Bad Zurzach
Auf dem Fussgängerstreifen wurde der Traum vom Bodybuilder zerstört

Ein junger Automobilist fuhr auf einem Fussgängerstreifen einen jungen Mann an. Er bekam vor dem Bezirksgericht Zurzach die Quittung für seine Uneinsichtigkeit: Er wurde zu einer bedingten Geldstrafe von 27'000 Franken und einer Busse verurteilt.

Rosmarie Mehlin
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Der 19-Jährige wurde auf dem Fussgängerstreifen angefahren.

Der 19-Jährige wurde auf dem Fussgängerstreifen angefahren.

Keystone

Ivo (Namen geändert) war 19 Jahre jung, hatte eine abgeschlossene Lehre, einen Job und einen grosses Ziel vor Augen: Er wollte sein Hobby zum Beruf machen und professioneller Bodybuilder werden. Am Abend des 6. Dezember 2011 wurde dieser Traum innert Sekunden zunichtegemacht.

Es war 17.30 Uhr, es war dunkel und regnete, als Ivo auf dem Fussgängerstreifen bei der Solvay die Rheintalstrasse querte. Ein von Bad Zurzach kommender Sattelschlepper hatte angehalten, ein von Rekingen kommender Personenwagen nicht.

Dessen Lenker, der damals 21-jährige Sandro, war mit zirka 55 km/h unterwegs, als sein Fahrzeug Ivo erfasste. Durch die heftige Kollision erlitt dieser multiple schwere Verletzungen an Kopf, Wirbelsäule und Brustkorb.

Sandro, der damals noch Praktikant bei einer Versicherung war, wurde per Strafbefehl zu einer bedingten Geldstrafe von 5400 Franken (90 Tagessätze à 60 Franken) und 1000 Franken Busse verurteilt. Dagegen erhob Sandro Einsprache, weshalb es kürzlich vor Bezirksgericht Zurzach zu einer Verhandlung kam.

Von Unschuld überzeugt

Als Auskunftsperson schilderte Ivo eindrücklich, wie sehr ihn der geplatzte Traum vom Bodybuilder schmerze, und dass er wohl zeitlebens an den Folgen des Unfalls leiden werde, vor allem an der Schulter, aber auch im Kopf «manchmal hängt es mir plötzlich aus und da erkenne ich beispielsweise selbst nahestehende Menschen nicht.»

Obwohl der Arzt ihm eine Anmeldung bei der IV nahegelegt habe, arbeite er heute wieder 100 Prozent: «Ich will das und zum grossen Glück hat mir der Arbeitgeber nicht gekündigt.» Fast am meisten getroffen habe ihn, so Ivo, dass «sich der Unfallverursacher nie bei mir gemeldet und sich entschuldigt hat.»

Das stellte Sandro in Abrede: er habe durchaus versucht, Kontakt zu Ivo aufzunehmen, sei aber Ivos Schwester abgeblockt worden. Auf die Frage von Einzelrichter Cyrill Kramer, warum er den Strafbefehl nicht akzeptiert habe, antwortete Sandro dezidiert, «weil ich überzeugt bin, unschuldig zu sein».

Zynischer Gutachter

Er sei, betonte Sandro, mit angemessener Geschwindigkeit gefahren und habe Ivo nicht gesehen. Das wiederholte auch Sandros Anwalt, der einen Freispruch forderte, in seinem Plädoyer. Er fügte hinzu, die Signalisation «Fussgängerstreifen» sei nicht erkennbar gewesen, zudem sei sein Mandant vom Sattelschlepper auf der Gegenseite geblendet worden.

Zudem liege ein Gutachten vor, dass der Unfall, selbst wenn Sandro nur mit 20 km/h gefahren wäre, nicht hätte vermieden werden können. Der Anwalt zog auch die Schwere von Ivos Verletzungen in Zweifel.

Richter Kramer aber sprach Sandro nicht nur schuldig, er erhöhte die Sanktionen gegenüber dem Strafbefehl massiv: 27'000 Franken Geldstrafe bedingt (180 Tagessätze à 150 Franken, weil Sandro inzwischen bei der Versicherung fest angestellt ist) sowie 5000 Franken Busse, so das Verdikt.

In seiner Begründung bezeichnete es Kramer als unverständlich, dass man die Verletzungen von Ivo als «nicht schwer» bezeichnen könne, habe laut Arztbericht doch unmittelbare Lebensgefahr bestanden.

Äusserst zynisch nannte der Richter die Feststellung des Gutachters, Ivo hätte eine Kollision vermeiden können, wenn er «entweder in der Mitte des Streifens stehen geblieben oder aber schneller gelaufen wäre».

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