Rietheim
Auenprojekt Chly Rhy: Bauer kritisiert die Projektleitung

Der Rietheimer Landwirt Raphael Waltenspül war ein Gegner des Auenprojekts in Rietheim. Jetzt wirft er der Projektleitung, dem Kanton und Pro Natura, vor, man wolle ihm seine Opposition heimzahlen. Dem widerspricht Projektleiter Erik Olbrecht.

Nadja Rohner
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Seit einem Jahr wird beim Chly Rhy an einer neuen Auenlandschaft gebaut.

Seit einem Jahr wird beim Chly Rhy an einer neuen Auenlandschaft gebaut.

Nadja Rohner

Raphael Waltenspül ist unzufrieden. Jahrelang hatte der Rietheimer Landwirt gegen das Auenprojekt Chly Rhy gekämpft, ging bis vors Bundesgericht. Dieses wies seine Beschwerde Ende 2013 ab – wenige Monate später fuhren im Chly Rhy die Bagger auf. Damit ging der Ärger für Waltenspül aber weiter.

In einem Leserbrief an die «Botschaft» macht er dem jetzt Luft. Er könne den Bundesgerichtsentscheid zwar akzeptieren, schreibt er. «Nicht akzeptieren kann ich aber, wie man vonseiten der Bauherrschaft (Pro Natura und Kanton Aargau) mit mir und meiner Familie umgeht. Es scheint, dass man dem ehemaligen Gegner die Opposition heimzahlen will.»

Gegenüber der az sagt Erik Olbrecht, Projektleiter beim kantonalen Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU): «Wir haben keinerlei Ansinnen, Raphael Waltenspül etwas heimzuzahlen – weder als ehemaliger institutioneller Kontrahent noch aus persönlichen Gründen.»

Kaputte Leitungen durch Bau

Waltenspül fühlt sich dennoch ungerecht behandelt. Er zählt der az mehrere Beispiele auf, um diesen Eindruck zu belegen. Im September 2014 sei sein Paradieslihof, inklusive Wohnhaus, sechs Tage von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten gewesen, weil bei Rammarbeiten im Rahmen der Chly-Rhy-Bauarbeiten seine Grundwasserfassung beschädigt worden war.

Er habe einen sofortigen Baustopp verlangt und zugesichert bekommen, allerdings habe man sich nicht sofort daran gehalten. Eine Entschuldigung habe es nie gegeben. Zwei Monate später sei bei Aushubarbeiten seine Telefonleitung beschädigt worden, Telefon und Internet fielen aus.

Erst nach mehrmaligem Intervenieren habe er erreichen können, dass die Leitung geflickt wurde. «Nach zwölf Tagen funktionierten Telefon und Internet wieder. Mit meinem Hof verdiene ich unseren Lebensunterhalt. Wir haben Kunden. Was es bedeutet, wenn eine Firma zwölf Tage via Mail nicht mehr zu erreichen ist, kann man sich denken.» Auch dafür sei er weder um Verzeihung gebeten noch entschädigt worden, sagt der Landwirt.

Projektleiter Erik Olbrecht bestätigt zwar, dass es für Waltenspül zu «Unannehmlichkeiten» während der Bauphase gekommen sei. Man habe sich dafür aber mehrfach persönlich und schriftlich beim Landwirt entschuldigt.

Raphael Waltenspül berichtet weiter, Anfang 2015 sei die Zufahrtsstrasse zu seinem Hof, die Rietheimer Feldstrasse, gesperrt worden. «Informationen gab es keine», sagt er und kritisiert den Gemeinderat: «Mitglieder des Gemeinderats nehmen an den wöchentlichen Bausitzungen des Auenprojekts teil und haben mich und die anderen Einwohner nie über die Sperrung informiert. Man wird einfach vor Tatsachen gestellt. Mehr noch: Noch nie kam einer der Gemeinderäte zu mir, um zu fragen, wie wir als direkte Anwohner das Ganze erleben und wie wir mit den Einschränkungen zurecht kommen.»

