Bad Zurzach
Als Kindergärtner arbeitet er in einer Frauendomäne

Die Arbeit in der Fabrik war Jürg Steigmeier ein Gräuel, seit 30 Jahren ist er in einer Frauendomäne tätig. Dabei entdeckte er das Geschichtenerzählen und erhob es zur Kunstform.

Ursula Burgherr
Drucken
Teilen
«Männerfiguren sind in Kindergärten wichtig», sagt Jürg Steigmeier.

«Männerfiguren sind in Kindergärten wichtig», sagt Jürg Steigmeier.

ZVG

Über Frauen, die in sogenannte Männerdomänen einbrechen, liest man viel. Kaum aber über Männer mit Jobs, die früher fest in Frauenhand waren. Jürg Steigmeier ist seit 30 Jahren Kindergärtner in Bad Zurzach. Typen wie ihn, die sich in diesem Beruf schon so lange behaupten, kann man in der Schweiz an einer Hand abzählen. Seine Ausbildung wollte er nach einem Heimerzieherpraktikum am städtischen Kindergartenseminar in Luzern machen. Doch die nahmen gar keine männlichen Studenten auf.

So landete er schliesslich beim Kantonalen Seminar in Brugg, und war der absolute Solitär in einer Klasse mit 20 Damen. «Es gab nicht mal ein Herren-WC im Haus», erinnert sich Steigmeier und lacht. Trotz des grau melierten Bartes, den er trägt, wirkt er spitzbübisch und jungenhaft. Aber hin und wieder huscht kaum spürbar ein Schatten über sein Gesicht. «Ich gehöre zu den Menschen, die ewig auf der Suche sind», gibt er über sich preis und fügt hinzu, «das ist einerseits ein Geschenk und hält mich wach und kreativ; andererseits mache es auch manchmal Angst, weil ich mich nie irgendwo angekommen fühle und zurücklehnen kann.»

Stricken statt Fussballspielen

Jürg Steigmeier tickte immer etwas anders als andere: Seine erste Lehre als Maschinenzeichner in der BBC, wo schon Papa und Grosspapa tätig waren, schmiss er kurz vor dem Abschluss. «Ich fand die Arbeit in der Fabrik ein Gräuel», blickt der heutige 55-Jährige zurück. Das sah man gar nicht gern in seiner traditionellen Familie. Aber er pfiff auf Konventionen. Die Mama war Schneiderin und auch er strickte und nähte viel lieber, als mit den anderen Jungs Fussball zu spielen. Dann schlug das Schicksal hart zu. «Mein Bruder verunfallte tödlich, als ich 16 war. Drei Jahre später starb mein Vater», erzählt Steigmeier und wird für einen Moment sehr ernst und gefasst.

Seine Jugend bezeichnet er insgesamt als turbulent. Mittlerweile hat er selber einen Sohn und eine Tochter, von deren Mutter er aber geschieden ist. Sie sind beide erwachsen. Die Kids im Kindergarten halten ihn mit ihrer Neugier und Offenheit auf Trab. Für die meisten ist das Leben ein riesiger Abenteuerspielplatz, den es zu entdecken gilt. Kürzlich sagte ein Bub zu ihm: «Läck häsch’s du schön. Du chasch jede Tag mit üs spile, und min Papi muess go schaffe.»

«Männerfiguren sind in Kindergärten wichtig», findet Steigmeier, «vor allem beim zunehmenden Nachwuchs, der ohne Vater aufwächst.» Sein Beruf habe sich in den letzten 30 Jahren extrem verändert. Das Studium zum Lehrer für die Vorschulstufe (Kindergarten) und Primarlehrer wurde mittlerweile zusammengelegt. «Man hat die Funktion des Kindergartens aufgewertet und erkannt, dass auch er ein wichtiges Element im kindlichen Lernprozess ist», freut sich Steigmeier.

Gleichzeitig seien diverse Freiheiten verloren gegangen: «Wo man früher spontan agieren konnte, braucht es heute unzählige Bewilligungen. Alles wird mit Vorschriften zureglementiert, und die gesellschaftlichen Zwänge werden immer grösser. Wenn ich ein weinendes Kind in den Arm nehme, um es zu trösten, kann das schon Anstoss erwecken und zu Diskussionen wegen grenzwertigem Verhalten führen.»

Weil Steigmeier in seinem Kindergarten in Bad Zurzach viele Mädchen und Buben mit Migrationshintergrund hat, wollte er an Ostern und Weihnachten nicht immer dieselben christlichen Bibelgeschichten erzählen. Er begab sich im ganzen deutschsprachigen Raum auf die Suche nach weniger bekannten Sagen und Märchen mit ähnlichem Symbolgehalt. Dabei entdeckte er alte, teilweise heidnische Brauchtumsrituale, die heute noch gepflegt werden. Und, dass es nicht nur Storys für Kinder gibt, sondern auch für Erwachsene.

Erzählen als Kunstform

Je tiefer er eintauchte, desto mehr Material fand er. Jürg, der Geschichtenerzähler war geboren. «Vor 20 Jahren wurde ich in dieser neuen Funktion milde belächelt», meint er schmunzelnd, «heute gibt es bald keine Firma mehr, die nicht über Storytelling ihre Botschaft ans Publikum bringt.» Der Kindergärtner aus Bad Zurzach hat massgeblich dazu beigetragen, dass Geschichtenerzählen mittlerweile als eigenständige Kunstform respektiert wird.

Er arbeitet noch 70 Prozent im Kindergarten und ist sonst mit seiner heutigen Hauptberufung im ganzen deutschsprachigen Raum auf Achse. «Ich liebe das Zigeunerleben», bekundet er und bricht bereits wieder zu neuen Ufern auf. Denn Geschichtenerzählen ist mittlerweile auch ein wichtiges Mittel zur Sprachförderung geworden. Jürg Steigmeier will damit gegen die zunehmende Sprachverarmung kämpfen. «Auf diesem Gebiet passiert noch ganz viel in nächster Zeit», ist er sich gewiss.

Aktuelle Nachrichten