Böttstein
875 Einwohner, 500 Arbeitsplätze: Neues Quartier am Naturparadies Klingnauer Stausee rückt wichtigen Schritt näher

Die für das neue Quartier Grossacher im Böttsteiner Ortsteil Kleindöttingen nötige Änderung des Zonenplans liegt nun öffentlich auf. Im Quartier könnten dereinst 875 Personen wohnen und 500 Personen Arbeit finden.

Daniel Vizentini
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Statt Kieswerk und Industriehallen neu Wohnungen und Gewerbe: So könnte es dereinst aussehen auf dem Gebiet Grossacher in Kleindöttingen.

Statt Kieswerk und Industriehallen neu Wohnungen und Gewerbe: So könnte es dereinst aussehen auf dem Gebiet Grossacher in Kleindöttingen.

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Vom Einfamilienhäuschen mit Blick auf den Stausee über die Siedlungswohnung bis zum kleinen Geschäft, Büros oder sonstigem Gewerbe: Im Gebiet Grossacher im Böttstemer Ortsteil Kleindöttingen, zwischen Industriepark und Naturschutzgebiet gelegen, soll ein neues Viertel entstehen samt Quartierladen und vielleicht eigenem Kindergarten. Das Vorhaben ist nicht neu: Vergangenen März wurde es bereits der Öffentlichkeit vorgestellt. Über 50 Personen nahmen am damaligen Informationsevent teil, sechs brachten im anschliessenden Mitwirkungsverfahren ihre Anliegen ein. Nun liegt die für das Projekt nötige Teiländerung der Bau- und Nutzungsordnung bis zum 11. Februar öffentlich auf, gemäss Gemeindeammann Patrick Gosteli (SVP) mit nur minimalen Anpassungen. So wurden etwa die Gebiete definiert, auf denen grössere Bauten errichtet werden können. Direkt am Stausee ist weiterhin eine Fassadenhöhe von maximal 7,5 Metern vorgesehen, sonst liege die Höhe bei 16 Metern und an zwei bis drei Stellen könnten Gebäude von bis zu 28 Meter Höhe zu stehen kommen. Geplant waren zuvor 30 Meter; derzeit darf man auf dem ganzen Areal maximal 12 Meter hoch bauen.

Im Gegenzug verpflichtet die Gemeinde den Bauherrn zu einer qualitativ besseren Überbauung. Er kann zwar an einzelnen Stellen höher bauen, muss aber als ökologischen Ausgleich mindestens zehn Prozent des Areals als Grünfläche beibehalten. Verlangt werden konkret drei grüne Landstreifen zwischen den jeweiligen Gebäudekomplexen. Dazu sei ein «sensibler Umgang mit dem Gebiet des Stausee-Dekrets» verankert, sprich: Sanfte Übergänge zwischen Beton und Natur sind Pflicht.

Vorgegeben ist auch ein öffentlicher Zugang zum Stausee. Nicht zwingend, da ausserhalb des Perimeters der Umzonung gelegen, ist der Bau eines kleinen Uferparks als Übergang zum benachbarten Birdlife-Naturzentrum. Die kleine Fläche ist bereits geschützt, der Bauherr könnte damit die Überbauung attraktiver gestalten.

Das ist ein Glücksfall für den ganzen Bezirk Zurzach.

(Quelle: Patrick Gosteli, Gemeindeammann)

Je nach dem, wie gebaut wird, könnten bis zu 875 Menschen im neuen Quartier einziehen. Verankert ist ein Wohnanteil von 40 bis 80 Prozent gegenüber dem Anteil Gewerbe. Zuvor waren es 30 bis 70 Prozent. Parkplätze sollen zudem vorwiegend unterirdisch zu stehen kommen. «Wir wollen eine hochwertige Entwicklung fördern», sagt Patrick Gosteli.

