Leibstadt
Ammann tritt nach 7 Jahren ab: «Ich fühlte mich zeitweise zu überlegen»

Christian Burger tritt nach sieben Jahren als Ammann von Leibstadt zurück. Der 49-Jährige zieht eine selbstbewusste Bilanz

Daniel Weissenbrunner
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Zeit für neue Gedanken: Nach intensiven Jahren hört Christian Burger als Gemeindeammann auf.

Zeit für neue Gedanken: Nach intensiven Jahren hört Christian Burger als Gemeindeammann auf.

Chris Iseli

Wir laufen im Gemeindehaus die Treppe hoch. Auf dem Weg ins Büro im ersten Stock sind Plakate zusammengerollt. In gelber Schrift leuchtet: Dorffest, 10. bis 12. Juni. Für Christian Burger wird das nächste Wochenende ein besonderer Moment. Es ist sein letzter Auftritt als Ammann der Kernkraftwerk-Gemeinde. Ende Monat verabschiedet sich Burger nach fünfzehn Jahren im Gemeinderat, davon sieben als Ammann, aus dem politischen Alltag.

Herr Burger, wir haben ein Fotosujet mit Ihnen vorgeschlagen, wo das Atomkraftwerk zu sehen ist. Sie fanden die Idee mässig originell.

Christian Burger: Ich habe dagegen nichts einzuwenden, ich wehre mich aber, wenn Leibstadt immer auf das Kernkraftwerk reduziert wird.

Ist das schlimm?

Kritiker bringen damit ständig etwas Negatives in Verbindung, zum Beispiel das mögliche Gefahrenpotenzial. In den anderen Gemeinden heisst es deswegen: Ah, die reichen Leibstadter.

Christian Burger

Der 49-Jährige arbeitet als Bauverwalter in Böttstein. Burger ist verheiratet und Vater von zwei Jungen (13 und 18). In seiner Freizeit trifft man ihn – in Zukunft wieder häufiger – auf dem Fahrrad oder in Jogginghosen an. Seine sportliche Leidenschaft gehört allerdings dem Fussball: Burger ist Fan von Borussia Dortmund. Als Abschiedsgeschenk erhielt er von der Gemeinde einen Gutschein an ein Spiel seines Lieblingsklubs.

Das stimmt ja auch. Leibstadt steht finanziell grundsolide da. Als einzige Gemeinde im Bezirk liegt der Steuerfuss bei unter 100 Prozent!

Wir sind nicht reich. Wir haben ein gutes Einkommen. Das ist nicht gleichzusetzen mit Reichtum. Wer ein gutes Einkommen hat, der zahlt auch mehr Steuern und leistet entsprechende Beiträge zum Beispiel in den Finanzausgleich.

Dass Leibstadt im Vergleich gut dasteht, verdankt die Gemeinde nicht zuletzt dem Kraftwerkbetreiber ...

Das bestreite ich gar nicht. Ohne das Kernkraftwerk wären wie im gleichen Segment wie unsere Nachbarn. Leibstadt wäre nicht die ausgeglichene Arbeits- und Wohngemeinde mit über 1000 Arbeitsplätzen, die sie heute ist. Wir würden finanziell mit denselben Problemen kämpfen wie andere Gemeinden um uns herum. Selbstverständlich haben wir profitiert, indem mit den hohen Aktiensteuergeldern eine sehr gute Infrastruktur, wie die Mehrzweckhalle, der Gemeindesaal, Schulhäuser oder hier das Gemeindehaus, erbaut werden konnte.

Das könnte sich bald ändern, wenn der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen würde.

Das ist eine Herausforderung, der sich die Gemeinde stellen muss. Uns ist bewusst, dass hier ein Klumpenrisiko besteht. Man darf aber nicht vergessen, dass die Steuererträge von rund 2,5 Millionen Franken in den 1980er-Jahren bereits heute auf eine Million durch Gesetzesrevisionen zurückgegangen sind. Auch das haben wir gestemmt. Wir gehen aber wie die Kraftwerkbetreiber davon aus, dass bis 2043 Strom produziert wird. Dennoch ist es wichtig, sich frühzeitig mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.

Kommen wir zur Gegenwart: Leibstadt feiert nächstes Wochenende sein 150-jähriges Bestehen mit einem grossen Dorffest. Beschreiben Sie uns doch die Gemeinde?

Wir sind im Vergleich zu anderen Orten im Bezirk noch ein Teenager-Dorf. Mit diesem Image sind wir in den letzten Jahren nach aussen aufgetreten. Wir haben uns abgestaubt. Mit einem neuen Auftritt in der Kommunikation gehören wir kantonsweit, wie es so schön heisst, zu den trendigsten, fittesten Gemeinden überhaupt.

Ausgerechnet in der Pubertierphase treten Sie nun zurück?

Ausgerechnet jetzt (lacht). Im Ernst, es ist der richtige Zeitpunkt aufzuhören. Nach 15 Jahren Behördentätigkeit.

Wegen Motivationsproblemen? Sie sind mit 49 noch vergleichsweise jung.

