Lengnau
150 Jahre werden mit einer Vereins-Chronik gefeiert

Alt-Gemeindeammann Kurt Schmid hat das 150-jährige Bestehen der Schützengesellschaft Lengnau dokumentiert.

Rosmarie Mehlin
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Alt-Gemeindeammann Kurt Schmid, seit über 40 Jahre selbst Schütze und inzwischen Ehrenmitglied der Schützengesellschaft Lengnau, hat eine Chronik verfasst.

Alt-Gemeindeammann Kurt Schmid, seit über 40 Jahre selbst Schütze und inzwischen Ehrenmitglied der Schützengesellschaft Lengnau, hat eine Chronik verfasst.

Claudio Thoma / zvg / Montage: kob

Die stark wachsende Bevölkerung, die industrielle Revolution und die verkehrsmässige Erschliessung unseres Landes im fortschreitenden 19. Jahrhundert schlugen sich auch in der kulturellen Entfaltung nieder. So wurde in Lengnau 1835 als erster Dorfverein die Musikgesellschaft gegründet, dem folgte 1852 die Gründung des Männerchors.

Als 1869 die Feldschützengesellschaft ins Leben gerufen wurde, war eine wichtige Voraussetzung für das noch kleine Bauerndorf, das ab 1848 die Ordonanzwaffen für das freiwillige Schiesswesen zur Verfügung stellte. Doch, kaum gegründet, wurde der Verein auch schon gebüsst: «Die Feldschützengesellschaft wird verklagt, weil sie im Wald junge Eschen beschädigt hat, und mit 4 Franken gebüsst», ist in den Annalen von 1869 vermerkt.

1912 erreichte die «Gruppe Freier Schiessverein Lengnau» am Ehr- und Freischiessen Weichach den ersten Rang. Stehend von links: unbekannt, Franz Köfer, Eugen Widmer, unbekannt; kniend von links: Anton Laube, unbekannt.

1912 erreichte die «Gruppe Freier Schiessverein Lengnau» am Ehr- und Freischiessen Weichach den ersten Rang. Stehend von links: unbekannt, Franz Köfer, Eugen Widmer, unbekannt; kniend von links: Anton Laube, unbekannt.

zvg/Chronik

Die Wildsau vor dem «Paradies»

Nun also wird gefeiert: Nebst dem Jubiläumsakt mit Festredner Thierry Burkhart gestern Abend und dem ersten Nachtschiessen in der Vereinsgeschichte heute und morgen Abend, bildet eine 112-Seiten starke Chronik das Herzstück des 150-Jahr-Jubiläums: Eine Fundgrube von Daten, Fakten, Personalien, angereichert mit unzähligen Bildern, ist sie von bleibendem Erinnerungswert.

Verfasst hat sie Lengnaus Alt-Gemeindeammann Kurt Schmid, seit über 40 Jahre selbst Schütze und inzwischen Ehrenmitglied der Gesellschaft. Seine zuverlässige Treffsicherheit an grossen Schützenfesten war bekannt.

Am Eidgenössischen 1985 in Chur jedoch schoss Schmid keinen einzigen Kranz, wie er in der Chronik bekennt. Aber im Festzelt daselbst hatte er in einem Wettbewerb eine Reise für zwei Personen nach Paris gewonnen.

Eine weitere Anekdote widmet die Chronik dem langjährigen und engagierten, einstigen Vereinsmitglied und passionierten Jäger Albert Müller, Wirt vom inzwischen längst geschlossenen Restaurant Paradies: Anfangs der 40er-Jahre war es gelungen, in Lengnau ein Wildschwein zu erlegen.

Da allgemein die Überzeugung herrschte, dass sich nie wieder ein Schwarzkittel im Lengnauer Bann zeigen werde, wurde die prächtige Beute vor dem «Paradies» aufgestellt, sodass das ganze Dorf rasch informiert war und Müllers Beiz am Abend regen Gäste-Zustrom verzeichnen konnte.

