Bad Zurzach
Ammann von Bad Zurzach: «Wir sollten uns in der Gegend mehr vertrauen»

Reto S. Fuchs, Ammann von Bad Zurzach, ist seit 100 Tagen im Amt. Im Interview zieht er eine erste Bilanz und formuliert seine wichtigsten Ziele für die Zukunft: Mehr Wohnraum, weniger Gärtchendenken.

Pirmin Kramer
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Reto S. Fuchs neben seinem Lieblingskunstwerk im Rathaus. PKR

Reto S. Fuchs neben seinem Lieblingskunstwerk im Rathaus. PKR

Herr Fuchs, kurz nach Ihrem Amtsantritt haben Sie die Abstimmung zur Ostumfahrung gewonnen. Ein perfekter Start?

Reto S. Fuchs: Absolut. Es war nicht leicht, das Amt gleich mit so einer geschichtsträchtigen Abstimmung zu beginnen. Ich war sehr erleichtert, dass der Abend so erfolgreich lief für den Gemeinderat. Für mich persönlich waren schon die Wochen zuvor erfreulich. Ich bin mit einem guten Resultat ins Amt gewählt worden. Vermutlich hatte ich einen Bonus, weil ich Unternehmer bin. Viele Leute sind der Ansicht, Verwaltungen seien zu kompliziert und zu langsam. Bei Unternehmern geht man davon aus, dass sie auch eine Verwaltung effizient führen können.

Ist die Arbeit so wie erwartet?

Die Arbeit ist sehr vielseitig, fast unendlich breit. Man kratzt oftmals nur an der Oberfläche, es ist schwierig, bei den Dossiers in die Tiefe zu gehen. Das Schwierige ist, die richtigen Prioritäten zu setzen.

Wo haben Sie die Prioritäten denn gesetzt?

In den ersten dreissig Tagen gab es nur ein Thema: Umfahrung. Alles andere musste hinten anstehen. Die Umfahrung bleibt wichtig, es gilt jetzt, Gespräche mit den betroffenen Einwohnern zu führen.

Was erwarten Sie in den nächsten Monaten?

Wir werden uns mit dem geplanten Alters- und Pflegezentrum beschäftigen. Und wir müssen Wohnraum schaffen.

Wie soll das passieren?

Die Gemeinde Bad Zurzach hat im vergangenen Jahr den letzten eingezonten Quadratmeter Bauland verkauft. Wir gehen also davon aus, dass wir in unserem Flecken eine Verdichtung des Wohnraums erreichen müssen.

Wäre eine Fusion mit Rietheim eine Lösung für das Wohnraumproblem?

Eine Fusion oder zumindest eine abgestimmte Bau- und Nutzungsordnung könnten helfen. Leider sind wir bei der Fusionsdiskussion nicht zu einem gemeinsamen Ziel gekommen.

Unterstützen Sie eine Fusion also nach wie vor?

Man muss starke Regionen bilden, damit man die künftigen Aufgaben bewältigen kann. Einzeldenken wird uns nicht weiterhelfen.

Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?

Zweimal siebzig Prozent, je für das Geschäft und den Gemeinderat.

Was sagt Ihre Frau dazu?

Sie arbeitet selber sehr viel, ist in unserem Geschäft für die Finanzen zuständig. Da sie auch einmal Gemeinderätin in Rekingen war, wussten wir, worauf wir uns einlassen. Die Kinder sind erwachsen.

Haben Sie noch Zeit für Hobbys?

Ich mache Breitensport. Viermal pro Woche gehe ich joggen, ab und zu fahre ich mit dem Bike los, und im Winter gehe ich manchmal Ski fahren.

Was ist die Motivation für Ihr Amt?

Es ist der Idealismus. Wir haben eine enorm hohe Lebensqualität in Bad Zurzach, und das soll so bleiben. Wir sind gleichzeitig städtisch und ländlich. Diesen Mix gibt es in der Schweiz nur noch ganz selten. Ausserdem muss es unser Ziel sein, eine Einwohnerzahl von gegen 5000 zu erreichen und dies in Form eines qualifizierten Wachstums.

Was meinen Sie mit qualifiziertem Wachstum?

Wir brauchen eine gute Durchmischung: Jung und Alt, verschiedene Nationalitäten, Menschen von unterschiedlichen sozialen Schichten. Es braucht dazu hochstehenden Wohnraum, aber auch Wohngemeinschaften für junge Leute.

Was bereitet ihnen Sorgen, wenn Sie an die kommenden Jahre denken?

Der Schulstandort Bad Zurzach könnte durchaus gefährdet sein. Denn das Zurzibiet wächst nicht so sehr, wie wir uns das wünschen. Wir haben verschiedene gute Schulen, und das muss so bleiben. Einen zweiten Handlungsbedarf – und daran sind schon viele gescheitert – sehe ich in der Zusammenarbeit der Gemeinden. Das Gärtchendenken ist in unserer Region schon sehr stark ausgeprägt. Es gibt in der Gegend ein grosses Misstrauen gegenüber dem Nachbarn. Das ist schade.

Bad Zurzach ist der Bezirkshauptort. Soll der Flecken auch das Zentrum der Region sein?

Wir haben sicherlich eine Zentrumsfunktion. Aber im Zusammenhang mit dem Misstrauen, das ich erwähnt habe, wird diese Zentrumsfunktion manchmal als Vormachtstellung wahrgenommen. Viel wichtiger wäre es, dass das Zurzibiet gemeinsam nach aussen auftritt, damit unsere Stimme auch in Aarau gehört wird. Aber wir ringen um eine gemeinsame Stimme.

Was sind die Gründe für dieses Gärtchendenken?

Ich habe in London, Paris und Hongkong gelebt, aber auch im Berner Oberland. Das Zurzibiet ist ein typisch ländliches Gebiet: Indem man sich vor äusseren Einflüssen schützt, bewahrt man vermeintlich, was man hat. Diese Tendenz wird durch die Globalisierung, durch das Unsichere, noch verstärkt. Ich hoffe, dass wir in der Gegend einen Weg finden können, mehr aufeinander zu vertrauen, für eine sichere gemeinsame Zukunft.

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