Klingnau
775 Jahre Klingnau: Grenzerfahrungen zu Land und auf dem Wasser

Grossaufmarsch zum 775. Geburtstag. An der originellen Grenztour am Samstag nahmen rund 300 Personen teil. Bei der Städtlibesichtigung verzeichneten die Organisatoren dann rund 500 Besucher.

Hans Lüthi und Philipp Zimmermann
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Die Grenztour im Ponton auf der Aare und dem Klingnauer Stausee, mit dem Kraftwerk im Hintergrund
33 Bilder
Vizeamman Stefan Zurbuchen heisst die Wanderer beim Pontonierhaus Klingnau willkommen
Die OK-Präsidentin Elvira Mrose begrüsst die Grenzwanderer beim Pontonierhaus Klingnau
OK-Präsidentin Elvira Mrose begrüsst die Grenzwanderer beim Pontonierhaus Klingnau
Steiler Anstieg der ersten Gruppe an der Grenze zu Döttingen
Grenzstein zu Döttingen und Bad Zurzach mit Gruppenleiter Franz Meier (rechts).
Die ersten Gruppen machen Pause bei der Loretto-Kapelle auf dem Achenberg
775 Jahre Klingnau: Grenzerfahrungen zu Land und auf dem Wasser
Im Rittersaal lädt eine Foto-Ausstellung zum Erinnern und Entdecken ein.
Die Bilder ziehen auch die Blicke von Kindern auf sich.
Die Fotoausstellung wird gut besucht.
Die Klingnauer Fasnacht hat eine lange Tradition.
Das Wappenfries im ersten Stock von Schloss Klingnau wurde bei der Sanierung vor 25 Jahren freigelegt, wie Alex Höchli erklärt.
Der Tauschvertrag im Original ist am Jubiläumstag im Schloss zu sehen.
Dieses Modell von Schloss Klingnau zeigt, wie es um 1700 ausgesehen hat.
Das Zimmer der Schützengesellschaft, die im Jahr 1410 gegründet wurde und ihr Gründungsdokument noch besitzt.
Das Zimmer der Schützengesellschaft aus leicht anderer Perspektive.
Der obere Saal: Hier lebten vor einigen Jahrzehnten italienische Gastarbeiter. Beim Städtlifest 1977 befand sich hier die Spaghettistube. Später war der Saal aus Sicherheitsgründen gesperrt.
Blick aus einem Schlossfenster ins Städtchen
Das Turmzimmer im dritten Stock, es wird nicht genutzt.
Im obersten Turmzimmer lebt eine grosse Kolonie von Turmdohlen
Eine Gruppe auf ihrer Städtlibesichtigungstour.
Gemeinderat Felix Lang (rechts) mit einer Gruppe auf Städtlibesichtigungstour.
Im Ysenhut-Keller, 7 Meter unter Erdboden, liegen zwei Fassbalken von 1578. Auf den Balken wurden früher Weinfässer gelagert. Die Balken sind so lang, dass man sich fragt, wie sie in den Keller geschafft wurden. Des Rätsels Lösung: Sie Balken den Grossbrand von 1883. Das Haus wurde danach nicht mehr so tief und ohne Rampenzugang zum Keller aufgebaut.
Der «Ysenhut»-Gewölbekeller an der Schattengasse.
Ein verborgenes Schmuckstück: Der Gewölbekeller der Familie Vogel unterhalb des Städtlicoiffeurs.
Eine Gruppe in der Unterstadtgasse auf dem Weg zum Rebstock-Keller, in dem sich heute das der Club Mistero (ehemals Rebstock-Dancing) befindet.
Der Rebstock-Gewölbekeller, der in den 80er-Jahren ausgebaut und zu einem Dancing wurde. Heute befindet sich hier der Club Mistero.
Diese Gruppe läuft durch die Kathatrinengasse entlang.
Das Bohlerhaus dürfte 1492 gebaut worden sein. Es wurde bei den grossen Bränden verschont, weil es ausserhalb der Stadtmauer stand. Das Bohlerhaus ist das frühere Amtshaus der Abtei St. Blasien. Es ist im Besitz der Gemeinde und zurzeit nicht bewohnbar.
Der Dachstock des Bohlerhauses.
Am Samstag ist das Städtchen nicht nur geschmückt, sondern auch für den Verkehr gesperrt.
Vor dem Schloss befand sich der Start für die Städtlibesichtigungstouren.

Die Grenztour im Ponton auf der Aare und dem Klingnauer Stausee, mit dem Kraftwerk im Hintergrund

Hans Lüthi

Trotz hohem Alter der 14. und untersten Stadt an der Aare feiern die Klingnauer gerne Jubiläuen. Nach 750 Jahren jetzt schon den 775. Geburtstag. Fazit vorneweg: Der riesige Aufwand eines OK unter Gemeinderätin Elvira Mrose hat sich mehr als gelohnt: Zur 14 Kilometer langen Grenztour kamen 300 Wanderer und damit fast 10 Prozent der 3300 Einwohner. Bei der Städtlibesichtigung wurden die Organisatoren von 500 Besucher fast überrannt.

