Endingen
Ammann Lukas Keller tritt ab: «Ich bin nicht amtsmüde, aber erleichtert»

Nach 18 Jahren im Gemeinderat tritt Ammann Lukas Keller heute ab. Er zieht Bilanz und hofft auf einen Aufstieg.

Andreas Fretz
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Blick in die Zukunft: Endingens abtretender Gemeindeammann Lukas Keller auf einer Sitzbank, die eines der zahlreichen Projekte seiner Amtszeit war. Chris Iseli

Blick in die Zukunft: Endingens abtretender Gemeindeammann Lukas Keller auf einer Sitzbank, die eines der zahlreichen Projekte seiner Amtszeit war. Chris Iseli

Chris Iseli

Lukas Keller empfängt uns im Gemeindehaus Endingen. Vor ihm liegen drei A4-Seiten mit der Überschrift «Gespräch mit Aargauer Zeitung – 27. April 2016, 10 Uhr». «Es war mir immer wichtig, gut vorbereitet zu sein», erklärt Keller und fügt mit einem herzhaften Lachen an: «Ich war es, der im Gemeinderat Endingen Power-Point-Präsentationen eingeführt hat.»

In seinen Notizen zum Abschlussgespräch stehen Sätze wie «Der Gemeinderat kann mit einem Zehnkämpfer verglichen werden» oder «Milizler können nicht perfekt, müssen aber authentisch sein».

Lukas Keller, Sie reiften 18 Jahre im Gemeinderat, davon 9 Jahre als Ammann. Sie gelten als Weinliebhaber: Mit welchem Wein würden Sie Ihre Amtszeit vergleichen?

Lukas Keller: Mit einem Endinger Barrique. Der ist gehaltvoll, übertönt nicht das Fass, ist ausgewogen und besitzt Charakter.

... und einen starken Abgang.

(Lacht)

Vielleicht können Sie an Ihrem letzten Arbeitstag anstossen. Die Handballer des TV Endingen können heute in die Nationalliga A aufsteigen. Das wäre ein schöner Abschluss.

Das wäre perfekt, ein wunderbarer Schlusspunkt. Ich werde am Spiel sein und die Daumen drücken. Als Gemeindeammann war es mir immer wichtig, die Leute auch emotional mitzunehmen. Deshalb wäre ein Aufstieg zum Abschluss das passende Sinnbild.

Lukas Keller

Der 57-Jährige ist Inhaber der Firma Keller Hoch- und Tiefbau AG mit 20 Mitarbeitenden. Keller ist verheiratet und Vater zweier Töchter und eines Sohnes. Seine Hobbys sind Kultur (Lesen, Konzerte), Wald und Bewegung.

Wie wichtig ist der TV Endingen für das Dorf?

Das ist schnell erklärt: Er ist unser Botschafter und trägt unseren Namen in die ganze Schweiz hinaus. Daneben hat der Sport eine grosse Bedeutung für die Bevölkerung im Allgemeinen und für die Jugend im Speziellen.

Heute ist Ihr letzter Tag im Amt. Überwiegt die Erleichterung oder die Wehmut?

Lukas Keller: Ganz eindeutig die Erleichterung. Man kann sogar von Freude reden. Ich habe meinen Rücktritt ja bereits im Herbst angekündigt und möchte nochmals betonen: Ich bin nicht amtsmüde, aber es ist der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören. Als offensichtlich wurde, dass mehrere Ratsmitglieder mit dem Gedanken spielten, aus ihrem Amt auszusteigen, war klar, dass dies gestaffelt geschehen muss, um den Gemeinderat nicht zu lähmen.

Gibt es weitere Gründe für den Rücktritt? Sie betonen ja, dass Sie nicht amtsmüde sind.

Andere Gründe gibt es nicht. Schon vor dem Zusammenschluss mit Unterendingen hatte ich diesen Gedanken. Wegen der Fusion 2014 habe ich noch einige Jahre drangehängt, um den Prozess zu begleiten und abzuschliessen. Und plötzlich sitzt man 18 Jahre im Gemeinderat. Durch die lange Amtszeit kumuliert sich viel Macht und Wissen. Das kann den Fortschritt und Neues verhindern.

Wieso bleiben Sie nicht bis zur Wahl Ihres Nachfolgers am 5. Juni im Amt?

Der Rücktritt per Ende April wurde bereits im Oktober geplant. Das stellt aber überhaupt kein Problem dar. Bis zur Amtsübergabe übernimmt Vizeammann Peter Keller die Ammann-Aufgaben.

Wo haben Sie als Ammann Spuren hinterlassen?

