Döttingen
50 Jahre Kernkraftwerk Beznau: Die Axpo feiert das Jubiläum mit einem Buch

Das Werk erzählt Geschichten aus drei Mitarbeiter-Generationen. Die Vernissage in der Stanzerei Baden fand im Beisein von zwei Beznau-Insulanern statt.

Hans Lüthi
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Beznau-Insulaner im Gespräch: Moderator Marco Canonica bei der Buchvernissage in der Stanzerei Baden mit Jenny Küpper, Hampe Meier, Roger Gampp und Autor Steven Schneider (von links).

Beznau-Insulaner im Gespräch: Moderator Marco Canonica bei der Buchvernissage in der Stanzerei Baden mit Jenny Küpper, Hampe Meier, Roger Gampp und Autor Steven Schneider (von links).

Alex Spichale

Wenn sie von ihrer Insel schwärmen, denkt man an Sonne, blaues Meer, Sandstrand, Palmen. Mit dem Buch «Wir von der Insel» beleuchten die Mitarbeiter jedoch ihren ungewöhnlichen Arbeitsplatz beim Stromkonzern Axpo auf der Beznau-Insel. Kurz nach der Mondlandung blickte die Schweiz im Herbst 1969 auf das untere Aaretal.

Das erste Schweizer Atomkraftwerk ging in Betrieb, im Frühling 1972 folgte schon der zweite Block in der Beznau. Die zweimal 365 Megawatt Leistung läuteten eine neue Dimen-
sion ein; landesweite Industrie- und Technikgeschichte wurde geschrieben. Auf einen Schlag standen zehn Prozent des Schweizer Strombedarfs Tag und Nacht zur Verfügung.

Oktober 1966: Luftbild der grossen AKW-Baustelle Die Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) entschieden sich 1964 für die Kernenergie. Auf einer künstlichen Insel in der Aare auf Gemeindegebiet von Döttingen wird danach das Atomkraftwerk Beznau gebaut. Das Bild oben ist eine Luftaufnahme von Süden aus dem Jahr 1966, es zeigt das erste Reaktorgebäude (orange) im Bau.
4 Bilder
Oktober 1967: Arbeiten im Reaktorgebäude von Block 1 Nach ungefähr einem Jahr Bauzeit ist das Reaktorgebäude von Block 1 oben bereits mit einer Kuppel geschlossen. Die Aufnahme oben entstand im Rahmen einer Baureportage der Fotoagentur Comet im Herbst 1967. Sie zeigt Arbeiter im Gebäude, wo später der Druckwassereaktor mit 365 Megawatt Leistung installiert wird.
Dezember 1967: Lieferung des ersten Atomreaktors Das Herzstück des Kraftwerks wird angeliefert: Ende 1697 rollt der erste Reaktor in seiner stählernen Schutzhülle auf das Gelände des AKW Beznau (im Bild rechts) Transportiert wird das rund 150 Tonnen schwere Metallgefäss aus der französischen Schmiede Creusot auf einem speziellen Tieflader der Firma Welti-Furrer.
Mai 1970: Der offizielle Termin der Eröffnung Am 6. September 1969 ging das AKW Beznau für ein Versuchsprogramm ans Netz, am 9. Dezember desselben Jahres nahm das Kraftwerk den regulären Betrieb auf. Die offizielle Eröffnung fand erst im darauffolgenden Frühling statt, das Bild vom 12. Mai 1970 zeigt der Bundesrat Ernst Brugger (vorne) im Kommandoraum des AKW.

Oktober 1966: Luftbild der grossen AKW-Baustelle Die Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) entschieden sich 1964 für die Kernenergie. Auf einer künstlichen Insel in der Aare auf Gemeindegebiet von Döttingen wird danach das Atomkraftwerk Beznau gebaut. Das Bild oben ist eine Luftaufnahme von Süden aus dem Jahr 1966, es zeigt das erste Reaktorgebäude (orange) im Bau.

ETH-Bildarchiv

Die neue Technik war überall hoch willkommen, selbst Naturschützer spendeten viel Beifall. Die Atomkraft sollte den wachsenden Energiehunger stillen, ohne weiter Bäche und Flüsse kanalisieren zu müssen. Und die zunehmend verschmutzte Luft konnte von CO2 entlastet werden.

