Schneisingen
Auf dem Achenberg war eine Art KZ geplant

Zeitzeugen berichteten an der Generalversammlung des Museumsvereins von ihren Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs.

Angelo Zambelli
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Die Besucher der Generalversammlung lauschten gespannt den Ausführungen. ZA

Die Besucher der Generalversammlung lauschten gespannt den Ausführungen. ZA

Der 8. Mai 1945 markiert das Ende eines barbarischen Krieges in Europa mit Millionen Toten, zerstörten Städten, Elend und Leid. Die Erleichterung nach der Kapitulation Deutschlands war gross – auch in Schneisingen. Im Rahmen der ersten ordentlichen Generalversammlung des Museumsvereins berichteten sechs Zeitzeugen über ihre Erlebnisse an diesem denkwürdigen Tag und während der Kriegsjahre. In der heimeligen Stube des Rohnerhauses am Schlössliweg erzählten Alice Muggli (Jahrgang 1924), Adalbert Meier (1925), Irma Meier (1928), der ehemalige Gemeindeammann Franz Meier-Lehmann (1931), Dr. Max Knecht aus Wettingen (1929) und Albert Meier (1925).

Museumsverein Schneisingen

Der aus 50 Mitgliedern bestehende Museumsverein Schneisingen wurde am 21. März 2014 mit dem Zweck gegründet, Kenntnisse über Geschichte und Kultur von Schneisingen und der näheren Umgebung zu erlangen sowie Gegenstände zu sammeln und sie in geeigneter Form der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Den Vorstand bilden Lucia Gillessen (Präsidentin), Herbert Schwitter und Christine Widmer. Die gesammelten Gegenstände lagern momentan in der «Sauschüür», im «Sprützehüsli» und in der Zivilschutzanlage. Geplant ist, in absehbarer Zeit das im Besitz von Dr. Franz Meng befindliche Rohnerhaus am Schlössliweg 2 als Museum einzurichten. (ZA)

Doch auch in den Kriegsjahren mit all ihren schauderhaften Ereignissen ging die Menschlichkeit nicht verloren. Adalbert Meier tat 1945 Dienst auf der Rheinbrücke bei Koblenz. An einem Sonntag erschien eine Gruppe deutscher Frauen mit leeren Taschen und Körben auf der Brücke. Meier wunderte sich über den Vorgang, erkannte aber schnell, was sich da abspielte. Auch auf Schweizer Seite tauchte eine Gruppe Frauen auf – mit Taschen voller Lebensmittel. Die beiden Gruppen begegneten sich nur zögerlich, weil sie befürchteten, der Wachsoldat könnte eingreifen und die Übergabe der Lebensmittel verhindern. Adalbert Meier aber dachte nicht daran, etwas gegen diesen Akt der Menschlichkeit zu unternehmen. «Überhaupt war an der Grenze ein reger Tauschhandel im Gange», erinnert sich Meier. «Auf der Eisenbahnbrücke verkauften Private Uhren an die Franzosen und wir Soldaten tauschten Zigaretten gegen Schweizer Franken.»

Die Zeitzeugen berichteten aber auch von Dingen, die weniger erfreulich waren und klar machten, wie gross die Angst der Bevölkerung vor dem Einmarsch der «Schwaben» gewesen sein musste. «Bei Propagandaveranstaltungen benutzten die Deutschen Lautsprecher, so dass wir alles mithören konnten», berichtete einer der Zeitzeugen. In Zurzach war der Gauleiter bereits bestimmt, ebenso die Personen, die nach dem Einmarsch liquidiert werden sollten. Mit Staunen nahmen die Mitglieder des Museumsvereins zur Kenntnis, dass auf dem Achenberg eine Art Konzentrationslager geplant war. Eher amüsant anzuhören war hingegen das Bekenntnis einiger Zeitzeugen, man habe befürchtet, die jungen Schneisinger Frauen könnten wegen der Anwesenheit der schneidigen polnischen Soldaten sittlich gefährdet sein.

Den Schlusspunkt hinter die erste GV setzte alt Gemeindeschreiber Hans Rub mit einer erheiternden Anekdote: Als junger Gemeindeangestellter war er betraut mit der Verteilung der Lebensmittelkarten. Nachdem er dem Pfarrer eine Zusatzkarte übergeben hatte, wurde er von seinem Vorgesetzten gefragt, weshalb er das getan habe – ein Pfarrer verrichte keine Schwerarbeit und habe deshalb kein Anrecht auf eine Zusatzkarte. Rubs schlagfertige Antwort: «Der Herr Pfarrer hat sehr wohl Anrecht auf eine Zusatzkarte. Von 6 Uhr morgens bis 8 Uhr abends Beichten abnehmen, ist Schwerarbeit.»

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