Steiler Anstieg der ersten Gruppe an der Grenze zu Döttingen

Steiler Anstieg der ersten Gruppe an der Grenze zu Döttingen

Hans Lüthi

Bei typischem Herbstnebel zogen die Grenztouristen beim Pontonierhaus los, in Gruppen hinaus auf den Staudamm nach Döttingen. Auf die Reise hatte sie Vizeammann Stefan Zurbuchen geschickt, weil Peter Bühlmann aus gesundheitlichen Gründen als Ammann hatte zurücktreten müssen. Als Geburtstagsgeschenk der Nachbarn übergab der Rietheimer Ammann Beat Rudolf drei junge Eichen, denen er einen würdigen Platz im Städtli wünschte. «Klingnau ist die glücklichste Stadt, weil sie die freundlichsten Nachbarn hat», meinte Rudolf spitzbübisch.

Häuser genau auf der Grenze

Kaum richtig warm gelaufen, kamen auch schon die ersten Hindernisse und erforderten Abstriche vom hehren Ziel, genau der Grenzlinie folgen zu wollen. Bald standen Häuser im Weg, bei denen das Wohnzimmer in Döttingen und die Küche in Klingnau liegt – oder umgekehrt. Minimale Umwege nahm man auch im Aufstieg zum Achenberg in Kauf, dort, wo die Grenze mitten im Bachbett verläuft. Sonst aber ging es teils sehr steil bergwärts, auf nassem Gras und Lehm oft rutschig. Immerhin waren bis zur Pause bei der Loretto-Kapelle auf dem Achenberg 300 Höhenmeter zu überwinden.

Loreto-Kapelle auf dem Achenberg – hier machten die Wandernden Pause.

Loreto-Kapelle auf dem Achenberg – hier machten die Wandernden Pause.

Angelo Zambelli

Höhepunkt auf dem Wasser

Bei kurzen Halten an den frei gelegten Marksteinen erklärten die Gruppenleiter den Grenzverlauf zu Döttingen, Bad Zurzach, Rietheim, Koblenz, Leuggern und Böttstein-Kleindöttingen. Die Hälfte der Tour ging durch Wälder, vielfach im Dickicht ohne Chance auf ein Durchkommen. Hätte da nicht der Organisator und frühere Förster Hans Brönnimann für die nötigen Schneisen gesorgt. Die Böden waren teils glitschig, wer keine Wanderschuhe trug – selber schuld.

Im Rittersaal lädt eine Foto-Ausstellung zum Erinnern und Entdecken ein.

Im Rittersaal lädt eine Foto-Ausstellung zum Erinnern und Entdecken ein.

Philipp Zimmermann

Mit Blick Richtung Schwarzwald ging es jetzt in wunderbarer Herbstsonne hinunter zum Kraftwerk und zum Höhepunkt einer unvergesslichen Grenzerfahrung: Per Ponton die Aare hoch, denn die Grenze zu den südlichen Nachbarn befindet sich auf 3,5 Kilometern mitten im alten Flussbett des heutigen Klingnauer Stausees. Die erste Gruppe mit Franz Meier kam nach genau vier Stunden ans Ziel, die übrigen früh genug, um bei Traumwetter den Festbetrieb im Schloss voll geniessen zu können.

Der grosse Brand von 1586

Nachmittags zogen Gruppen durchs geschmückte und für den Verkehr gesperrte Städtchen. Sie erhielten Einblicke in einen Hinterhof, Gewölbekeller oder in einen Bürgerhaus-Dachstock (vom Bohlerhaus), in dem 1491/92 geschlagenes Eichenholz verarbeitet ist. Und sie erfuhren Wissenswertes aus der Stadtgeschichte. Dem grössten Brand von 1586 fielen 43 Häuser zum Opfer.

Das Wappenfries im ersten Stock von Schloss Klingnau wurde bei der Sanierung vor 25 Jahren freigelegt, wie Alex Höchli erklärt.

Das Wappenfries im ersten Stock von Schloss Klingnau wurde bei der Sanierung vor 25 Jahren freigelegt, wie Alex Höchli erklärt.

Philipp Zimmermann

30 Jahre dauerte der Wiederaufbau. Doch nicht nur Brände haben das Städtchen im Lauf der Zeit das Aussehen des Städtchens verändert. Der obere Turm zwischen Warteck und Schollenhof (ehemaliges «Botschaft»-Gebäude) wurde im 19. Jahrhundert auf Begehren des kantonalen Strasseninspektorats abgerissen.

Im Schlosshof luden zahlreiche Sitzgelegenheiten zum Ausruhen, Verweilen und Plaudern ein. Die Helfer, die für das kulinarische Wohl sorgten, hatten einiges zu tun. In der Fotoausstellung im Rittersaal mit zahlreichen Bildern aus verschiedensten Bereichen wurden Erinnerungen wach oder die Neugier geweckt. Auch hier verging die Zeit fast wie im Fluge.

Der Tauschvertrag im Original ist am Jubiläumstag im Schloss zu sehen.

Der Tauschvertrag im Original ist am Jubiläumstag im Schloss zu sehen.

Philipp Zimmermann

Höhepunkt der Schlossführung war der Anblick des Original-Tauschvertrags vom 26. Dezember 1239, der als Gründungsurkunde gilt. Wegen ihr stand ein Securitas-Mann Wache. Stadtgründer Ulrich von Klingen hatte den Schotterhügel, auf dem Klingnau liegt, gegen die Beznau-Ländereien getauscht. «Da hat er einen Fehler gemacht», meinte Alex Höchli, einer der Führer, scherzend und in Anspielung auf die Axpo-Steuermillionen, die der Nachbar Döttingen als AKW-Standortgemeinde seit einigen Jahren erhält.

zvg