Würenlingen
Anschlag auf Swissair: «Hinterbliebene verdienen es, dass dieser Fall abgeschlossen wird»

Die Bundesanwaltschaft prüft, ob der Flugzeugabsturz von Würenlingen im Jahr 1970 neu untersucht werden soll. Der Würenlinger Alt-Ammann und Buchautor Arthur Schneider glaubt an ein neues Strafverfahren.

Andreas Fretz
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1970: Flugzeugabsturz in Würenlingen
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Die beiden Buchautoren Arthur Schneider und Marcel Gyr thematisierten den Flugzeugabsturz in Würenlingen.
Arthur Schneider an der Buchvernissage in Würenlingen: «Warum erhalten die Angehörigen keine Entschuldigung?»
Trümmerteile des Swissair-Flugzeuges liegen verstreut im Wald in der Nähe von Würenlingen.
Am 21. Februar 1970 explodierte - kurz nach dem Start - im Frachtraum eine Bombe. Sie war von palästinensischen Terroristen gelegt worden.
Passanten sehen sich die Trümmer des Flugzeuges an.
Der Captain versuchte nach der Detonation zum Flughafen Kloten zurückzufliegen. Die Maschine stürzte jedoch bei Würenlingen in einen Wald ab.
Die 38 Passagiere und die 9 Besatzungsmitglieder kamen bei dem Absturz ums Leben.
Vor der Pressekonferenz der Eidgenössischen Flugunfallkommission zum Absturz Ein Mitarbeiter vom Wissenschaftlichen Dienst der Zürcher Stadtpolizei mit dem Flugschreiber.
Pressekonferenz der Eidgenössischen Flugunfall-Kommission Dr. Jakob Meier vom Wissenschaftlichen Dienst der Zürcher Stadtpolizei zeigt das grösste Trümmerteil.
Die Trümmer der Maschine.
Die Trümmer der Maschine.
Ehrenzermonie nach der Ankunft der Körper der israelischen Opfer auf dem Flughafen Lod inahe Tel Aviv am 6. März 1970.
Links ein neuer, rechts der in den Trümmern gefundene, zerstörrte Höhenmesser, der die Explosion im Frachtraum auslöste.
Ein Wegweiser führt in Würenlingen zum Denkmal bei der Absturzstelle im Wald.
In der Tonhalle in Zürich fand am 26. Februar 1970 eine Trauerfeier statt.
Die Bundesräte Roger Bonvin (links) und Ernst Brugger (rechts) bei der Trauerfeier in der Tonhalle in Zürich.
Bei Würenlingen wird am 7. März 1971 an der Absturzstelle eine Gedenkstätte eingeweiht.
Die Gedenkfeier am 18. Februar 1990 beim Denkmal auf der Absturzstelle.

1970: Flugzeugabsturz in Würenlingen

Keystone/Alex Spichale

Es ist bis heute der grösste Terroranschlag, den die Schweiz erlebt hat: Am 21. Februar 1970 explodierte im Frachtraum von Swiss-Air-Flug 330 eine Bombe. Das Flugzeug stürzte im Würenlinger Unterwald ab, die 38 Passagiere und 9 Crew-Mitglieder kamen ums Leben. Der Fall beschäftigt den Würenlinger Alt-Gemeindeammann Arthur Schneider bis heute. Erst am Mittwoch hat der 76-Jährige dem damaligen Untersuchungsrichter der Staatsanwaltschaft Bülach, Robert Akeret, einen Fragenkatalog zugestellt. So nimmt Schneider beispielsweise wunder, weshalb damals die Zürcher und nicht die Aargauer Behörden den Fall untersucht haben. «Ich hoffe, dass ich vor dem Jahrestag seine Antworten erhalte», sagt Schneider.

Im Oktober 1970 hatte Akeret seinen 165-seitigen Schlussbericht bei der Bundesanwaltschaft eingereicht. Für den leitenden Untersuchungsrichter waren die Täter zweifelsfrei ermittelt: Bei den Attentätern handelte es sich um zwei Terroristen der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Dennoch schlief das Strafverfahren gegen die Tatverdächtigen ein.

Nicht nur den Alt-Ammann, auch aktuelle Politiker bewegt der Fall nach wie vor. Nach der Interpellation von Jeanine Glarner (FDP, Möriken-Wildegg) liess der Aargauer Regierungsrat wissen: Die Bundesanwaltschaft prüft, ob der Flugzeugabsturz im Jahr 1970 neu untersucht werden soll. Im Wortlaut: «Gemäss Angaben der Bundesanwaltschaft ist ein Ersuchen um Wiederaufnahme des Strafverfahrens ‹Würenlingen› eingegangen, welches in Bearbeitung ist.»

Eine Frage der Tiefe

Schneider glaubt, dass das Verfahren erneut aufgenommen wird. «Es stellt sich allerdings die Frage, wie tief diese Untersuchung ausfallen wird», sagt er, schliesslich seien viele wichtige Zeitzeugen inzwischen verstorben. Andere wiederum erscheinen ihm wenig glaubwürdig. Doch gerade für die Hinterbliebenen der Opfer sei diese Aufarbeitung wichtig. Die Sehnsucht nach der Wahrheit treibt nicht nur den Würenlinger Alt-Ammann. Schneider sagt: «Es gab 47 Tote, sie alle hatten ein Umfeld. Die Hinterbliebenen verdienen es, dass dieser Fall abgeschlossen wird. Dass ihre Fragen nach dem Wie und Warum beantwortet werden.»

Bereits im Jahr 2016, nach dem Erscheinen der Bücher von Arthur Schneider (Goodbye everybody) von NZZ-Journalist Marcel Gyr (Schweizer Terrorjahre), hatte der Regierungsrat den Bundesrat aufgefordert, die Vorgänge des Flugzeugabsturzes in geeigneter Form aufzuarbeiten.

Seither hat der Regierungsrat in der Sache nichts mehr unternommen, wie aus seiner Antwort auf Glarners Interpellation ersichtlich wird. Für (weitere) strafrechtliche Untersuchungshandlungen sei die Bundesanwaltschaft zuständig, politisch stünden ebenfalls die Bundesbehörden in der Pflicht.

«Der Regierungsrat hat mit seiner umgehenden Intervention im Januar 2016 gegenüber dem Bundesrat klar zum Ausdruck gebracht, dass er alles, was zu einer weiteren Aufklärung der damaligen Geschehnisse führt, unterstützt und als zwingend betrachtet. Er begrüsst nun auch, dass die Bundesanwaltschaft tätig geworden ist.» Gleichzeitig hält der Regierungsrat fest, dass es nicht in seiner Zuständigkeit und seinen Möglichkeiten liegt, selber weitere Untersuchungen oder Ähnliches zu initiieren oder durchzuführen.