Auch, aber nicht nur. Es gab berufliche Veränderungen (Anm. der. Red: Burger ist Bauverwalter in Böttstein). In meiner persönlichen Analyse habe ich mir gesagt: ‹Du hast vielmehr erreicht, als Du Dir je vorgenommen hast.› Nach reiflicher Überlegung bin ich zum Entschluss gekommen, dass es nötig ist, den Weg für neue Kräfte freizumachen. Nach so langer Zeit entstand eine Machtanhäufung, wodurch die neuen Gemeinderäte blockiert wurden. Ich fühlte mich, ganz ehrlich gesagt, auch zeitweise zu überlegen. Das ist schlecht für die Entwicklung, dann muss man handeln. Meine Kolleginnen und Kollegen sollen sich entfalten können.

Das klingt selbstlos.

Überhaupt nicht. Ich sage es etwas überspitzt: In einer solchen Situation soll ein wichtiger Kopf rollen, und das ist meiner. Ein Jahr vor den Gesamterneuerungswahlen ist abgesehen davon kein schlechter Zeitpunkt.

In welchem Zustand übergeben Sie Leibstadt Ihren Gemeinderatskollegen?

Ich übergebe Leibstadt mit einem konkreten und fundierten Fahrplan. Die Gemeinde Leibstadt besitzt eine Vision mit einer klaren Strategie und einem konstruktiv geschnürten Massnahmenpaket. Mit diesem Führungsinstrument kann weiterhin nach vorne gearbeitet werden.

Die Frage ist, mit wem? Sie haben letzten Herbst Ihren Rücktritt bekannt gegeben. Seither werden Kandidaten für den Gemeinderat respektive für das Amt des Ammanns gesucht – ohne Erfolg.

Leider ist niemand in Sicht. Das liegt meines Erachtens am heutigen Milizsystem. Ich habe pro Woche durchschnittlich 15 bis 25 Stunden für die Gemeinde aufgewendet. Das ist eine hohe Präsenzzeit und eine enorme Belastung. Dazu bin ich ein pflichtbewusster Familienvater mit zwei Kindern und ein ehrgeiziger Arbeitnehmer.

Sie haben sich beklagt, dass die Arbeit eines Ammanns zu wenig Anerkennung findet.

Dazu stehe ich. Man ist immer der Gemeindeammann, fast rund um die Uhr, permanente Anlaufstelle. Auch wegen Kleinigkeiten. Darüber hinaus nimmt die Wertschätzung stetig ab.

Sie haben erfahren, wie das Amt einen auffressen kann. Wie nahe waren Sie letzten Herbst an der Erschöpfung?

Noch weit davon entfernt, ich habe mich noch selber gespürt, zum Glück, und gemerkt, dass ich eine Veränderung brauche.

Wer hat Sie rausgezogen?

Ich mich selber, aber mit grosser Unterstützung meiner Familie, meiner engsten Freunde und vor allem meiner Frau. Sie hat wohl am meisten ertragen müssen und sehr viel mit mir durchgestanden. Sie war und ist mein Pfeiler. Sie hat in den strengsten, intensivsten Zeiten alles rundherum gemanagt.

Denkbar schlechte Voraussetzungen für Interessenten in den Gemeinderat. Morgen Sonntag sind Wahlen. Besteht Hoffnung für eine kurzfristige Kandidatur?

Warten wir ab, was das Wochenende bringt. Vielleicht kommt via Abstimmungsurne ein Vorschlag aus der Bevölkerung. Mit dieser Person könnte das Gespräch gesucht und die Bereitschaft abgefragt werden ...

Ist das nicht Wunschdenken? Über drei Dutzend Personen wurden bisher offenbar angefragt.

Das stimmt. Eines ist klar: Die Bevölkerung muss mit in die Pflicht genommen werden. Wenn nichts passiert, haben wir irgendwann einen Sachwalter in Leibstadt.

Zuversicht klingt anders ...

... einen anderen Plan habe ich momentan auch nicht.

Wenn Sie Bilanz ziehen: Was ist Ihr grösster Erfolg als Gemeindeammann?

Es mag abstrakt klingen: die Vision, mit Strategie und dem Massnahmenpapier. Leibstadt hat einen klaren Plan. Es ist mir gelungen, ohne externe Hilfe die Verwaltung von Full-Reuenthal hierherzuholen. Neben der Kooperation auch die ganze Kommunikation in eine Kernkompetenz auszubauen, das Standortmarketing in einer eher konservativen Gemeinde aktiv umzusetzen. Dazu die Schaffung einer stabilen Finanzlage: Ich habe das Ressort Finanzen 2002 übernommen mit 6,5 Millionen Franken Netto-Schulden. Heute haben wir 3 Millionen Franken Netto-Vermögen.

Das trug Ihnen den Übernamen «Sparfuchs» ein.

Mit diesem Titel kann ich gut leben. Selbst kleinere Ausgaben müssen mit guten Argumenten belegt werden. Betriebswirtschaft habe ich schliesslich von der Pike auf gelernt. Ganz nebenbei konnten wir in meiner Amtszeit zweimal den Steuerfuss senken.

Und Niederlagen? Leibstadt verliert zum Beispiel seine Oberstufenschule.

Das sehe ich nicht als Niederlage. Dieser Schritt ist unumgänglich. Eine Konzentration scheint mir in der Schullandschaft ein Muss. Selbst wenn wir rund 400'000 Franken an Einnahmen jährlich verlieren.

Wie wird Christin Burger sich künftig in Debatten einbringen?

Als ganz normaler Bürger, mit einem konstruktiven Ansatz. Ich hoffe, das gelingt mir (lacht).

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