Blick ins Zurzibiet
Als der Aettirüedi grausam Rache nahm

Ursula Hürzeler
Ursula Hürzeler
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Der Ättirüedi an der Zurzacher Fasnacht im Jahr 2012.

Der Ättirüedi an der Zurzacher Fasnacht im Jahr 2012.

Angelo Zambelli

Waren Sie an der Zurzi-Lätschete und haben trotz klirrender Kälte bitterlich den allzu frühen Tod von Prinz Karneval beweint? Chapeau! Ich hab’ s dieses Jahr wieder nicht zum Trauerzug geschafft. Hatte ohne den Blick auf den Kalender Gäste auf den Aschermittwoch eingeladen. Früher wäre mir das nie passiert. Närrische Tage waren heilige Tage.

Das begann selbstverständlich schon am Schmutzigen Donnerstag. Als kleiner Knopf an die Chesslete zu gehen, war Pflicht. Aber noch mehr Abenteuer! Wann kann man schliesslich als Kind zu nachtschlafener Stunde schon allein aus dem Haus gehen und sich mit andern treffen, lärmen und Schabernack treiben? Die Kuhglocken liehen wir uns jeweils beim Bauern Hort aus. Der betrieb an der Pfauengasse im Oberflecken einen Hof mit einem Dutzend Kühen, die er regelmässig auf der Wiese neben unserem Haus weiden liess. So konnten wir das Jahr über in aller Ruhe die Glockenmodelle nach Grösse und Geläut studieren. Wobei natürlich klar war, dass die lautesten und schwersten Glocken den ältesten Kindern vorbehalten waren. Aber lärmen lässt sich schliesslich auch mit alten Pfannendeckeln, Büchsen, Kochlöffeln oder Trillerpfeifen. Es war jedenfalls ein Mordsgaudi, und da wir Kinder auch die Leute in der neuen Siedlung «Entwiese» wecken wollten, mussten wir ordentliche Strecken zurücklegen. Die heissen Servelas beim Metzger Untersander zum Abschluss der Chesslete waren jedenfalls mehr als verdient! Und manchmal spendierte der benachbarte Bäcker nicht nur das Büürli dazu, sondern auch noch einen Nussgipfel.

Wenn ich schon bei den kleinsten Fasnächtlern bin: Verkleiden war immer das Grösste. Wahrscheinlich gab’s auch in den 50er- und 60er-Jahren fixfertige Kostüme zu kaufen, doch dafür fehlte uns das Geld. Wir bastelten und «schnurpften» lieber selbst etwas zusammen. Erst bei der Räumung meines Elternhauses habe ich vor wenigen Jahren noch zwei wunderbar bemalte Holzschilder samt indianischem Federschmuck entdeckt. Meine Patenkinder in Berlin haben sich sehr darüber gefreut!

In Deutschland gibt’s bei den Faschings- und Karnevals-Umzügen ja hauptsächlich Kamellen, also Schleckzeug. Dass das Angebot bei unserem Aettirüedi in Zurzach vielfältiger war, fand ich immer toll. Bis mich eine Orange direkt an den Kopf traf... Überhaupt war der Aettirüedi nicht gerade der Sanfteste: Wenn ihn die Kinder zu sehr neckten, konnte er mit seinem Stecken bei den Fleckenbrunnen grausam Rache nehmen. Vor allem Knaben waren danach pflotschnass.

Lustigerweise sind mir die Maskenbälle im Gemeindesaal viel weniger präsent. Schon eher noch das Drumherum. Dazu gehörte das stundenlange Werweissen unter Freundinnen, ob man überhaupt gehen solle, obwohl klar war, dass wir spätestens um 22 Uhr eiligst ein paar Hudel samt Larven zusammensuchen würden, um uns danach ins Getümmel zu stürzen.

Vorbei. Die kläglichen Reste von Prinz Karneval sind versunken im Rhein. Aber wenn Sie jetzt finden, ich käme mit meinem Text heute auch gar wie die alte Fasnacht daher. Irrtum: «Wir» hier in Bern sind mit den Guggen und Schnitzelbänken noch mittendrin! Erst vorgestern ist der Fasnachtsbär aus dem Chäfigturm befreit worden! Und er wird sich mit tausenden Narren unter den Lauben noch bis Sonntagnacht austoben. Länger geht nicht. Pünktlich um 4 am Montag beginnt in Basel schliesslich der Morgestraich!

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