Überhaupt fühle er sich vom Gemeinderat im Stich gelassen: «Schon während des Rechtsstreits über das Baugesuch des Kantons wurde ich nicht unterstützt. Da heisst es immer, man wolle die Bürgerinteressen vertreten – davon spüre ich nichts.» Zu diesem Vorwürfen möchte sich der Rietheimer Gemeinderat nicht äussern. Dies sagt Ammann Beat Rudolf auf Anfrage der az.

Pachtvertrag gekündigt

Der aktuellste Ärger für Raphael Waltenspül ist ein Brief der Pro Natura, die zusammen mit dem Kanton die Projektleitung für das Auenprojekt innehat und in der Aue Land besitzt. Im Schreiben vom März wird Waltenspül die Pacht für ein 44 Aren grosses Stück Land gekündigt – per sofort. Für ihn komme das völlig überraschend, sagt Waltenspül.

«Im November 2013 hat mir die Pro Natura zwar angekündigt, dass ich als Pächter ihrer Parzellen in Zukunft nur infrage käme, wenn sich zwischen meinem Hof und dem Auenprojekt ein Vertrauensverhältnis eingestellt habe», sagt er. In den Augen der Verantwortlichen sei das offenbar nicht der Fall: «Dabei habe ich sogar eingewilligt, dass die Baufahrzeuge auf meinem eigenen Land rangieren dürfen.» Im Kündigungsschreiben habe man ihm nun sogar mitgeteilt, dass er bis 2020 nicht für eine Pacht infrage käme.

Waltenspül stört auch, dass man ihm dies nicht persönlich gesagt habe: «Ich habe wenige Tage vor Erhalt des Briefes noch einen der Projektverantwortlichen getroffen. Der Entscheid zur Kündigung war damals längst gefallen – man hätte mir das persönlich mitteilen können.»

Erik Olbrecht vom Baudepartement sagt, Raphael Waltenspül wisse seit Ende 2013, dass er für die Pachtperiode 2015 bis 2020 nicht berücksichtigt werde. Man habe sich in der Ausarbeitungsphase des Auenprojekts um eine «einvernehmliche Lösung» und eine «prosperierende Partnerschaft» bemüht. Dann sei es zu einer «intensiven, sehr unangenehmen Auseinandersetzung auf juristischer Basis» gekommen. «Diese Entwicklung der Geschichte über die letzten fünf Jahren hat dem Vertrauensverhältnis nicht genützt», hält Olbrecht fest. Dies äussere sich «in einer gewissen Zurückhaltung im aufeinander Zugehen».

Die 44 Aren Wiesland seien Waltenspül bis Ende 2014 in Gebrauchsleihe vergeben worden. «Seinen Antrag, diese 44 Aren behalten zu können, quittierten wir seitens Projektleitung im Sommer 2014 als Wunsch mit geringen Chancen.» Die definitive Antwort habe man «bis Anfang März rausgezögert, um die geringen Chancen für einen positiven Entscheid zu erhöhen – Zeit heilt bekanntlich Wunden», so Olbrecht. «Das gute halbe Jahr reichte leider nicht. Deshalb haben wir kurz vor Beginn der neuen Pachtperiode den negativen Entscheid bestätigt.»

Erik Olbrecht bezeichnet die Informationspolitik der Projektleitung als «offen und transparent». «Wir geben uns aufrichtig Mühe, Herrn Waltenspül als direkten Anstösser immer so früh wie möglich zu orientieren. Wir nehmen seine Anliegen ernst und versuchen aus allen Berührungspunkten zwischen Baustelle und Hof das Beste für ihn herauszuholen.» Konkret baue man dem Landwirt etwa eine neue Trinkwasserversorgung, Sauberwasserentsorgung und Kellerentwässerung «auf viel höherem Standard, als er aktuell vorhanden ist».

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