Vom Atomrausch in den Kater

Das ist gut gelungen: In 50 Jahren hat das Kernkraftwerk Beznau 300 Millionen Tonnen CO2 eingespart, verglichen mit der durch Kohle erzeugten Wärme. Der Wachstumwahn endete im Lauf der Zeit im Kater: Mit den Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima kam die Atomenergie auch bei uns in Verruf.

Beznau 3 war schon in Planung, bis das Volk mit dem Ausstieg den Stecker endgültig zog. Eindrücklich dokumentiert das Buch, wie die Insel-Menschen den Beznau-Spirit täglich pflegen, obwohl die bewunderten Pioniere längst mit Kritik und Anfeindungen leben müssen.

Buchautor Steven Schneider aus Bad Zurzach lernte eine ihm vorher unbekannte Welt kennen und staunte: Statt Technokraten traf er «fröhliche und lustige Leute, die immer gut drauf sind».

Moderator Marco Canonica liess bei der Buch-Vernissage in der Stanzerei Baden zwei Insulaner aus der Seele sprechen: Hampe Meier, der zur ersten Mitarbeiter-Generation zählte und 44 Jahre hier arbeitete.

Roger Gampp, der wie alle Beznauer damit lebte, wenn die Zentrale in Baden sie mitunter als Bremser und eigenwilliges Völklein einstufte.

«Leben auf der Insel»

50 Jahre KKB, erscheint ab Oktober im Buchhandel zum Preis von 49 Franken plus Porto. Herausgeberin: Axpo-Holding AG.

Kernenergie-Leiter: Beznau wohl bis im Jahr 2030 in Betrieb

Für die Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) waren die zwei Beznau-Blöcke jahrzehntelang eine goldene Milchkuh, die fast pausenlos günstigen Strom lieferte. Für die Axpo kam in den letzten Jahren Sand ins Getriebe.

Die Strompreise fielen in den Keller und der drei Jahre lange Ausfall von Block 1 kostete das Unternehmen 340 Millionen Franken. Doch die Mannschaft wertet es als grosse Leistung, weil das Werk nach dem Start im Frühjahr 2018 während 400 Tagen ohne Unterbruch lief.

Doch wie lange produziert das älteste Atomkraftwerk der Schweiz noch? Diese Kernfrage stellte Canonica dem Leiter der Axpo-Kernenergie, Willibald Kohlpaintner. Antwort: «Sicher bis 2030, die 60 Jahre wollen wir erreichen.»

Heute sei die Klimadiskussion in vollem Gang, aber über die wichtigste Lösung werde nicht gesprochen, meinte er, den Plänen für ein neues Kraftwerk nachtrauernd.

Die Inselwelt Beznau hat auch die dritte Generation gepackt. Nach Jahren am Hauptsitz war es für Jenny Küpper wie eine Heimkehr. Sie gehört zum Stilllegungsprojekt Heron, «wir müssen bereit sein, ob in fünf oder zehn Jahren abgeschaltet wird», schreibt sie im Buch. Psychologisch werde der Abbruch schwierig sein.

Das Buch lebt vom Bezug zur Region

Das grossformatige Beznau-Buch springt durch ein spezielles Titelbild ins Auge, ein Schrank mit Dosimetern der Mitarbeitenden. Der Umgang mit Radioaktivität gehört zum Alltag im Unternehmen.

Das Buch lebt von imposanten Bildern, beim Spatenstich am 6. September 1965 steht noch der alte Bauernhof, dahinter das älteste Flusswasser-Kraftwerk der Schweiz. Dem Autor ist es ausgezeichnet gelungen, Menschen jeden Alters aus der Seele sprechen zu lassen. Eine starke Verankerung in der Region zieht sich als roter Faden über alle Kapitel.

Denn die Beznauer haben auch ein Leben neben dem Beruf, in Familie, Vereinen, Behörden, als Freunde und Kollegen von den Pontonieren bis zur Stadtmusik Klingnau. «Verkannt in der Fremde, zu Hause geliebt», steht im Kapital Heimspiel – das trifft den Nagel genau auf den Kopf. Interviews und eine minuziöse Schilderung der Jahres-Revision zeigen dem Leser, wie die Leute auf der Insel ticken.

Dass sie ihre Arbeit lieben, zeigt das regelmässige Treffen der Pensionierten im «Sternen» Würenlingen: Manch einer schwärmt dabei, die Beznau-Zeit sei die schönste seines Lebens gewesen. Hervorragend sind die oft ganzseitigen Farbbilder von Fotograf Daniel Werder aus Kirchdorf.