Explizit keine Tankstellen

Gemäss der «Botschaft» wurden im Projekt weitere Punkte präzisiert, etwa dass zwar «mässig störendes Gewerbe» erlaubt sei, aber explizit keine Tankstellen. Offene Lagerflächen sollen ebenfalls verboten werden. Mindestens drei Bauetappen sind vorgegeben. So könne die Gemeinde mithalten und Schritt für Schritt die benötigte Infrastruktur bereitstellen. Es werden nicht auf einen Schlag 1000 Leute mehr in Kleindöttingen verkehren. «Wir werden nicht überrannt», sagt Patrick Gosteli. Ist denn überhaupt eine Nachfrage nach so viel Wohn- und Gewerberaum da? Voraussehbar sei dies nicht, sagt er, zumal das ganze Projekt frühestens 2033 fertiggestellt werde. Nach der Überbauung im Gebiet Schwächeler vor wenigen Jahren sei die Gemeinde aber rasch um 300 Einwohner gewachsen. «Das Projekt Grossacher gibt uns nun die Möglichkeit für einen Nachschub», sagt er. Der Gemeinderat schätze es deshalb als eine «sehr grosse Chance für eine attraktive Siedlungsentwicklung über 20 Jahre» ein und spricht sogar von einem «Glücksfall für den ganzen Bezirk». Eine derart grosse Baufläche von rund acht Hektaren gäbe es kaum mehr in der Region.

Generell kaum Widerstand

Läuft alles nach Plan, wird das angenommene Vorhaben an der Gemeindeversammlung im Sommer vorgestellt. Die konkreten Gestaltungspläne und das Baugesuch kämen dann später. Nach Auszug des Holcim-Kieswerks 2021 könne gebaut werden, in drei möglichen Etappen bis zu den Jahren 2023, 2028 und 2033.

Widerstand zeigt sich bisher kaum. Pro Natura Aargau etwa hat sich gemäss Geschäftsführer Johannes Jenny das Projekt noch nicht angeschaut. Es sei aber sicher positiv, wenn ein bereits eingezontes Gebiet bebaut werde und keine grüne Wiese, sagt er. Die Überbauung käme gleich neben dem Birdlife-Naturzentrum zu stehen. Beim Verband Birdlife Aargau sowie dem Naturschutzverein Aare-Rhein wollte gestern niemand Stellung nehmen.

Der Klingnauer Stausee im Porträt: Die Bevölkerung des Unteren Aaretals weiss nur zu gut, dass man in der Naturperle die Seele baumeln lassen kann.
29 Bilder
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Für Vogelkundler (Ornithologen) ist der Klingnauer Stausee ist Begriff – man trifft sie fast täglich hier an.
Zuletzt sorgte der Klingnauer Stausee mehrfach für Schlagzeilen, weil wegen der Verlandung (durch angeschwemmte Sedimente) viel Material ausgebaggert werden soll.
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Blick auf das Vogelparadies Klingnauer Stausee von Kleindöttingen her. Klingnau liegt auf der anderen Seeseite.
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Blick auf den Klingnauer Stausee mit Döttingen (links), Klingnau (Mitte) und dem AKW Leibstadt (im Hintergrund).
Der Klingnauer Stausee gilt als Naturparadies.
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Eine Rostgans geniesst das Bad im Klingnauer Stausee...
..., wie auch dieses Bild zeigt.
Seltener Gast. Ein Löffler rastet am Klingnauer Stausee.
Für seinen Zurzibiet-2015-Kalender hat der Zurzacher Zeichner Andreas Güntensperger dieses Bild vom Klingnauer Stausee mit Döttingen im Hintergrund gezeichnet.
Weisse Pracht: Ein Seidenreiher auf der Jagd am Klingnauer Stausee.
Auf Klingnauer Seite befindet sich das Naturschutzgebiet Machme, wo Wasserbüffel zeitweise leben und grasen.
Ein Alpenstrandläufer am Klingnauer Stausee auf Futtersuche.
Einfach schön: Die Skyline am Klingnauer Stausee.
Eine Anlegestelle mit einem Boot der Klingnauer Pontoniere. Sie trainieren allerdings nicht auf dem Stausee, sondern unterhalb des Wasserkraftwerks.
Eine der vielen gefiederten Schönheiten am Naturparadies: Eine Kolbente (Männchen).
Blick vom Winzerdorf Döttingen auf Reben, Klingnau und den Klingnauer Stausee.
An Silvester findet alljährlich der Gippinger Stauseelauf statt: Hunderte Läufer nehmen jeweils daran teil.

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