Bad Zurzach
Als Filmstar wider Willen stand Verkehrsrowdy vor Schranken

Einer, der zu schnell unterwegs war, stand vor dem Einzelrichter. In dem Strafbefehl stand geschrieben, dass Bruno mit 120 Sachen über den Berg gedonnert sei. Zum Richter sagte er, es seien höchstens deren 108 gewesen.

Rosmarie Mehlin
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Zu schnell unterwegs. (Symbolbild)

Zu schnell unterwegs. (Symbolbild)

Keystone

An einem Dienstag im März letzten Jahres war Bruno (Name geändert) um die Mittagszeit mit seinem Auto auf dem Zurziberg unterwegs. Eingangs Tegerfelden wurde er von zwei Polizisten gestoppt: Sie wollten ein Autogramm von ihm, denn Bruno war so etwas wie ein Filmstar. Allerdings hatte der 57-Jährige keine Ahnung davon und es gefiel ihm auch überhaupt nicht. Denn der Film hatte keinerlei Wert auf schauspielerisches Können gelegt, hingegen sehr viel auf automobilistisches Know-how. «Die Polizisten haben gesagt, ich müsse unterschreiben, dass ich zu schnell gefahren sei. Als ich nein ankreuzte, haben sie mich erpresst: Wenn ich auf dem Nein beharre, müsse ich mit auf den Posten, also habe ich ja hingeschrieben.»

Solches berichtete Bruno vor Einzelrichter Cyrill Kramer. Dorthin hatte es den Geschäftsinhaber verschlagen, weil er den Strafbefehl, der ihm im Juni dieses Jahres ins Haus geflattert war, nicht akzeptieren wollte. Darum hatte Bruno sich einen Anwalt genommen. Und zwar nicht irgendeinen, sondern einen, der als Verteidiger weitherum bekannt ist als «scharfer Hund».

Diskussionen um Geschwindigkeit

In dem Strafbefehl stand geschrieben, dass Bruno mit 120 Sachen über den Berg gedonnert sei. Zum Richter sagte er, es seien höchstens deren 108 gewesen. Wie er genau auf diese Zahl kam, offenbarte sich dem Zuhörer im Plädoyer des Verteidigers. Der bemerkte einleitend zunächst, dass derartige Fälle von der Staatsanwaltschaft dringend schneller bearbeitet werden müssten – worin der Richter mit ihm ganz und gar einig ist. Dann legte der Anwalt tüchtig los: Die 120 km/h seien Bruno nicht nachzuweisen. Er habe die Videoaufzeichnung x-mal angeschaut: Im Moment, als die Zahl 120 eingeblendet werde, sei das Fadenkreuz nicht auf dem Fahrzeug, sondern dahinter auf dem Strassenbelag. Damit gebe es keinen rechtsgenüglichen Nachweis und es müsse davon ausgegangen werden, dass Bruno nur 108 km/h auf dem Tacho gehabt habe. Das wiederum heisse, dass er nach Abzug der Sicherheitsmarge nicht 36 km/h, sondern nur deren 24 zu schnell unterwegs war. «Damit hat mein Mandant keine grobe, sondern nur eine einfache Fahrlässigkeit begangen, wofür er allenfalls mit einer Busse von 300 Franken zu bestrafen ist.»

Der Staatsanwalt hatte eine bedingte Geldstrafe von 1650 Franken und 1000 Franken Busse beantragt. Es dürfte Bruno aber bedeutend weniger ums Geld gegangen sein als ums Billett, das bei einem groben Vergehen vom Strassenverkehrsamt mindestens drei Monate einkassiert wird. Bevor sich der Richter mit seinem Schreiber zur Urteilsberatung zurückzog, machte er dem Beschuldigten und seinem Anwalt das Angebot, die Einsprache noch zurückzuziehen: «Dann müssten Sie keine Gerichtskosten bezahlen.» Das Angebot wurde schnöde abgelehnt.

«Ich nehme an, Sie werden das Heil in der zweiten Instanz suchen», stellte der Richter fest, noch bevor er den Entscheid bekannt gab. Und natürlich machte der Anwalt seinem Ruf alle Ehre und doppelte verbissen nach: «Allenfalls am Bundesgericht!» Nun, die erste Instanz hat Bruno gemäss Strafbefehl verurteilt. Dazu gesellen sich noch 800 Franken Verfahrenskosten. «Das Fadenkreuz war im Zeitpunkt der Messung eindeutig auf Brunos Fahrzeug», so Kramer. Das sei filmisch zweifelsfrei dokumentiert. Denn Fakt ist, dass zwischen dem Moment der Messung und dem Einblenden des Ergebnisses eine bis zwei Sekunden vergehen. In dieser Zeit entfernt sich das Fahrzeug zwischen drei und sechs Meter vom starr fixierten Fadenkreuz.