Frauen schiessen «erstaunlich gut»

39 Jahre nach der «Feldschützengesellschaft» war 1908 der «Freie Schiessverein Lengnau» gegründet worden. Chronist Schmid hat sich auf die Suche gemacht, weshalb es zwei Schützenvereine im Dorf gab, konnte letztlich aber nur mutmassen. Verbrieft ist einzig, dass die beiden Gruppierungen am 9. Mai 1936 zur «Schützengesellschaft Lengnau» fusionierten und zwei Jahre später am «Kantonalen» in Lenzburg auf Anhieb «vergoldet» wurden.

Und just zum 100-Jahre-Jubiläum 1969 am Eidgenössischen in Thun schossen sich die Lengnauer Schützen im Gruppenschiessen über 100 Meter auf den 1. Rang. Dies sind nur zwei der vielen Beispiele aus der beeindruckenden Auflistung von Erfolgen. Natürlich fehlt darin auch nicht ein Beitrag über den erfolgreichsten Schützen der Vereinsgeschichte, Josef Laube.

Darin ist zu lesen, dass der heute 97-Jährige als «Mann ohne Nerven, der unzählige Male die maximale Punktzahl erreichte und weit über tausend Kränze schoss» in die Annalen eingegangen ist.

Ob in den Statuten von 1976 oder jenen von 2008: Als Zweck werden «Interesse der Landesverteidigung» und die «Pflege guter Kameradschaft und vaterländische Gesinnung» grossgeschrieben. Obwohl «das Land» ja sächlich ist, sind «Mutterland und mutterländisch» bekanntlich nicht existente Worte.

Ob es daran liegen mag, dass mit Bea Lehmann im Jahre 1998 erstmals eine Frau Mitglied der Schützengesellschaft wurde? Unter den aktuell 33 Vereinsmitgliedern ist nunmehr keine Frau mehr verzeichnet. Doch wie wird doch in der Operette «Die Csárdásfürstin» gesungen: «Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht. . .»

So hatt denn seit vielen Jahren der «Lady-Stich» am Lengnauer Endschiessen Tradition. Was der Chronist mit dem Satz kommentiert: «Dort überraschten die Frauen auf Anhieb mit ausgezeichneten Resultaten.»

Eng verbunden mit der Geschichte der Feldschützengesellschaft ist die Entwicklung der Gewehre. Am Anfang stand das «Vetterligewehr», so genannt nach dem Konstrukteur der bei der SIG Neuhausen dafür ein richtungsweisendes Verschluss-System entwickelt hatte. Mit diesem Repetiergewehr, das im gezielten Einzelschuss auf 21 Schuss pro Minute gesteigert werden konnte, erhielt die Schweizer Infanterie 1868 das modernste Gewehr jener Zeit.

21 Jahre später wurde das «Vetterligewehr» vom «Infanteriegewehr 1889» abgelöst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte die Eidgenössische Waffenfabrik mit dem Karabiner Modell 1911 eine neue Waffe. Da die Schützenvereine jedoch auf ein Langgewehr, das die Präszision steigert, drängten, wurde parallel das «Infanteriegewehr 1911» fabriziert.

Die Repetiergewehre wurden erst 1959 durch das Sturmgewehr 57 ersetzt, von dem eine Million Exemplare hergestellt wurden. Es folgte 1990 mit dem SG 550 das damals weltweit präziseste Sturmgewehr.

Im selben Jahr lockte die Einweihung der elektronischen Trefferanzeige über 1200 Schützen aus nah und fern in den Schützenstand in der Lengnauer Karrhalde. Zufolge Umzonungen musste der Stand später aufgegeben werden.

Als Ersatz kaufte sich die Gemeinde in die Schiessanlage Chrüzlibach in Rekingen ein, wo heute und morgen erstmals ein Nachtschiessen stattfindet. Nächste Woche erhalten zudem alle Lengnauer Haushalte die Chronik zugeschickt.