochtergesellschaft der Pro Natura Aargau, begleiten das Projekt «Chly Rhy» und erläutern der az die Lage vor Ort.

«Insgesamt wurden hier etwa 1800 m Holz gefällt», sagt Witzig. Das entspreche rund 2000 Bäumen. «Die meisten davon waren nordamerikanische Pappeln – eine Hybridkultur, die hier in den 60er-Jahren angepflanzt wurde.» Diese hätten auch ohne die Auenprojekt-Grabarbeiten weichen müssen: «Wir wollen einheimische Arten wie die Schwarzpappel fördern.»

Wann wird was gebaut?

Der Spatenstich für die Bauarbeiten ist für den 24. April geplant. Von April bis Juli wird eine neue Dorfbachbrücke gebaut und der Wanderweg verlegt. Gleichzeitig laufen die Grabarbeiten für die Teiche. Von August bis Dezember wird das Delta «Chly Rhy» gegraben: der Rhein-Nebenarm wird erweitert und erhält ein neues Gerinne. Im Januar und Februar 2015 wird das neue Einlaufbauwerk erstellt. Im Frühjahr 2015 bauen der Kanton und Pro Natura neue Wanderwege, Parkplätze und Grillstellen. Bis im Juni 2015 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. (AZ)

Auch ein paar ebenfalls fremde, unwillkommene Robinien wurden abgeholzt; sie hatten sich zu stark ausgebreitet und hiesige Pflanzen verdrängt. Daneben fielen jedoch auch einheimische Gehölze der Säge zum Opfer. «Das war notwendig, weil hier ein grosser Teil der Bodenschicht abgetragen wird», sagt Erik Olbrecht. «Ganz unten am Rheinufer werden es bis zu zwei Meter sein.» Das Gebiet dort soll künftig zeitweise überschwemmt werden – die Bäume mussten daher weg.

Nur ein paar wenige Bauminseln sind stehen geblieben. «Ulysses Witzig und ich sind einen ganzen Tag lang zusammen mit dem Kreisförster durch den Wald gestiefelt und haben jeden einzelnen Baum geprüft», erzählt Olbrecht. Mit grüner Sprayfarbe haben sie markiert, welche Bäume bleiben dürfen: Ein paar auenwaldtypische Ulmen, Silberweiden und Waldföhren stehen noch, und eine besonders schöne Eiche gleich beim Rheinufer. Sie wird, wenn das Auenprojekt abgeschlossen ist, auf einer Insel mitten im Fluss stehen.

Von einigen Bäumen stehen noch zwei Meter hohe, oben abgesägte Stämme. Sie sind mit oranger Sprayfarbe markiert. «Diese Bäume», so Olbrecht, «werden mitsamt Wurzelstock ausgebaggert und dann ‹kopfüber› ins spätere Flussbett gerammt.» Die Wurzelstöcke dienen den Fischen als Versteck. Ausserdem sammelt sich an ihnen Geschwemmsel, das Inseln bilden kann und damit vielen Kleintieren Unterschlupf bietet.

Auen-«Vorschau» in Lauffohr

Baugesuch: Auen-Erde soll Landabsenkungen auffüllen

Auf der Gemeindekanzlei Rietheim liegt ein Baugesuch für die «Korrektur Geländesenke im Bruggacher/Fäs-acher» auf. Bauherrin ist die Birchmeier Hoch- und Tiefbau AG. Das Gesuch steht in direktem Zusammenhang mit dem Auenprojekt. Bei diesem fallen rund 150 000 m3 Erdmasse an, die ausgehoben und nicht zur Renaturierung verwendet werden. Die Birchmeier AG will nun zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Anstatt das Material in Deponien zu bringen, sollen damit die Rietheimer Landabsenkungen ausgeglichen werden.

Diese waren in den 50er- und 60er-Jahren aufgrund des Salzabbaus in der Region entstanden und hatten teilweise zu massiven Schäden an Gebäuden geführt. Aufgefüllt werden sollen rund 7 Hektaren Kulturlandfläche, die sich in den letzten Jahrzehnten um 2 bis 3 Meter abgesenkt hatten. Sie liegen nur 700 Meter von der Aue entfernt. Seit den 70ern wird dort permanent Grundwasser abgepumpt, damit das Gelände nicht unter Wasser steht. Im Jahr 2012 förderten diese Pumpen 1,75 Millionen m³ - trotzdem kommt es bei starken Niederschlägen schnell zu Überschwemmungen. Was die Enten freut, ist eine Bedrohung für das Grundwasser.

Dem Dorf käme diese Erdverschiebung zugute. Ein Grossteil des Erdaushubs, etwa 85 000 m³, soll die Landsenkungen auffüllen, lediglich wiederverwertbarer Kies und allfällig belastetes Erdmaterial würde weggeführt. Wie die Birchmeier AG mitteilt, könnte man rund 14 000 Transportfahrten durch das Dorf zu den Deponien sparen - und damit bis zu 200 000 Lastwagen-Transportkilometer. Das spart nicht nur Zeit und Kosten, sondern schont auch die Umwelt. 1 bis 2 Jahre sollen die Arbeiten dauern. Die Gemeinde informiert am 19. März um 19 Uhr in der Turnhalle über das Projekt. (NRO)

Olbrecht und Witzig können nachvollziehen, dass die Zurzibieter vom ungewohnt kahlen Bild der Rietheimer Aue nicht allzu begeistert sind. «Es wird einige Zeit dauern, bis sich die Vegetation hier wieder normalisiert», sagt Olbrecht. Er gehe davon aus, dass im Sommer 2015 die ersten Kräuter wachsen. Ulysses Witzig beteuert, dass die Vögel durch das Auenprojekt keine Nachteile hätten – im Gegenteil: «Wir haben bei der Planung darauf geachtet, dass die Holzerarbeiten noch vor der Brutzeit Ende März abgeschlossen sind», sagt er.

«Und rundherum haben die Tiere genügend Brutmöglichkeiten.» Längerfristig würden sowohl Vögel als auch andere Tiere von einer renaturierten Auenlandschaft profitieren. Die beiden Naturschützer glauben zudem nicht, dass der Tourismus in Rietheim unter den Bauarbeiten leiden wird: «Ich würde wetten: Diesen Sommer kommen besonders viele Besucher – so grosse Baustellen interessieren die Leute», sagt Erik Olbrecht.

Denen, die heute schon wissen wollen, wie die Aue in ein paar Jahren aussehen wird, empfehlen Witzig und Olbrecht einen Ausflug nach Lauffohr bei Brugg – die dortige Auenlandschaft im Wasserschloss sei ein Paradebeispiel für eine gelungene Renaturierung.

9,38 Millionen Franken wird das Rietheimer Auenprojekt gemäss Voranschlag kosten. «Der Grossteil davon entfällt auf die Erdbewegungen», sagt Erik Olbrecht – also auf die Entfernung der Erdmassen, die in den 60er-Jahren für ein geplantes Wasserkraftwerk aufgeschüttet wurden. Die Kosten werden vom Kanton, Pro Natura und Pro Natura Aargau sowie weiteren Institutionen getragen.

Ein kleiner Teil davon kann durch den Verkauf des geschlagenen Holzes gedeckt werden. Olbrecht: «Die Pappelstämme wurden an ein regionales Unternehmen verkauft, das Weichholzkerne für Ski herstellt. Es ist doch schön zu wissen, dass aus Rietheimer Bäumen solch edle Produkte gemacht werden.»

Aktuelle Nachrichten