Bad Zurzach
1,66 Promille: Neonazi-Opfer vom Niederdorf sass wieder betrunken am Steuer

Ein Aussteiger aus der rechtsextremen Szene ist wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand verurteilt worden. Er muss eine Geldstrafe von 10800 Franken zahlen. 2012 war er im Zürcher Niederdorf niedergeschossen worden.

Rosmarie Mehlin
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Zu viel getrunken: Der Neonazi-Aussteiger wurde im Juli 2012 auf dem Achenberg beim Autofahren erwischt. (Symbolbild)

Zu viel getrunken: Der Neonazi-Aussteiger wurde im Juli 2012 auf dem Achenberg beim Autofahren erwischt. (Symbolbild)

Keystone

In der Nacht zum 6. Mai 2012 schoss der damals 24-jährige Neonazi Sebastian N. im Zürcher Niederdorf den zwei Jahre älteren Aargauer Z. nieder. Nach einer verbalen Auseinandersetzung hatte N. eine Pistole gezückt, sie dem Opfer auf die Brust gesetzt und abgedrückt.

Danach gab N. aus einiger Distanz einen weiteren Schuss auf sein Opfer ab, der sein Ziel aber verfehlte. Die erste Kugel hatte eine Rippe und die Lunge von Z. durchschlagen, bevor sie in dessen Schulterblatt steckenblieb. Z. überlebte. N. wurde einen Tag nach der Bluttat in Hamburg fest.

Auch die Deutsche Bundesanwaltschaft ermittelte gegen den Solothurner: Er soll Anführer einer rechtsextreme Terrorgruppe sein, die geplant haben soll, das «politische System der Bundesrepublik zu beseitigen». Am 6. März muss Sebastian N. sich wegen versuchter vorsätzlicher Tötung vor Bezirksgericht Zürich verantworten.

Keine Gnade für Aussteiger

Dort wird Z. als Zivilkläger auftreten. Dieser Tage aber hatte er als Angeklagter in Bad Zurzach vor Schranken gestanden. Auch er war einst kahlgeschoren; nun trägt er die Haare kurz geschnitten. Darunter schimmern Tätowierungen, die auch seinen Hals, Nacken, die Handrücken flächendeckend und mehrfarbig zieren.

Auffallende Pearcings an den Ohren und im Gesicht runden das Bild vom Rechtsextremen ab. Noch immer – doch der 28-Jährige hat diese Gesinnung abgelegt, dem Neonazitum abgeschworen. «Ich habe damit gebrochen – 100 Prozent», beteuert er. Der Ausstieg aus der Szene hatte ihn im Mai 2012 beinahe das Leben gekostet, denn ungestraft kehrt kein Mitglied der «Blood and Honour»-Brüderschaft den Rücken. . .

Mit 1,66 Promille unterwegs

Z. hat aber noch ein anderes Problem – den Alkohol, insbesondere in Verbindung mit Autofahren. Anfang Juli letzten Jahres war er nach 4 Uhr morgens auf dem Achenberg ob Zurzach mit mindestens 1,66 Promille am Steuer seines Wagens erwischt worden. Auch Spuren von Medikamenten waren in seinem Blut: «Seit dem Vorfall im Niederdorf bin ich in psychiatrischer Behandlung und muss Tabletten gegen Angstzustände nehmen.»

Seit jener Julinacht ist Z. den Fahrausweis auf unbestimmte Zeit los – und das schon zum zweiten Mal. «Ich hatte dann einen psychologischen Test gemacht und den Ausweis wieder bekommen.»

Z. ist wegen diversen Strassenverkehrs-Delikten, darunter auch mehrfach wegen Fahrens im angetrunkenen Zustand (FiaZ), vorbestraft. Eine 24-tägige Freiheitsstrafe hat er mit gemeinnütziger Arbeit in einem Altersheim «abgesessen».

Für eine bedingte Geldstrafe von 23400 Franken läuft noch die Probezeit. Diese, so der Verteidiger, sei nicht zu widerrufen, denn «verschiedene Umstände sprechen dafür, das Z. sich bessert».

Im letzten August hat Z. geheiratet, im November ist er Vater eines Buben geworden. Er hat klare Zukunftspläne: «Zwei bis drei Kinder, ein Eigenheim und den Fahrausweis wieder.»

Seit drei Jahren hat er einen guten Job auf dem Bau, verdient brutto 6000 Franken. Allerdings war er nach einem Treppensturz im August, der einen komplizierten Beinbruch zu Folge hatte, zu 100 Prozent krankgeschrieben, kann nun seit Anfang Jahr wieder zu 50 Prozent arbeiten. Wegen seines Alkoholproblems unterzieht er sich freiwillig einer Antabus-Kur.

10800 Franken unbedingt

Wegen qualifiziertem FiaZ forderte der Staatsanwalt eine unbedingte Geldstrafe von 12000 Franken. Der Verteidiger, dem klar war, dass «ein Bedingter» bei seinem Mandanten nicht mehr drin liegt, plädierte auf 6300 Franken Geldstrafe.

Einzelrichter Cyrill Kramer verurteilte Z. zur unbedingten Geldstrafe von 10800 Franken: «Der Widerruf der bedingten Strafe stand auf der Kippe. Doch weil der nun aktuell zu bezahlende Betrag einschenkt, wird die Probezeit für die 23400 Franken – damals war es wenigstens nicht um FiaZ gegangen – um zwei auf maximal möglichen sechs Jahre verlängert.»

Er wolle, sagte Z. «in Zukunft keinen solchen Saich mehr machen». Wenn doch, dürften Eigenheim und Fahrausweis in astronomische Ferne entschwinden.