Das müssen andere beurteilen. Ich kann nur sagen, was für mich wichtig war. Im Amt gibt es für mich zwei entscheidende Komponenten. Einerseits die technischen Aufgaben eines Gemeinderates wie Sicherheit, Verwaltung, Strassen, Infrastruktur, Bildung. Das sind Aufgaben, die man als Gemeinderat beherrschen muss, die zum Handwerk gehören. Daneben gibt es die metaphysische, emotionale, sinnliche Ebene. Man muss die Leute erreichen, um eine gute Gesellschaft zu bilden. Der einstimmige Beschluss zur GoEasy-Halle oder die Investitionen in die Kultur und zu gesellschaftlichen Entwicklungen zeigen, dass dies in meiner Zeit geglückt ist.

Sie erwähnen nicht die Fusion von Endingen und Unterendingen?

Natürlich. Das ist das perfekte Beispiel, die Symbiose der technischen und metaphysischen Ebene. Die Zustimmung in der Bevölkerung war unfassbar hoch. Das war ein Vertrauensbeweis. Wobei ich in diesem Zusammenhang lieber von einer Heirat als von einer Fusion spreche. Nur wer sich sympathisch ist, heiratet.

Der Tiefpunkte Ihrer Amtszeit?

Das tödliche Busunglück im November 2014. Persönliche Dramen nehmen einen immer stark mit. Sonst erlebte ich nicht viele Tiefpunkte. Natürlich gibt es Auseinandersetzungen, wird man mit Vorwürfen konfrontiert. Das gehört dazu, wenn man sich als Gemeinderat exponiert.

Vom einstigen Surbtaler Ammänner-Trio mit Erwin Baumgartner und Kurt Schmid geht mit Ihnen nun der letzte. Wie steht es um das Projekt «Perspektive Surbtal»?

Es ist toll, was wir zusammen mit den Gemeinderäten mit Offenheit und Weitblick erreicht haben. Mit einfachen Mitteln haben wir das Machbare möglich gemacht. Die Bevölkerung hat in Endingen zu allen Kooperationen Ja gesagt. Nun geht es darum, das Bestehende zu konsolidieren. Die nächste Generation muss dem Sorge tragen und die weitere Entwicklung einleiten.

Gibt es konkrete weitere Projekte?

Die «Perspektive Surbtal»-Gemeinden Lengnau, Tegerfelden und Endingen streben das Label Energiestadt Surbtal an. Wir wären die erste Region, die dieses Label erhält. 2017 sollte es so weit sein.

Erwin Baumgartner ist inzwischen im Grossen Rat. Warum kandidieren Sie nicht bei der kommenden Wahl im Herbst?

Die Listen sind gemacht, mein Name steht nicht drauf. Es gab auch keine Überlegungen diesbezüglich. Aber mein Wesen braucht Aufgaben und Herausforderungen. So werde ich etwa das Projekt Doppeltür von Endinger Seite aus weiterbegleiten.

Was stellen Sie mit der gewonnenen Zeit an?

Ich werde in meinem Geschäft alles genauer, mit mehr Tiefe und Präzision erledigen. Als Gemeindeammann ist man ständig auf dem Sprung. Man muss aufpassen, dass man nicht oberflächlich wird. Und ich werde wohl etwas mehr zuhause sein.

Werden Sie es nicht vermissen, als Ammann die Gemeinde mitgestalten zu können?

Bestimmt. Ich habe den Job mit Herzblut und Engagement gemacht. Gerade die weitere Gestaltung des Dorfkerns hätte mir Freude bereitet. Nach der Schliessung von Weibel Möbel kehrt mit der Raiffeisenbank, der Papeterie, der Poststelle und der Apotheke wieder Leben ein. Der Gemeinderat hat diese Entwicklung aktiv mitbegleitet. Diesen Prozess hätte ich gerne weiter mitgestaltet.

Welche Herausforderungen warten auf Ihren Nachfolger?

Die Strassenraumgestaltung des Dorfkerns. Ganz allgemein die Weiterentwicklung des Dorfes, des Surbtals und des Zurzibiets. Er muss Visionen haben und an der Attraktivität der Gemeinde arbeiten. Bei den Finanzen gilt es, die Balance zu finden. Ich hatte das Ressort Finanzen 18 Jahre unter mir und 16-mal einen positiven Abschluss präsentieren können. Etwas traurig stimmt mich, dass während meiner Zeit die Raumplanung nicht zum Abschluss gekommen ist. Sie liegt nun auf und ist für die nächste «Gmeind» traktandiert.

Mit Ralf Werder ist ein erst kürzlich gewählter Gemeinderat der einzige Ammann-Kandidat.

Es ist die Idealbesetzung. Er war bereits von 2004 bis 2009 im Endinger Gemeinderat, hat dann aber aus beruflichen Gründen demissioniert. Er hat das nötige Know-how, ist hier geboren und geniesst den Rückhalt der Bevölkerung.

Neben Wein mögen Sie auch klassische Musik. Welches Stück oder welcher Komponist steht für Ihre Zukunft?

Da wähle ich den norwegischen Pianisten und Komponisten Edvard Grieg. Ich mag die zugleich berührende Melancholie sowie die imposante Wucht des Musikwerks Finlandia. Ebenso sind Jazz und Swing Steckenpferde meines Musikkonsums.

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