Wislikofen

Zwischen Shitstorm und Bewunderung: Wie der Fall Khan ein kleines Dorf in Ausnahmezustand versetzte

Kaniz Fatema Khan (l.) mit ihren Kindern Alif Khan und Labiba Khan (r.) nach ihrer Einbürgerung an der Gemeindeversammlung in der Propstei Wislikofen.

Kaniz Fatema Khan (l.) mit ihren Kindern Alif Khan und Labiba Khan (r.) nach ihrer Einbürgerung an der Gemeindeversammlung in der Propstei Wislikofen.

Die 40-jährige Kaniz Fatema Khan aus Bangladesch hatte mit ihrem Einbürgerungsgesuch unwillentlich einen kleinen Sturm im beschaulichen 342-Einwohner-Dorf ausgelöst. Wie konnte es dazu kommen?

Als Wislikofens Ammann Heiri Rohner nach der Gemeindeversammlung am Mittwochabend seine Sachen zusammengepackt und das letzte Interview gegeben hatte, war er froh, dass er die Treppe ins Foyer hinuntersteigen konnte. Er hatte aufwühlende Tage und Stunden hinter sich. Nun konnte er loslassen. Endlich.

Unten hatten sich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger bereits zum traditionellen Apéro versammelt. Die Atmosphäre war ausgelassen. Es wurde diskutiert und angestossen. Mitten im Trubel: Kaniz Fatema Khan. Mit Blumenstrauss und Geschenken und im Wissen, dass sie bald den roten Pass in Händen halten wird.

Die 40-Jährige aus Bangladesch hatte mit ihrem Einbürgerungsgesuch unwillentlich einen kleinen Sturm im beschaulichen 342-Einwohner-Dorf ausgelöst. Denn als der Gemeinderat empfohlen hatte, Kaniz Fatema Khan nicht einzubürgern, warf das Wellen, die man sich in der Zurzibieter Ortschaft nicht gewohnt ist.

Bilder von der Gemeindeversammlung in Wislikofen:

Ammann Rohner sagte: «Im Dorf gab es angeregte Diskussionen, stets fair, wenn auch manchmal hart.» Mit der Berichterstattung der Medien sei er nicht immer einverstanden gewesen. «Was mir aber besonders zusetzte, waren die Online-Kommentare. Die waren teilweise unter der Gürtellinie.» Heiri Rohner gestand, dass er oft mitten in der Nacht aufwachte, «und mein erster Gedanke, wenn ich wach im Bett lag, galt diesem Einbürgerungsprozess».

Die Leute im Dorf mögen die zurückhaltende, aber aufgestellte Frau, das sah und spürte man an der Gmeind. Und man glaubte der Mutter von zwei Kindern, wenn sie sagte, dass es ihr ausgesprochen leidtue, den Gemeinderat und an vorderster Front Ammann Heiri Rohner in diese Situation gebracht zu haben.

Landwirt Rohner macht einen anständigen, offenen und besonnenen Eindruck. Es fiel ihm und seinen Ratskollegen nicht leicht, Kaniz Fatema Khan wegen «zu schwachen sprachlichen Kenntnissen und fraglicher Integration» die Empfehlung abzusprechen.

Aber so wie man Khan glaubt, dass ihr der Rummel leidtue, glaubt man Rohner, wenn er sagt: «Ich bin froh, haben die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger Frau Khan eingebürgert.» Mit 67:11 Stimmen geschah dies klar. Vielleicht am treffendsten brachte ein Votum aus der Versammlung die Sache auf den Punkt: «Die Gemeindeversammlung konnte mit dem Herz urteilen, der Gemeinderat musste sich nach den Kriterien eines Leitfadens richten.»

Einbürgerung: «Mit einem so deutlichen Ja habe ich nicht gerechnet»

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Mit 67:11 Stimmen heisst die Wisliker Gemeindeversammlung die Einbürgerung von Kaniz Fatema Khan klar gut. Die Neu-Schweizerin sagt: «Ich fühle mich hier wie in einer Familie.»

Lieber Wislikofen als Zürich

Wislikofen verbrachte die letzten Wochen in einem Spannungsfeld zwischen Herz und Hirn. Zwischen Shitstorm und Bewunderung. Bewunderung für die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, die sich der Empfehlung des Gemeinderats widersetzten. «Wislikofen ist meine Heimat, meine Familie. Ich will dazugehören», hatte Khan der Versammlung vor der Abstimmung gesagt.

Von ihren 20 Jahren in der Schweiz verbrachte sie die ersten 10 in Zürich. Den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern in Wislikofen sagte sie: «Hier will ich mich einbürgern lassen. In Zürich habe ich mich weniger wohl gefühlt als in Wislikofen.» Der Zuspruch der letzten Tage und Wochen habe ihr Kraft gegeben.

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